Interview

Aktivist der „Letzten Generation“ aus Kassel: „Für mehr Klimaschutz würde ich ins Gefängnis gehen“

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Carl-Christian Porsch bei einem Farbprotest vor einem Gucci-Laden auf dem Berliner Kurfürstendamm.
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Ist die „Letzte Generation“ eine kriminelle Vereinigung? Aktivist Carl-Christian Porsch aus Kassel wehrt sich gegen eine Kriminalisierung.

Kassel – Carl-Christian Porsch machte schon häufiger Schlagzeilen. Im November 2022 klebte sich der Klimaaktivist der Letzten Generation an das Dirigentenpult der Hamburger Elbphilharmonie. Nun ermitteln die Behörden gegen die umstrittene Gruppe wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. In Kassel solidarisierten sich diese Woche Fridays for Future und andere Klimaschützer mit der Gruppe. Wir sprachen mit Porsch über die bundesweite Razzia gegen die Letzte Generation.

Sie tragen einen Verband an der linken Hand. Hat das mit Ihrer Aktion vorige Woche auf der Berliner Stadtautobahn zu tun, wo Sie sich auf einem Leihwagen festgeklebt hatten?

Genau, dabei kam es zu einer chemischen Reaktion zwischen Klebern, Sand und Pollen. Zehn Minuten lang hat es höllisch gebrannt. Als mich die Polizisten vom Dach lösten, wurde es sehr schmerzhaft. Da habe ich mich gefragt, ob es das wert ist.

Und: Ist es das wert?

Auf jeden Fall. Ich wünschte, die Krise wäre nicht so groß. Es braucht den Protest. Von der Verbrennung werden Narben bleiben. Das sind die Opfer, die wir bringen müssen.

Wurde bei der Razzia gegen die Letzte Generation auch Ihre Wohnung durchsucht?

Glücklicherweise nicht, aber ich kenne die Aktivisten und Aktivistinnen, die betroffen waren, größtenteils persönlich. Polizisten und Polizistinnen standen morgens mit Waffen in ihrer Wohnung. Ich empfinde das als sehr unverhältnismäßig. Ich verstehe nicht, warum wir kriminalisiert werden. Wir setzen uns doch nur für den Planeten ein. Andere, die unsere Zukunft verheizen, kommen ungeschoren davon.

Aktivist der „Letzten Generation“ aus Kassel: „Wir wissen einfach nicht mehr weiter“

Es geht aber nicht nur um Klebeaktionen, sondern auch um einen Sabotage-Akt auf eine Ölpipeline. Wie gefährlich ist die Letzte Generation?

Darauf muss ich mit einer Gegenfrage antworten: Wie gefährlich ist die Politik der Bundesrepublik, die weiterhin in fossile Energien investiert? Rein rechtlich ist die Sache mit der Ölpipeline ein Sabotage-Akt, aber eigentlich ist es ein Hilfeschrei und ein Akt der Verzweiflung. Wir wissen einfach nicht mehr weiter.

Kaum jemand bestreitet, dass Klimaschutz notwendig ist. Sie begehen für Ihre Ziele aber regelmäßig Straftaten. Muss ein demokratischer Staat nicht darauf reagieren?

Ich habe Verständnis für polizeiliche Maßnahmen. Nach jeder Aktion gehen wir mit auf die Polizeiwache und lassen unsere Personalien aufnehmen. Ich bin dankbar, dass unser Rechtsstaat recht gut funktioniert. Ich habe jedoch kein Verständnis für Hausdurchsuchungen bei Menschen, die sich für die Zukunft einsetzen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass wir Straftaten begehen. Mit den juristischen Konsequenzen leben wir.

Was würden Sie sagen, wenn sich AfD-Leute auf die Straße kleben, um gegen die Aufnahme von Flüchtlingen zu protestieren?

Das würde ich auch nicht gut finden. Aber für so etwas sind die Menschen nicht verzweifelt genug. Außerdem geht es bei uns um ein gesamtgesellschaftliches Problem und nicht um eine Meinung, wie sie die AfD vertritt, die gegen Flüchtlinge ist.

Heiligt der Zweck für Sie alle Mittel?

Nein, bei mir ist Schluss, wenn es in ein gewaltvolles Handeln übergeht. Solange niemand verletzt wird, ist es okay – ob psychisch oder physisch. Bei Straßenblockaden geben wir immer unser Bestes, um zu verhindern, dass jemand zu Schaden kommt. Sobald wir ein Martinshorn hören, stehen diejenigen auf, die sich nicht angeklebt haben, und machen Platz für eine Rettungsgasse. Alles, was wir machen, ist friedlich.

Sie können aber nicht ausschließen, dass ein Rettungswagen wegen Ihnen zu spät zu einem Unfall kommt.

Natürlich können wir das nicht ganz ausschließen. Aber sobald wir ein Martinshorn hören, stehen diejenigen auf, die sich nicht angeklebt haben, und machen Platz für eine Rettungsgasse. Wir haben das bestmögliche Sicherheitskonzept. Sobald wir eine Gefahr wahrnehmen, kann sich der Stau auflösen. Wir wollen, dass jedes Leben auf der Welt geschützt wird.

Sicherheitsexperten warnen vor einer Radikalisierung der Bewegung. Wie groß ist diese Gefahr?

Die Gefahr ist sehr gering. Wir achten peinlichst genau darauf, dass wir friedlich bleiben und niemand zu Schaden kommt. Jeder, der etwas anderes anklingen lässt, wird ausgeschlossen.

Aber wenn Sie Ihre selbst gesteckten Ziele wie ein Tempolimit und ein Neun-Euro-Ticket nicht erreichen, gibt es doch mit Sicherheit Stimmen, die neue und krassere Protestformen befürworten.

Natürlich überdenken wir unsere Proteste immer wieder. Wir schauen, wie sinnvoll unsere Aktionen sind und wie man intensiver stören kann. Darum haben wir vorige Woche den Verkehr auf der Berliner Stadtautobahn lahmgelegt. Kartoffelbrei auf Gemälde zu werfen, gab es vorher auch nicht. Das hat unglaublich viel Aufmerksamkeit für unser Anliegen gebracht.

Ist Ihr Protest nicht kontraproduktiv? Man spricht nur über Ihre Aktionen und nicht über Klimaschutzmaßnahmen.

Zum Teil nehme ich das auch so wahr. Trotzdem glaube ich, dass jede Aufmerksamkeit für uns auch der Sache dienlich ist. Das merken wir auch nach den Hausdurchsuchungen. Wir erleben eine unglaubliche Solidaritätswelle. Die Spendenbereitschaft hat deutlich zugenommen. Viele Menschen finden uns gut, äußern sich aber nicht laut.

„Immer wieder wird uns über die Füße gefahren“

Laut Umfragen halten jedoch mehr als 80 Prozent der Deutschen die Straßenblockaden der Letzten Generation für falsch.

Aktuelle Umfragen dazu kenne ich leider nicht. Ich nehme aber die Zurufe wahr, die wir bekommen.

Sie wurden wegen einer Klebeaktion in Kassel bereits zu einer Geldstrafe verurteilt und haben dagegen Revision eingelegt. Würden Sie für Ihre Ziele auch ins Gefängnis gehen?

Die Frage habe ich mir auch gestellt – vor allem, weil ich in Berlin auch dreimal zu Geldstrafen verurteilt wurde. Die Antwort fällt mir nicht leicht: Ja, ich würde dafür ins Gefängnis gehen. Wenn es deswegen mehr Klimaschutz gibt, ist es das, was wir brauchen.

Manche Autofahrer reagieren aggressiv auf Ihre Klebeaktionen. Wurden Sie auch schon angegangen?

Nein, ich selbst noch nicht, aber es passieren viele Sachen. Oft werden wir angespuckt. Immer wieder wird uns über die Füße gefahren. Wir erstatten bewusst keine Anzeige. Es ist nicht richtig, wie manche Menschen reagieren, aber wir verstehen, wenn die Menschen wütend werden.

Zuletzt schrieb uns ein Heizungsbauer, wir sollten nicht mehr über „Klimaspinner“ wie Sie berichten. Sie sollten lieber arbeiten, etwa in seiner Branche, in der viele Fachkräfte fehlen. Was antworten Sie ihm?

Dass er einen superwichtigen Job macht. Es braucht Menschen wie ihn, die die Heizungswende vorantreiben. Aber es braucht auch diejenigen, die den Feueralarm ausrufen. Das sind wir. (Matthias Lohr)

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