Worauf es neben der gesetzlichen Rente ankommt

Altersvorsorge: Junge Menschen wissen heute besser über Rente Bescheid

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Gut durchgerechnet nach ausführlicher Beratung: Das empfiehlt die Deutsche Rentenversicherung generell, aber vor allem jungen Menschen, die sich mit ihrer Rente beschäftigen.
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Die Babyboomer rüttelte oft erst der Rentenbrief in den 2000er-Jahren wach. Heute sind junge Leute besser informiert und sorgen schon früh auch privat fürs Alter vor.

Kreis Kassel – „Die Rente ist sicher“ – dieses Versprechen des früheren Bundesarbeitsministers Norbert Blüm war einmal. Zwar sollen die Renten zum 1. Juli um 4,57 Prozent steigen, wie gestern bekannt wurde, doch die Jüngeren wissen: Neben der gesetzlichen Rente kommt es darauf an, privat vorzusorgen.

Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) untersucht im Rahmen ihrer Jugendinitiative Rentenblicker regelmäßig die Altersvorsorge junger Menschen. „Die letzte Evaluation erfolgte 2023 und ergab, dass die Zielgruppe der 15- bis 25-Jährigen im Vergleich zu 2018 bereits mehr Wissen um die private Altersvorsorge, wie beispielsweise Aktien und ETF-Anlagen erworben, und entsprechende Sparpläne abgeschlossen hat“, so eine Sprecherin der DRV.

Die vermehrte Beschäftigung junger Menschen mit ihrer Altersvorsorge bemerken auch die Geldinstitute im Landkreis Kassel: „Der Anteil derjenigen, die bereits Maßnahmen ergriffen haben ist für die 14- bis 29-Jährigen in 2023 um 4,8 Prozent höher als noch in 2019“, erklärt Katrin Westphal, Sprecherin der Kasseler Sparkasse. Der Blick in die Statistik verrate, dass sich 2023 nur noch 18,5 Prozent der 14- bis 29- Jährigen noch nicht mit dem Thema Altersvorsorge beschäftigt hätten.

Schon Zehnjährigen wird eine Berufsunfähigkeitsversicherung empfohlen

„Meine Generation hat erst spät gesagt bekommen, dass sie selbst etwas für die Altersvorsorge tun muss“, erklärt Markus Gerland (58) von der Abel und Buchholz OHG, einer Allianz-Versicherungsagentur in Wolfhagen. Erst als in den 2000er-Jahren die Rentenbriefe eintrudelten, habe sich ein Wandel eingestellt.

„Heute informieren wir die Eltern von jedem Kind ab zehn Jahren über eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU)“, sagt Gerland. Vor der Pubertät treten vor allem psychische Erkrankungen selten auf, sodass für die BU kein Ausschlusskriterium gilt, wie er erklärt. „80 Prozent machen dann bei uns einen Abschluss.“ In den vergangenen drei Jahren habe er so viele Abschlusse gemacht wie in allen Jahren davor.

Martin Goerke von der DEVK-Versicherung in Hofgeismar stellt fest, dass die jungen Menschen häufiger zumindest über eine Altersvorsorge nachdenken. „Doch sie setzen sie selbst eher weniger um.“ Meist seien es eher die Eltern, die die Kinder dazu motivieren. Darüber hinaus würden viele auch erst die eigene Familiengründung abwarten. „Durch Studienzeiten und Ausbildung verzögert sich das aber immer weiter nach hinten.“

71 Prozent halten gesetzliche Rente für ideal

Laut einer aktuellen Umfrage der DRV steht die Rente aus der gesetzlichen Rentenversicherung auf Platz eins, wenn es um die ideale Alterssicherung geht: Für 71 Prozent der Befragten gibt es keine bessere Vorsorgeform, 2014 lag der Wert noch bei 54. In der letzten Befragung hat die gesetzliche Rente das Eigenheim erstmals seit 2014 als präferierte Altersvorsorge abgelöst. Auch das Vertrauen der 16- bis 34-Jährigen ist gestiegen, von 64 Prozent im Jahr 2020 auf 68 Prozent.

Immer mehr junge Leute lassen sich zu ihrer Altersvorsorge beraten

Junge Menschen wollen heute also oft schon früh etwas für ihre Altersvorsorge tun, wie die Daten von Geldinstituten und der Deutschen Rentenversicherung zeigen. Doch welche Verträge, Tarife und Optionen sind empfehlenswert? Um das zu klären, holen sich auch junge Leute Hilfe: „Wir haben durchaus viele junge Menschen, die sich von uns beraten lassen oder unsere Vorträge zur privaten Altersvorsorge besuchen“, berichtet Katharina Lawrence, die als Referentin für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Hessen arbeitet.

„Als die Babyboomer jung waren, wurde noch nicht in dieser Breite wie heute über private Altersvorsorge diskutiert“, sagt sie. Doch auch bei ihnen, die schon bald in Rente gehen, gebe es Beratungsbedarf: „Ein Berufseinsteiger, der noch mit dem Abschlusszeugnis in der Hand einen kostenintensiven, wenig flexiblen Altersvorsorgevertrag abgeschlossen hat, sitzt unter Umständen Jahre später vor uns, weil er diesem Vertrag dringend benötigtes Geld nicht entnehmen kann.“

In jedem Fall lohnt es sich aber, schon in frühen Jahren mit der Altersvorsorge anzufangen, wie Katja Braubach, Sprecherin der Deutschen Rentenversicherung, erklärt: „Wer sich schon früh mit der Altersvorsorge beschäftigt, kann auch mit kleinen Beträgen größere Summen ansparen.“ So könne beispielsweise über einen Zeitraum von 40 Jahren mit einer monatlichen Sparrate von 50 Euro und einer angenommenen Verzinsung von sechs Prozent ein Betrag von knapp 96 000 Euro erreicht werden. „Soll der gleiche Betrag in nur 20 Jahren erreicht werden, müssen bei einer ebenfalls sechsprozentigen Verzinsung bereits knapp 210 Euro monatlich angespart werden“, sagt sie.

ETS und Bausparverträge im Trend – Interesse an betrieblicher Rente nimmt ab

Die Finanzprodukte, die infrage kommen, sind unterschiedlich: Bei der Kasseler Sparkasse wurde 2023 verstärkt in Bausparverträge investiert, ebenso wie in Tages- und Festgeld, wie Sprecherin Kathrin Westphal berichtet. Dagegen seien Investitionen in Aktien und Investmentfonds im Vergleich zu den Vorjahren gesunken.

„Auch die betriebliche Altersvorsorge und die Riester-Rente haben in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen stark abgenommen“, sagt Westphal. Auch beim Solar-Unternehmen SMA aus Niestetal zeigt sich laut Sprecherin Dagmar Buth-Parvaresh aktuell noch kein zunehmendes Interesse an betrieblicher Altersvorsorge unter jungen Mitarbeitenden und Berufseinsteigern. Dabei biete SMA regelmäßige Informationsveranstaltungen zur betrieblichen Altersvorsorge an.

Nach Auskunft der Sparkassen-Statistikabteilung seien die verstärkten Investitionen in Bausparverträge primär bei den Jüngeren festzustellen, wohingegen man die Entwicklungen bei Tages- und Festgeld sowie Aktien und Investmentfonds auch in allen Altersklassen beobachten könne, erklärt Sprecherin Westphal.

Unter die Fonds fallen auch ETFs, die einen Börsenindex wie zum Beispiel den Dax oder den MSCI World nachbilden. Gerade junge Leute seien an ETFs interessiert, sagt Katharina Lawrence von der Verbraucherzentrale Hessen. Doch sie warnt: „ETFs sind ungeeignet für alle, die in naher Zukunft größere Anschaffungen oder einen Immobilienkauf planen und dann über eine passende Geldsumme verfügen müssen.“ Für Aktien-ETFs würden dieselben Risiken gelten wie für herkömmliche Aktienfonds. Es könne immer Wertschwankungen geben. Aber wer diese Hochs und Tiefs der Börse aushalte, könne mit vergleichsweise kleinen Beträgen über einen langen Zeitraum ein Polster für das Alter erwirtschaften. (Paul Bröker)

Altersvorsorge: Gründlich informieren vor Abschluss

Bevor eine Entscheidung für eine Altersvorsorge getroffen wird, sollte sich jeder bei unabhängigen Stellen informieren, rät die Deutsche Rentenversicherung (DRV). So gebe es im viele Informationsmöglichkeiten im Internet, aber auch Beratungsstellen wie beispielsweise die Verbraucherzentralen. Eine weitere Möglichkeit bieten die Auskunfts- und Beratungsstellen der DRV. Speziell ausgebildete Berater bieten dort Intensivgespräche zur Altersvorsorge an. Sie informieren laut DRV neutral, unabhängig, kostenlos und leicht verständlich über alle Themen der Altersvorsorge (gesetzliche, betriebliche und private Altersvorsorge). „Sie wollen nichts verkaufen und sorgen für mehr Durchblick im Dschungel der Altersvorsorge“, erklärt eine DRV-Sprecherin.

Ziel des Serviceangebots sei es, den Versicherten das notwendige Wissen für eigenverantwortliches Handeln zum Aufbau einer zusätzlichen Altersvorsorge zu vermitteln. Damit können sie die für sie richtige Vorsorgeentscheidungen treffen – abhängig von Alter, Einkommen, Familienstand und der persönlichen Sicherheitsorientierung.

Im persönlichen Gespräch wird gemeinsam die derzeitige Vorsorgesituation festgestellt und im Anschluss die Möglichkeiten betrieblicher und/oder privater Altersvorsorge, die unterschiedlichen Förderwege sowie die Vor- und Nachteile der wichtigsten Produktarten erläutert. „Wichtig beim Thema Altersvorsorge ist zu beachten, dass dies ein Thema ist, mit dem man sich immer wieder beschäftigen muss“, so die DRV-Sprecherin. Sei in jungen Jahren bereits ein Produkt gefunden und abgeschlossen worden, sollte diese Entscheidung regelmäßig überprüft werden. Die eigene Lebenssituation kann sich ändern, es kommen Kinder hinzu, der Arbeitsplatz ändert sich und so weiter. Dies kann eine Anpassung der Altersvorsorge notwendig machen.

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