VonOliver Teutschschließen
Timo Pipp ist Gerichtsvollzieher in Frankfurt. Und er liebt den Beruf. Doch vor allem bei Flughafenfirmen ist das Pfänden schwer.
Timo Pipp macht viele Hausbesuche, doch sonderlich willkommen ist er meist nicht. Der 41-Jährige nimmt das nicht persönlich, denn er ist Gerichtsvollzieher und klingelt dienstlich. Nur äußerst selten muss er das Überfallkommando um Hilfe bitten, wie vor etwa zwei Jahren im Gallus. Der Schuldner wollte partout nicht öffnen und als eine Nachbarin Pipp warnte, verständigte er statt des Schlüsseldienstes lieber die Polizei. Dort war der Schuldner auch bestens bekannt. Die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an und versorgte Pipp erstmal mit einer schusssicheren Weste.
„Ich wollte dann sein Mountainbike pfänden, aber die Polizei meinte, wir schauen lieber erstmal nach der Rahmennummer“, erinnert sich Pipp. Das Fahrrad war gestohlen, nichts zu holen für den Geldeintreiber. Dafür aber für das Drogendezernat, denn in der Wohnung fand sich eine Indoor-Plantage. So turbulent geht es in Pipps Alltag nicht immer zu, aber: „Kein Tag ist wie der andere, es ist unheimlich abwechslungsreich, das macht mir so einen Spaß.“
Gerichtsvollzieher in Frankfurt: Aus Neugier zum Bewerbungstest
Womöglich wäre der gebürtige Wetterauer heute Maschinenbauer, wenn er nicht auf den Rat eines Kunden bei der Frisörin seiner Mutter gehört hätte. Der war selbst Gerichtsvollzieher und erzählte, seinesgleichen würde in Hessen gerade händeringend gesucht, da sich das Aufgabenfeld erweitert habe. Das war 1999 und Pipp noch Schüler in Friedberg. Er bewarb sich aus Neugier und erhielt eine Einladung zum Bewerbungstest, dem bald darauf die Zusage folgte. Pipp entschloss sich daraufhin zu einer Laufbahn im mittleren Beamtendienst, auch wenn er nicht direkt als Gerichtsvollzieher einsteigen konnte. Denn erst kommt die allgemeine Ausbildung zum Justizsekretär, dann sind zwei Jahre Berufserfahrung obligatorisch, dann erst konnte Pipp seine zweijährige Weiterbildung zum Gerichtsvollzieher starten, die ihm großen Spaß machte: „Ich fühle mich ganz wohl mit den Paragrafen, das fällt mir leichter als das Lernen in der Schule.“
Seit 2007 ist Pipp nun Gerichtsvollzieher in Frankfurt, zunächst zuständig für Bornheim, dann in der Innenstadt, zwischenzeitlich im Westend und mittlerweile im Gallus. Zuletzt kam noch ein weiteres Revier dazu: der Flughafen. Das Revier erfreut sich unter den rund 50 Frankfurter Gerichtsvollzieher:innen keiner allzu großen Beliebtheit, denn es ist nicht so ohne weiteres möglich, auf das Gelände zu kommen. Anders als im Gallus wird am Flughafen zu 99 Prozent bei Firmen vollstreckt, etwa Speditionen oder Fluggesellschaften.
Gerichtsvollzieher am Frankfurter Flughafen: „Airlines zahlen auch nicht so gerne“
„Airlines zahlen auch nicht so gerne und sie haben einen langen Atem“, weiß Pipp mittlerweile. Dabei geht es weniger darum, dass sie nicht flüssig sind, sondern dass sie mit dem Abarbeiten von Zahlungsansprüchen der Kundschaft nicht hinterherkommen. „Wenn ich mit einem Vollstreckungsbescheid komme, wird der dazugehörige Vorgang meist aus einem riesigen Stapel rausgefischt“, so der Ober-Gerichtsvollzieher. Wenn die Airlines nicht freiwillig zahlen, wird es meist schwierig mit dem Vollstrecken, denn Hauptsitz und Konten der Airlines sind meist im Ausland. Auch die Bordkasse, die gepfändet werden könnte, gibt meist nicht mehr viel her, die meisten Käufe an Bord werden mittlerweile per Kreditkarte gezahlt.
Als Gerichtsvollzieher arbeitet Pipp weitgehend eigenständig. Im Amtsgericht ist er nur zweimal in der Woche für seine Sprechstunde. Dann können Schuldner:innen offene Rechnungen begleichen oder eine Ratenzahlung beantragen. Seine Bürotätigkeiten erledigt Pipp von zu Hause. Mit dem Posteingang hat er so viel zu tun, dass er sogar noch eine Honorarkraft beschäftigt. Denn selbst ist er meist im Außendienst. Etwa 50 Stunden die Woche arbeitet Pipp, schätzt er. Um abzuschalten, geht er Laufen oder Radfahren, im Winter ist er begeisterter Skifahrer. Sollte ihn ein Problem mit der Arbeit mal zu sehr beschäftigen, kann er immer noch seine Frau Martina fragen. Denn auf der Gerichtsvollzieher-Schule in der Eifel lernte er seinerzeit nicht nur Paragrafen, sondern auch seine heutige Frau kennen.
Gerichtsvollzieher in Frankfurt: Nicht alle kommen mit dem Job klar
Pipp findet aber, dass er im Allgemeinen ganz gut abschalten kann vom Alltag als Geldeintreiber. Das gelinge nicht allen so gut, lässt er durchblicken. Der eine oder die andere Jüngere hätte den Job auch wieder an den Nagel gehängt wegen der psychischen Belastung. Auch wenn die Einsätze meist unkomplizierter sind als weiland im Gallus. (Oliver Teutsch)
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