Hessen

Immer mehr Wölfe in der Region unterwegs - starker Anstieg bei Tierrissen

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Immer mehr Wölfe in Hessen: 227 Mal wurden die Raubtiere 2023 in Hessen vom HLNUG offiziell nachgewiesen, ein Drittel der Fälle stammt aus den Landkreisen Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner und Schwalm-Eder.
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Die Zahl der Wölfe steigt in Hessen seit Jahren an – auch die Anzahl an Rissen. Experten geben einen Überblick über die Situation.

Hersfeld-Rotenburg – Nachdem Wölfe in Deutschland rund 150 Jahre lang ausgerottet waren, wurde im Februar 2019 erstmals offiziell ein Wolf im Landkreis Hersfeld-Rotenburg, in Kathus, genetisch an einem gerissenen Reh nachgewiesen. Seither ist die Population stetig gewachsen, wie auch die Zahlen des Wolfszentrums Hessen (WZH) beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) bestätigen. Demnach wurden Wölfe in Hessen 2023 in 227 Fällen offiziell vom Wolfszentrum – durch Bilder, Videos, Speichelproben an gerissenen Tieren und Losung – nachgewiesen. 2022 waren es noch 180 Fälle.

74 der 227 hessischen Nachweise stammen aus den drei Landkreisen Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner und Schwalm-Eder – also jeder dritte Beleg.

Dazu führt das HLNUG auf seiner Internetseite Verdachtsfälle auf: Bei weiteren 167 Fällen in Hessen konnte 2023 entweder keine Art im Labor erfolgreich bestimmt werden oder es wurde ein anderes Tier, wie beispielsweise Fuchs oder Hund, am Riss nachgewiesen.

Hessen: 26 verschiedene Wölfe wurden offiziell nachgewiesen

Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg entfallen die meisten Zeugnisse auf Ludwigsau, gefolgt von Neuenstein und Rotenburg. Auch in Alheim und Cornberg wurde 2023 Wolfs-DNA vom Wolfszentrum dokumentiert. Im Kreis Werra-Meißner stammen die meisten Belege aus Waldkappel und im Kreis Schwalm-Eder ist die Umgebung um Spangenberg Spitzenreiter.

Waldkappel: Auf einer Weide ist in der Nacht zum 10. Mai 2023 eine gesamte Schafherde (neun Tiere) gerissen worden.

Insgesamt wurden 2023 in Hessen vom Wolfszentrum 26 verschiedene Wolfsindividuen nachgewiesen. 2022 waren es noch 16. Allerdings hat die Zahl nur wenig Aussagekraft darüber, wie viele Wölfe wirklich in Waldhessen leben. Denn: Von allen Wolfsnachweisen im Kreis Hersfeld-Rotenburg konnte nur bei einem einzigen Nachweis – einem gerissenen Reh in Ludwigsau – auch das genaue Wolfsindividuum dazu ermittelt werden. In diesem Fall war es ein weiblicher Wolf mit dem Laborkürzel GW1142f, der auch schon 2022 seine Spuren nachweislich in Waldhessen hinterließ.

Dazu kommt, dass bei den offiziellen Zahlen des Ministeriums mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen ist, weil zum einen nur ein Bruchteil der gerissenen Tiere und Hinterlassenschaften wie Kot gefunden und beprobt werden sowie im Labor bei einem erheblichen Teil der eingereichten Proben keine eindeutige DNA-Analyse erfolgen kann.

Mehr Tier-Risse in Hessen: Steigerung in einem Jahr von über 100 Prozent

Noch 2022 wurden in der Nachweisliste 36 Tier-Risse in Hessen aufgeführt, 50 Prozent davon bei Nutztieren. 2023 waren es 76 Tierrisse, 39 Fälle davon bei Nutztieren wie Schafen, Ziegen und Kuhkälbern.

Allein ein Wolf benötigt rund 3,5 Kilogramm Fleisch am Tag. Das entspricht etwa 70 Rehen im Jahr. Bei den 26 offiziell nachgewiesenen Wölfen in Hessen macht das einen Nahrungsbedarf jährlich von rund 1820 Rehen, ohne Berücksichtigung der nicht offiziell erfassten Fälle. Weitere Belege sind auf der Internetseite des HLNUG zu finden.

Zwei Totfunde in Waldhessen: Beprobungen sind noch nicht abgeschlossen

Im Rahmen des hessischen Wolfsmonitorings wurden Ende 2023 zwei Totfunde von Wölfen aufgenommen. Bei dem ersten Fund handelt es sich um das Skelett des Rüden GW3501m, welches am 28. Oktober von einem amtlichen Wolfsberater bei Ludwigsau gefunden wurde. Der Rüde stammte aus dem Rudel Noord-Veluwe in Gederland in den Niederlanden und wurde am 7. Mai 2023 das erste Mal in Deutschland in der Nähe von Lippetal in Nordrhein-Westfalen nachgewiesen.

Die Identifizierung des Individuums und die Bestimmung der Herkunft erfolgten über einen Zahn des Tieres im Zentrum für Wildtiergenetik der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Für eine weiterführende Untersuchung wurde das Skelett in das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin überführt. Die Untersuchung beinhaltet auch die Ermittlung der Todesursache, sofern dies anhand des vorhandenen Skeletts möglich ist (wir berichteten).

Ein weiterer toter Wolf wurde dem Wolfszentrum Hessen am 6. November 2023 von der Polizeiautobahnstation Bad Hersfeld gemeldet. Das Tier war bei einem Zusammenstoß mit einem Auto auf der Autobahn A5 bei Alsfeld (Vogelsbergkreis) tödlich verletzt worden.

Anhand einer Gewebeprobe wurde festgestellt, dass es sich bei dem verendeten Wolf um den Rüden GW3276m aus dem Territorium Braunlage in Niedersachsen handelt.

Wolfszentrum Hessen (WZH) sammelt Daten zu Wolfsmeldungen

Rissverdachtsfälle sollten innerhalb von 24 Stunden an das Wolfszentrum Hessen (WZH) am Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) gemeldet werden. Die amtliche Wolfshotline (0641 2000 95 22) ist montags bis sonntags sowie an Feiertagen von 8 bis 16 Uhr erreichbar. Außerhalb der Sprechzeiten sollten die für den Landkreis zuständigen Wolfsberater direkt kontaktiert werden.

Bis Ende 2022 gab es in Hessen ein ehrenamtliches Netzwerk an Wolfsberatern zur Probenahme und zum Dokumentieren von Wolfshinweisen. Seither sind zusätzlich zu den ehrenamtlichen auch hauptamtliche Wolfsberaterinnen und Wolfsberater von Hessen Forst im Einsatz. Auch gefundene Losung kann den Wolfsberatern übergeben werden und wird anschließend, für den Finder kostenfrei, vom Senckenberg-Forschungsinstitut in Gelnhausen, dem Deutschen Referenzzentrum für Wolfsgenetik, untersucht. (Von Carolin Eberth)

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