Cybermobbing

Anti-Mobbing-Projekt in Frankfurt: Niemand soll sich unerwünscht fühlen

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Die 5f der Ernst-Reuter-Schulen II widmet sich dem Anti-Mobbing-Projekt „Gemeinsam Klasse sein“.
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Techniker Krankenkasse und Ernst-Reuter-Schulen kooperieren bei „Gemeinsam Klasse sein“. Oft leiden Mobbingopfer unter Übelkeit und Erbrechen, Angstzuständen, Kopfschmerzen oder entwickeln Depressionen.

Wolfgang Fischer-Spothelfer lächelt die alberne Frage einfach weg, Nein, er sei nie wegen seines Nachnamens gemobbt worden. Ab und an gäbe es Missverständnisse. Manche lesen „Sporthelfer“ und fragen, bei welchem Sport er denn helfe, erzählt er launig.

Der AWO-Mitarbeiter ist aber auch ein alter Hase. Schon lange ist er an der Ernst-Reuter-Schule II eingesetzt, einer Gesamtschule im Frankfurter Norden. Früher hieß die Aufgabe Schulsozialarbeiter, inzwischen Jugendhilfe in der Schule.

Der Erziehungswissenschaftler kann leicht etwas nachsichtig weglächeln. Seine Schützlinge tun sich mitunter etwas schwerer. Da können blöde Sprüche zum Problem werden. Darum gibt es das Präventionsprojekt „Gemeinsam Klasse sein“. Das hat die Techniker Krankenkasse (TK) entwickelt und den Schulen zur Verfügung gestellt als weiteren Baustein zu anderen Anti-Mobbing-Programmen. In Hessen beteiligen sich 189 Schulen.

Fischer-Spothelfer bietet es in den fünften und sechsten Klassen an, in seiner Stunde „Soziales Lernen. Heute nimmt er die FR und zwei Vertreterinnen der Krankenkasse mit in die Klasse 5f. Die stört der Besuch wenig, es ist eine Integrationsklasse. Das heißt, es sind ohnehin immer Erwachsene im Hintergrund dabei, das sind die Teilhabeassistent:innen, die Kinder mit höherem Förderbedarf begleiten.

„Jede Klasse ist anders“, sagt Fischer-Spothelfer. Manchmal komme er schnell voran im Projekt, manchmal langsam, zuweilen nehme er Elemente aus anderen Programmen hinzu, etwa von den Digitalhelden.

Was Mobbing ist, hat die Gruppe in den vorigen Sitzungen geklärt: angegangen oder ausgegrenzt zu werden, das kann schon beim Augenrollen losgehen, wiederholt, über einen längeren Zeitraum, ohne dass man sich dagegen wehren kann. 20 Kinder sitzen heute im Stuhlkreis. Der Jugendhelfer verteilt Kärtchen, auf denen ein Smartphone und ein Spruch gedruckt sind. Die Kinder sollen den Spruch lesen und sagen, wie sie sich dabei fühlen. Das soll die Empathie schärfen, auch bewusst machen, wo Mobbing bereits beginnt.

Es wird ein bisschen unruhig. „Daraus schließe ich, dass die Sprüche etwas bei euch bewirken“, analysiert der Fachmann. „Du bist ein peinlicher Streber“, liest ein Junge seine Karte vor. Dann platzt es aus ihm heraus: „Waas? Ich?“ Er muss lachen. Wie er sich fühle? Na ja, sagt er. „Manchmal bin ich schon streberisch.“

Andere Kinder haben weniger Glück mit ihrem Kärtchen. Ihnen merkt man an, dass da womöglich eine Saite im Inneren mitschwingt. Der Junge, dem es nicht gefällt, wegen seiner Haare Vogelnest genannt zu werden. Das Mädchen, dem die Karte bescheinigt, sie werde keine Freunde finden. „Ich fühle mich unerwünscht“, sagt sie leise.

Im Stuhlkreis geht so ein Moment schnell vorbei. Außerhalb des geschützten Raums nicht. „Oft leiden Mobbingopfer in der Folge unter Übelkeit und Erbrechen, Angstzuständen, Kopfschmerzen oder entwickeln Depressionen“, sagt Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung Hessen. Mit dem Präventionsprogramm unterstütze die Krankenkasse Kinder dabei, sich wehren zu können. „Das trägt dazu bei, die Kinder zu stärken, damit sie gesund bleiben.“

Mit der Digitalisierung habe sich das Thema noch zugespitzt. Die Bekanntenkreise werden größer, Täterinnen und Täter stammen nicht mehr unbedingt aus dem nahen Umfeld. „Mitunter bleiben sie anonym, während das Opfer angeprangert wird“, sagt Voß.

Laut Studie „Cyberlife IV – Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern“ äußerten 24 Prozent der Betroffenen Suizidgedanken. 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben aufgrund von Mobbing zu Alkohol oder Drogen oder Tabletten gegriffen.

Was tun also bei Cybermobbing? Die Kinder wissen Bescheid: Wenn es nicht mehr hilft, den Mobber zu sperren, den Chat zu löschen, sich bei den App-Entwickler:innen zu beschweren oder einfach zurückzuspammen, wie einer vorschlägt, dann können sie sich an die Clearingstelle der Schule wenden. Dafür sollen sie Screenshots der bösen Nachrichten mitbringen, als Beleg.

Schnell fliegen die 45 Minuten vorbei. Fischer-Spothelfer muss immer wieder Pausen einlegen, warten, bis die Unruhe sich gelegt hat. Er kennt die Kinder, weiß, wen er strenger rügen kann und bei wem er mehr Geduld braucht, weil der- oder diejenige einfach ein bisschen langsamer tickt. Immer wieder fordert er zum Zuhören auf. Kurzum, er ist ein Vorbild. Ob die Lektion verfängt?

In der kommenden Woche geht der Jahrgang auf Klassenfahrt. Die 5f freut sich schon. Wie die Kinder dort miteinander sprechen wollen, fragt Fischer-Spothelfer. „Hey Yo Bro“, kräht ein junger Mann. Ein anderer listet auf, was es an unterschiedlichen Varianten von Deutsch gibt, normales Deutsch, Asideutsch und so weiter. Aber das möchte Fischer-Spothelfer nicht hören, er hakt nach. „Wie wollt ihr miteinander reden?“ Ein Junge meldet sich: „So wie heute.“

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