VonUlrike Pflüger-Scherbschließen
Sein Eis machte alle glücklich: Antonio Galati verkaufte in seinem orangefarbenen Bus seit 1982 Eis an der Gärtnerplatzbrücke. Im Alter von 85 Jahren ist er gestorben.
Kassel – Als im August 2005 die alte Gärtnerplatzbrücke am Auedamm abgerissen wurde, da schaute er nur noch auf Trümmer. Wegen der Baustelle kamen auch nur noch die Hälfte der Kunden, um sich ein Eis bei ihm zu kaufen. Dennoch gab Antonio Galati seinen Standort nicht auf. Er genieße es, jeden Tag am Auedamm zu stehen, sagte er damals. Zur Not auch ohne Brücke.
Antonio Galati hat fast bis zu seinem Lebensende, so wie er es sich das immer gewünscht hat, Eis an der Gärtnerplatzbrücke verkauft, zum letzten Mal im Oktober 2023. Die neue Eissaison konnte er nicht mehr eröffnen: Der 85-Jährige ist am 20. März gestorben. Nach einer Operation war der Krebs zurückgekommen.
Sohn Maurizio Galati übernimmt den orangefarbenen Eiswagen
Jetzt steht sein Sohn Maurizio Galati in dem auffälligen Eiswagen. Sein Vater habe sich sehr gefreut, dass er sein Geschäft fortführen möchte, sagt der 40-Jährige. Schon als Kind begleitete er seinen Vater ab und an in dem orangefarbenen Eiswagen. Später half er aus. Nachdem sein Vater krank geworden war, habe er sich entschieden, das Eisgeschäft zu übernehmen, so der 40-Jährige, der Wirtschaftswissenschaften studiert und in einer Bank gearbeitet hat. Er habe sich dazu entschieden, weil man mit dem Eisverkauf „alle glücklich“ mache. So habe es sein Vater auch gesehen.
1960 war Antonio Galati als Gastarbeiter von Kalabrien nach Deutschland gekommen. Ein paar Jahre arbeitete der freundliche Mann in Industriebetrieben: Bei VW, Mercedes und bei Henschel. „Ich habe alles gemacht“, sagte er vor zwei Jahren. Da feierte er, dass er seit 50 Jahren im Speiseeisgeschäft ist. In Kassel hatte er zunächst eine Eisdiele im Hansahaus an der Kurt-Schumacher-Straße. Dort lernte er auch seine spätere Frau Krystyna, eine Polin, kennen. 1982 heirateten die beiden, ein Jahr später wurde Maurizio geboren. 1990 wurde die Ehe geschieden. Galati sollte nicht noch einmal heiraten.
Bereits ab 1982 hatte er seinen fest von der Stadt Kassel gemieteten Standplatz an der Gärtnerplatzbrücke. Seitdem bot er dort jedes Jahr seine Riesenkugeln Eis von März bis Oktober an. Manchmal auch schon im Februar, wenn das Wetter schön gewesen ist. Bevor er zur Brücke gefahren ist, stellte er jeden Morgen die 18 verschiedenen Sorten Eis in seiner Produktionsstätte an der Lilienthalstraße in Bettenhausen her. Dort wohnte er auch. Galati bediente sich bei den Zutaten auch in seinem Garten. Himbeeren, Brombeeren, Sauerkirschen und Pflaumen erntete er selbst, um daraus sein Eis zu machen. In seinem Garten baute er auch das Gemüse an, mit dem er seine Mahlzeiten kochte. Sein Vater sei immer ein sehr bescheidener Mann gewesen, sagt Maurizio Galati.
Ein Stück heile Welt: an der Gärtnerplatzbrücke Eis verkaufen
Und ein glücklicher Mann. An der Gärtnerplatzbrücke Eis zu verkaufen, bedeute ein Stück heile Welt. Antonio Galati schätzte die Aussicht auf die Aue, im Rücken den Fluss und über ihm eine alte Kastanie, in der Eichhörnchen für Abwechslung sorgen. Und er schätzte seine Kunden. Mit seinem Eis habe er viele Kasseler förmlich „großgezogen“, scherzte Galati vor zwei Jahren. „Die kamen schon, als sie noch Windeln getragen haben. Und heute haben sie selber Kinder.“
Manchmal ist sein Eiswagen auch zum Fundbüro geworden: Wenn ein Spaziergänger in der Nähe einen Schlüssel verloren hatte, wurde dieser bei dem Eismann abgegeben. Wer einen platten Reifen hatte, fragte bei ihm nach einem Schraubenschlüssel. Wenn das Auto mal nicht ansprang, half der Eismann mit dem Überbrückungskabel aus.
Apropos Kabel – von dem Abriss der alten Gärtnerplatzbrücke profitierte Galati sogar. Er handelte mit der Stadt Kassel aus, dass er an der neuen Brücke einen Stromanschluss für seinen Eiswagen bekam. Natürlich mit Stromzähler.
Besonders am Herzen lag dem Mann aus Italien, der mit Fußball so gar nichts am Hut hatte, der Marathon in Kassel. Beim Bambini-Lauf spendierte er den teilnehmenden Kindern nämlich seit vielen Jahren ein Eis aus seinem Wagen. Diese Tradition möchte sein Sohn fortführen.
Er wolle auch das Gesicht seines Vaters auf dem Eiswagen lassen. Er müsse sich nur noch überlegen, was er dazu schreibe, sagt Maurizio Galati. Ein Vorschlag wäre: „Eis macht glücklich.“ (Ulrike Pflüger-Scherb)
Rubriklistenbild: © Dieter Schachtschneider

