EM ab 14. Juni 2024

Apfelwein und Fanmeile: Frankfurt will eine „nachhaltige Fußball-EM“ organisieren

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Fünfmal wird in diesem Sommer ein Spiel der Fußball-EM 2024 in Frankfurt angestoßen. Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) erwartet davon viel für die Stadt.

Frankfurt – Der Countdown läuft: Am 14. Juni beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland. Auch im Frankfurter Stadion werden fünf Spiele ausgetragen. Außerdem gibt es eine Fanmeile am Main. Was das für die Stadt bedeutet? Darüber spricht Redakteurin Julia Lorenz mit Oberbürgermeister, Sportdezernent und Fußballfan Mike Josef (SPD).

Herr Josef, zuletzt hat sich die DFB-Elf alles andere als ein Titelanwärter für die Heim-EM präsentiert. Dennoch: Spüren Sie schon Euphorie, was das Turnier betrifft?
Es sind ja keine fünf Monate mehr bis zum Start der Europameisterschaft. Von daher merke ich: Die Vorfreude steigt von Tag zu Tag und wird in den kommenden Monaten auch noch stärker werden. Wir werden ein wunderbares Fest hier in Frankfurt erleben.
Bei der letzten WM in Deutschland im Jahr 2006 waren alle im Fußballfieber. Die Euphorie war groß. Wie haben Sie das Sommermärchen 2006 in Erinnerung? Damals waren Sie noch Student.
Eine Weltmeisterschaft und eine Europameisterschaft erlebt man, wenn man Glück hat, ein Mal im Leben im eigenen Land. Das ist wirklich etwas Einmaliges und deshalb werde ich das Sommermärchen 2006 auch nie vergessen. Man hat einfach gefeiert. Eigentlich war es völlig egal, wer gespielt hat. Es war einfach eine tolle Stimmung in der Stadt.
Fast hätte er eine Karriere als Profifußballer eingeschlagen: Am Ball ist Mike Josef immer noch ganz fit, und freut sich als Frankfurter Oberbürgermeister auf die Fußball-Europameisterschaft.
Im Frankfurter Stadion werden fünf Spiele (Belgien-Slowakei, Dänemark-England, Schweiz-Deutschland, Slowakei-Rumänien, Achtelfinale) ausgetragen. Auf welches Spiel freuen Sie sich am meisten?
Prinzipiell muss ich sagen, hat Frankfurt bei der Auslosung der Spielpaare wirklich Glück gehabt. Vor allem das letzte Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Schweiz wird sicherlich ein Highlight. Ich bin aber auch auf die Engländer gespannt, die mit Harry Kane und Jude Bellingham ein richtig gutes Team haben. Aber auch Dänemark ist nicht zu unterschätzen. Ich freue mich wirklich auf viele Spiele.
Wie schon 2006 wird es auch in diesem Jahr eine Fanmeile am Main geben. Was genau ist dort geplant?
Die Fanmeile erstreckt sich von der Friedensbrücke bis zum Eisernen Steg auf einer Länge von 1,4 Kilometern. Dort wird es Angebote für Groß und Klein, für die Fans, für die Frankfurter geben. Dazu zählen eine schwimmende Leinwand auf dem Main sowie neun weitere Bildschirme, auf denen alle 51 Spiele der Europameisterschaft gezeigt werden. Außerdem wird es Fußball-Kleinfelder geben, wo man kicken kann. Ein Fußballfeld schwimmt sogar auf dem Main. Das wird sicherlich ein Highlight. Darüber hinaus gibt es ein ausgefeiltes Kulturangebot mit Konzerten und Veranstaltungen am Mainufer sowie eine Show zur Eröffnung der EM.

Mike Josef zur Fußball-EM 2024 in Frankfurt

Wie wichtig sind denn die Bilder im Fernsehen aus Frankfurt für die Vermarktung der Stadt, für den Tourismus, für das Image?
Wir haben hier die Möglichkeit uns weltweit – die Spiele werden ja nicht nur in Europa übertragen – mit unserer Gastfreundschaft, Weltoffenheit, Herzlichkeit, Lebensqualität und Internationalität nach außen zu präsentieren. Aus der Erfahrung mit den beiden Spielen der National Football League (NFL) in Frankfurt im vergangenen Jahr kann ich sagen: Nachdem die Bilder vom Stadion, von der Stadt in den USA ausgestrahlt wurden, war die Resonanz groß. Das zieht nicht nur Touristen an, sondern ist Werbung im besten Sinne für unsere Stadt.
Aber was passiert, wenn die deutsche Nationalmannschaft kein gutes Turnier spielt und keine Euphorie aufkommt?
Wir glauben daran, dass die DFB-Elf gut ins Turnier startet und dass die Menschen sich auf die Europameisterschaft freuen. Außerdem findet das dritte Gruppenspiel der Nationalmannschaft in Frankfurt statt, da kann nichts mehr schiefgehen. Es wird eine tolle Europameisterschaft mit guten Mannschaften, auf die wir uns freuen können. Und für die Euphorie werden wir in Frankfurt sorgen. Das können wir und tragen unsere Nationalelf damit durch das Turnier.
Frankfurt investiert 30,2 Millionen Euro. Das gefällt nicht jedem. Kritik für die Ausgaben kam unter anderem von den Linken. Was konkret passiert denn mit dem Geld?
Ich kenne die Debatte. Ich frage mich aber auch manchmal: Wie hätte man reagiert, wenn Frankfurt als fünftgrößte Stadt Deutschlands kein Austragungsort gewesen wäre mit der Internationalität, mit der Sportstadt, die uns ausmacht?
Die Empörung wäre sicherlich groß gewesen. Aber in was konkret wird das Geld investiert?
Wir investieren das Geld in die Verkehrsinfrastruktur der Stadt Frankfurt, ins Stadion, in die Sicherheit der Stadt und in die Fanzone, die bundesweit sehr einmalig ist. Und nicht zu vergessen: Wir investieren in die Nachhaltigkeit.
Wie meinen Sie das?
Wir bauen beispielsweise die barrierefreien Plätze im Stadion aus, sprich: mehr Rollstuhlfahrer bekommen die Möglichkeit, die Spiele zu verfolgen. Im Gegensatz zu anderen Städten stehen bei uns die zusätzlichen Plätze aber nicht nur temporär für die Europameisterschaft zur Verfügung, sondern dauerhaft.

Zur Person: Mike Josef

Diesen Tag wird Mike Josef (SPD) wohl nie vergessen: Am 26. März 2023 ist der heute 41-Jährige von den Frankfurtern zum Oberbürgermeister gewählt worden. Seit 11. Mai ist er in Amt und Würde. Geboren wurde Josef in Kameshly in Syrien. Als er vier Jahre alt war, flohen seine Eltern – sie gehören zur christlichen Minderheit – gemeinsam mit ihm nach Deutschland. Josef wuchs in Ulm auf. Dort kickte er auch für den SVV Ulm. Für die Fußballerkarriere langte es jedoch nicht.

Stattdessen holte Josef auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach, studierte an der Goethe-Uni Politikwissenschaft, Geschichte und Rechtswissenschaft. Von 2011 bis 2016 war er Organisationssekretär beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Zeitgleich saß er für die SPD als Stadtverordneter im Römer, 2013 wurde er zum Vorsitzenden der Frankfurter SPD gewählt. 2016 übernahm er das Planungsdezernat, 2021 kam das Ressort Sport hinzu. Josef lebt mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Bornheim. (jlo)

Sie haben die Verkehrsinfrastruktur bereits angesprochen. So soll auch die Verkehrsanbindung ans Stadion verbessert werden. Wird es auch zusätzliche Parkplätze geben? Rund ums Stadion herrscht ja immer Chaos.
Wir werden die Situation der Abstellplätze sowohl für den motorisierten Individualverkehr, aber auch für Fahrräder effizienter gestalten. Die Zahl der Fahrradabstellplätze ist erhöht worden. Die Nutzung der Parkplätze ist abhängig von der Zufahrtsberechtigung. Außerdem wird die Taktung von Bussen und Bahnen an das maximal Mögliche orientiert sein.

Verkehrskonzept bei der NFL als Vorbild für EM im Sommer nehmen

Viel Zeit dafür ist ja aber nicht mehr.
Das stimmt. Die NFL-Spiele haben unter Beweis gestellt, dass das Verkehrskonzept aufgegangen ist. Wir nutzen die Möglichkeiten des Verkehrleitsystems.
Wie sicher wird die EM, gerade im Hinblick auf Bedrohungen wie Terror oder der Nahostkonflikt?
Die Weltlage ist eine große Herausforderung, zeigt aber einmal mehr, dass wir gerade an dieser Stelle nicht sparen dürfen, sondern ausreichen Geld zur Verfügung stellen müssen, um die Sicherheit der Menschen, der Gäste und Frankfurter, zu gewährleisten. Deshalb sind wir in enger Abstimmung mit den Behörden, mit der Polizei. Die Sicherheit ist das A und O. Von den Behörden haben wir aber auch die Rückmeldung, dass die Spiele, die in Frankfurt stattfinden, keine Hochrisikospiele sind.
Und wie nachhaltig kann eine Fanmeile gestaltet werden? Gibt es beispielsweise recyclebares Geschirr und Speisen aus regionalen Produkten?
Wir haben uns das Ziel gesetzt, eine nachhaltige Europameisterschaft zu organisieren. Das heißt: Wir werden auf der Fanmeile Mehrweggeschirr, regionales Essen, Ökostrom und Fairtrade-Fußbälle haben. Außerdem werden wir das Werbematerial zusammen mit der Reha-Werkstatt upcyclen und die Reinigungsintervalle erhöhen, um auch die Sauberkeit zu garantieren.
Jetzt wird in Frankfurt ja immer alles teurer als geplant.
Nicht nur in Frankfurt.
Müssen wir davon ausgehen, dass das Stadtparlament noch mehr Geld für die Fußball-Europameisterschaft bewilligen muss?
Stand jetzt gehe ich davon nicht aus.
Die Uefa führt ein strenges Regiment, was die Auflagen rund um die EM angeht. Selbst für das Essen und die Getränke, die angeboten werden, gibt es Vorgaben. So darf im Rhein-Energy-Stadion in Köln beispielsweise kein Kölsch verkauft werden. Sie haben im Stadtparlament aber versichert, dass es in Frankfurt Apfelwein geben wird. Bleibt es dabei?
Die finale Genehmigung der Uefa steht zwar noch aus. Wir sind aber im guten Austausch und haben aber positive Signale bekommen. Deshalb bin ich zuversichtlich und das wird auch so sein, dass Apfelwein ausgeschenkt wird. Ich glaub auch, dass tut dem Image der Uefa gut, wenn sie die Traditionen einer Stadt ernstnehmen und berücksichtigen. Und zu unserer Tradition gehört eben der Apfelwein.

Frankfurt bei EM 2024 als „internationalste Stadt Deutschlands“ präsentieren

Was versprechen Sie sich für Frankfurt von der Heim-EM?
Ich hoffe, dass wir uns gerade in der jetzigen Zeit als weltoffene, als internationalste Stadt Deutschlands, in der die Menschen, egal woran sie glauben oder woher sie kommen, friedlich zusammen feiern, präsentieren können. Das würde die Attraktivität Frankfurts noch einmal enorm steigern, vor allem wenn es darum geht, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen oder neue Unternehmen hier anzusiedeln.
Gibt es weitere Hoffnungen?
Dadurch, dass wir keine neuen Stadien bauen, keine graue Energie zusätzlich erzeugen müssen, können wir weltweit außerdem zeigen, dass westliche Demokratien solche Großveranstaltungen unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeit, der Klimaziele, der Menschenrechte und des guten Zusammenlebens realisieren können. Damit können wir ein Zeichen setzen. Auch für den Sport und den Fußball.
Kann die EM denn auch einen Schub für die Fußballvereine in der Stadt mit sich bringen?
Ja, das hoffe ich. Bei solchen Turnieren entsteht immer eine große Euphorie im Land, in der Stadt. Das wirkt sich stets auch positiv auf die Anmeldungen in Sportvereinen aus. Denn die Kinder und Jugendlichen haben dadurch das Gefühl, durch den Sport ihrem Idol ein Stück weit näher zu kommen.
Ihr Vorgänger als Sportdezernent, Markus Frank (CDU), hat stets von der Sportstadt Frankfurt gesprochen. Auch Sie haben den Begriff vorhin schon benutzt. Ist Frankfurt wirklich eine Sportstadt?
Der Begriff Sportstadt ist natürlich nicht geschützt. Jede Stadt behauptet von sich eine Sportstadt zu sein. Ich will das aber einfach mal unterstreichen: Wir haben hier 420 Vereine in 410 Sportarten. Das ist phänomenal. Außerdem haben wir hier auch Großveranstaltungen, die sich jedes Jahr wiederholen und die für diese Sportstadt stehen wie das Internationale Reitturnier, der JP Morgan Lauf, der Marathon, der Ironman, der Radklassiker. Wir haben die Skyliners, die Löwen, die Galaxy, die Eintracht. Wir sind im Turnen stark, in der Leichtathletik. Hier lebt die Bob-Olympiasiegerin Deborah Levi, die neben Fußballgott Alex Meier eine der EM-Botschafterinnen ist und für die Vielfalt der Stadt steht. Das alles macht deutlich, dass wir sagen können: Wir sind Sportstadt. Natürlich ist das aber kein Selbstläufer. Das muss man sich immer wieder erarbeiten.
Im Waldstadion Frankfurt werden 2024 mehrere Spiele der EM stattfinden.
Vereine beschweren sich aber immer wieder, dass es zu wenig Sportstätten gibt, zu wenig Trainingszeiten.
Wir sind aber immer wieder dabei, die Trainingszeiten auszuweiten. Außerdem unterstützen wir die Vereine auch finanziell, indem wir bei Neubauten und Sanierungen von Sportvereinen bis zu 50 Prozent der Investitionen auf Basis ihres Jugendanteils übernehmen. Und wir haben aufgrund der gestiegenen Energiekosten die Sportstättenpauschale um 25 Prozent erhöht. Wir bauen neue Bäder und aktualisieren unser Kunstrasenprogramm immer wieder. Es gibt kaum eine Stadt, die so ein dichtes Kunstrasenprogramm hat, wie Frankfurt. Das alles zeigt: Der Sport ist uns wichtig, denn er vereint Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Gerade jetzt brauchen wir Orientierung und Zusammenhalt.
Die Handball-Europameisterschaft jedoch wurde in vielen Städten Deutschlands ausgetragen, in Frankfurt allerdings nicht.
Weil wir keine wettbewerbsfähige Halle für diesen Profisport haben.
Wie wichtig ist der Bau einer Multifunktionsarena?
Veranstaltungen wie die Handball-EM, aber auch im Eishockey oder Basketball gehen an Hessen vorbei, weil uns die Infrastruktur fehlt. Das ist unheimlich schade. Wenn wir den Wettbewerbssport neben dem Fußball in Frankfurt halten und weiterentwickeln wollen, brauchen wir eine neue Sport- und Veranstaltungshalle. Die Nachfrage wäre da. Deshalb müssen wir die langjährige Diskussion über dieses Thema zum finalen Abschluss bringen.

Vorteile bei Hallenbau neben Waldstadion

Ihr Vorschlag ist, die Multifunktionshalle neben das Waldstadion zu bauen.
Ja, das hat auch einen Grund: Dort gibt es schon Baurecht, teilweise sind dort sogar schon Leitungen verlegt. Das hätte einen riesigen zeitlichen Vorteil. Die Gutachten werden jetzt im Frühjahr, spätestens Sommer vorliegen. Auf dieser Grundlage muss es dann eine Entscheidung geben.
Wird die Entscheidung noch in diesem Jahr gefällt?
In diesem Jahr wird sich eine Richtung abzeichnen.
Kommen wir noch einmal zurück zur Euro 2024: Was tippen Sie – Stand jetzt – wer wird Europameister?
Es gibt natürlich die Favoriten, die individuell stark besetzt sind, wie Frankreich und England. Aber am Ende ist es, auch wenn ich jetzt wie ein Fußball-Philosoph klinge, ein Turnier. Und ein Heim-Turnier mit der Euphorie der Fans, mit der Euphorie im Land, beflügelt. Entscheidend wird das erste Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft sein.
Und das bedeutet für Ihren Tipp?
Ich hoffe, dass die deutsche Nationalmannschaft mit den tollen Fans im Rücken sehr weit kommt. Und wenn sie erst einmal im Halbfinale sind, dann ist alles möglich. Dann können sie auch Europameister werden.

Das Gespräch führte Julia Lorenz.

Rubriklistenbild: © Rainer Rüffer

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