VonSteven Mickschschließen
Frankfurter Studie untersucht, welche Methoden beim Rauchstopp helfen. Die Fachleute fordern einen stärkeren Fokus auf die Schadenreduzierung statt auf die Abstinenz.
So wie es ist, könne es nicht bleiben. Da sind sich die Beteiligten der „Rauchstopp-Studie (Raus)“ einig. 17 Millionen Raucher:innen und jährlich 127 000 Tote in Deutschland sowie 100 Milliarden Euro Folgekosten sprächen eine eindeutige Sprache. „Rauchen ist das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko“, sagt Heino Stöver, Leiter des Instituts für Suchtforschung Frankfurt an der Frankfurt University of Applied Sciences, welches die Studie finanziert hat. Man habe sich im Land irgendwie mit dem Rauchen arrangiert. Das werde auch dadurch deutlich, dass sich weder der Bund noch die Krankenkassen an der Studienfinanzierung beteiligen wollten. Die aktuellen Maßnahmen, um Menschen vom Rauchen abzubringen, seien viel zu dürftig. Das zeige auch die Studie.
Neben dem Institut für Suchtforschung war auch das Centre for Drug Research der Goethe-Universität in Frankfurt an der Durchführung der Erhebung beteiligt. Unterstützung gab es vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. An der Online-Befragung nahmen 6192 Personen teil. Bernd Werse, Leiter des Center for Drug Research, erklärt, sie sei zwar nicht repräsentativ, aber durch die Stichprobengröße durchaus aussagefähig. Die Wissenschaftler:innen wollten herausfinden, was dabei helfe mit dem Rauchen aufzuhören.
Dabei mussten die Forscher:innen die Studienteilnehmer:innen aber in zwei Gruppen aufteilen: Jene, die schon einmal eine E-Zigarette zum Rauchstopp genutzt haben (3690) und jene, die sie niemals dafür nutzten (2502). Grund war, dass „Dampfer-Influencer“ ihre Community mobilisiert hatten, was zu einer Verzerrung des Ergebnisses führte. Nach der Bereinigung seien die Ergebnisse nun wieder aussagekräftiger.
93 Prozent aller Befragten hatten mindestens einmal versucht, mit dem Rauchen aufzuhören. Nur ein Teil war erfolgreich, im Schnitt brauchten sie fünf Versuche, bis es gelang. „Wenn man einmal gescheitert ist, heißt das nicht, dass man es nicht noch mal probieren sollte“, ermutigt Werse.
Unter den Befragten, die noch Zigaretten rauchen, gaben 26 Prozent an, eigentlich gar nicht aufhören zu wollen. 68 Prozent von dieser Gruppe teilten aber mit, dass sie ihren Konsum etwas oder gar deutlich reduzieren wollten. „Die Konsumreduktion wird ambivalent diskutiert“, sagt Stöver. In der Regel werde von der Bundesregierung und so gut wie allen Institutionen die Abstinenz gefordert. Das sei viel zu eindimensional gedacht, denn man lasse dabei den wichtigen Aspekt der Schadensreduzierung außer acht. „Man nimmt die Leute nicht mit, die nicht aufhören wollen“, so Stöver. Diese stellten immerhin ein Viertel in der Raus-Studie.
Doch was braucht es denn nun, um mit dem Rauchen aufzuhören? Unter den Befragten ohne E-Zigarette gaben die meisten die eigene Willenskraft an. Auch besondere Ereignisse, wie eine Schwangerschaft oder Krankheit, waren erfolgreiche Rahmenbedingungen. Unterstützung durch das soziale Umfeld, ein Ortswechsel, Ersatzrituale oder auch ein Buch waren ebenfalls gut bewertet worden.
Werse weist noch auf die als evidenzbasiert geltenden Methoden (nachgewiesene Wirksamkeit) hin. Häufiger genutzt (20 Prozent) wurde nur die Nikotinersatztherapie; von den Befragten erhielt sie aber eher schlechte Bewertungen und sei nicht so effektiv, wie andere Methoden zum Rauchstopp. Am besten wurde die verhaltenstherapeutische Behandlung bewertet, aber sie wurde nur von fünf Prozent ausprobiert. Auch sie lag in ihrer Effektivität aber hinter den zuvor genannten Methoden.
Bei der Gruppe der E-Zigaretten-Nutzer:innen lag erwartungsgemäß der Umstieg auf E-Zigarette mit Nikotin auf Platz 1 der erfolgreichen Maßnahmen. Dahinter folgte die E-Zigarette ohne Nikotin. Heino Stöver erklärt, dass es wissenschaftlicher Konsens sei, dass die E-Zigarette etwa 95 Prozent weniger schädlich ist als eine normale Zigarette. Obwohl demnach ein Umstieg zu empfehlen wäre, würden Institutionen diese Empfehlung niemals aussprechen. Es gehe immer um die Abstinenz. „Man ist viel zu defensiv bei der Schadensreduzierung.“
Abschließend warf die Studie noch einen Blick auf die Hindernisse, um mit dem Rauchen aufzuhören. Dabei lagen nicht die Entzugserscheinungen wie Reizbarkeit, Gewichtszunahme oder depressive Verstimmungen ganz vorn, sondern verhaltensbezogene Ursachen. So sorgen bei den Befragten eher die ritualisierte Rauchpause, die Zigarette zum Kaffee oder Wartesituationen für den erneuten Griff zum Glimmstängel. In diesen Situationen sei das Verlangen mit am größten. Werse und Stöver leiten daraus ab, dass man sich bei Therapien eher auf diese verhaltensbezogenen Dinge statt auf die reinen „Nikotinabhängigkeit“ konzentrieren sollte.



