- VonIngo Berghöferschließen
Auch die Weltbild-Filiale am Kugelbrunnen in Gießen ist von der Konzern-Insolvenz betroffen. Alle Preise sind bereits um 50 Prozent reduziert. Der Standort könnte dennoch erhalten bleiben.
Gießen . Gute Bücher zum kleinen Preis - das war jahrelang das Erfolgsrezept des Jokers-Versands und auch der gleichnamigen Buchhandlung (später dann Weltbild) in der Gießener Fußgängerzone. Doch nun hat Jokers einen Monat nach dem Mutterkonzern Weltbild ebenfalls Insolvenz beantragt, die zum 1. September in Kraft tritt. Bis dahin läuft in der Filiale in Höhe des Kugelbrunnens der Ausverkauf der Bestände. Alle Preise sind bereits um 50 Prozent reduziert worden.
Seit 1999 konnten Bücherwürmer bei der Weltbild-Tochter Restposten, Sonderausgaben oder Mängelexemplare zu deutlich reduzierten Preisen erwerben, später auch Kalender, Hörbücher, DVDs und Brettspiele; erst per Versandkatalog, dann in mehr als 50 Filialen im ganzen Bundesgebiet - und auch in Gießen.
Der Trend zum Online-Shopping, aber auch die schwindende Leselust nachwachsender Generationen machen aber nicht nur dem klassischen Buchhandel, sondern auch den modernen Antiquariaten zu schaffen. Nicht nur das Online-Geschäft ging in den vergangenen Jahren zurück, auch die Zahl der Filialen sank auf zuletzt noch elf.
Der Mutterkonzern Weltbild gehörte ursprünglich der Katholischen Kirche, bevor 2014 die Düsseldorfer Droege Gruppe als Investor einstieg. Trotz Verringerung des Filialnetzes und einer Konzentration auf das Online-Geschäft gelang dem neuen Eigentümer nicht die Trendwende. Im Juni meldete Weltbild Insolvenz an. Einen Monat später taten das auch die Tochterunternehmen wie Gärtner Pötschke oder eben Jokers.
In einer Stellungnahme des Insolvenzverwalters komm.passion GmbH heißt es, die Weltbild GmbH & Co. KG sei neben dem Einfluss durch externe weltweite Krisenherde - insbesondere in der Ukraine und in Israel - und damit verbundene Störungen der Lieferketten vor allem durch immense Kostensteigerungen unter erheblichen Druck geraten. Der Eintritt neuer aggressiver Anbieter aus dem asiatischen Raum habe die ohnehin angespannte Wettbewerbssituation zusätzlich verschärft.
Gleichwohl glaubt man, das Unternehmen durch »eine Fokussierung auf das kundenzentrierte Online-Geschäft, den Ausbau profitabler und wachstumsstarker Kategorien, eine signifikante Reduktion der Kosten, die Vereinfachung aller Prozesse und eine komplette Neuausrichtung der IT-Landschaft auf die neue Unternehmensgröße« wieder flott machen zu können.
Einzelhandel in schwerer Krise
Deshalb muss auch der aktuelle Ausverkauf nicht das Ende des Standorts Gießen bedeuten. Derzeit laufen Verhandlungen mit möglichen Interessenten, die eventuell die attraktive Lage in der Fußgängerzone weiternutzen möchten. Insolvenzverwalter Christian Plail warnt aber auch vor allzu großen Hoffnungen. Das Unternehmen habe dann - und nur dann - eine Zukunftschance, wenn es sich in sehr kurzer Zeit sehr konsequent verändere: mit einem klareren Profil für die Kunden und einem deutlich veränderten Marktauftritt.