Über verpasste Möglichkeiten

Autor Dr. Martin Beyer liest aus seinem Roman über einen Henker

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Martin Beyer liest vor den OG-Schülern aus seinem Buch, in dem es um einen Henker im Dritten Reich geht.
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Zusammen mit dem Lions Club Eschwege hatte das Oberstufengymnasium zum Gedenken an den 9. November den Autor Dr. Martin Beyer zu einer Lesung eingeladen.

Eschwege – Marion Lentz, Schulleiterin des Oberstufengymnasiums in Eschwege, sieht die Aufgabe von Schule auch darin, die jungen Leute, die bald ihr Abitur machen, in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu unterstützen. „Toleranz, Respekt und Fairness sind Grundlagen unseres pädagogischen Handelns“, sagte sie und wünschte sich, dass die Schüler und Schülerinnen zu mündigen Personen werden, die Vielfalt anerkennen und sich für Demokratie einsetzen. Zusammen mit Professor Michael Korenkow, Präsident des Lions Clubs Eschwege, und dessen Unterstützung hatte die Schule zum Gedenken an den 9. November den Autor Dr. Martin Beyer zu einer Lesung eingeladen.

Er stellte den Schülern seinen Roman „Und ich war da“ vor, in dem es um August Unterseher geht, einen fiktiven Henkersgehilfen, der im Nationalsozialismus bei der Hinrichtung der Geschwister Scholl anwesend gewesen sei. In seinem Buch überlegt Martin Beyer, wie es dazu wohl gekommen sein kann, dass sich der Lebensweg eines jungen Mannes – ein Jedermann – so entwickelt hat. Dem Protagonisten hätten sich im Laufe seines Lebens viele Möglichkeiten geboten, sich gegen das Nazi-Regime zu stellen, heißt es im Klappentext. Doch habe er keine davon genutzt. Das Buch möchte damit natürlich, dass sich Leser wie Zuhörer fragen, wie sie sich selbst im Nationalsozialismus verhalten hätten.

Der Germanist Beyer lebt und arbeitet als freier Autor in Bamberg. Dort wohnte er während des Studiums im alten Henkershaus – einer historischen Wohnung, in der einst der Scharfrichter der Stadt lebte. Deshalb setzte Beyer sich mit der Geschichte der Scharfrichter auseinander, auch mit der des letzten Scharfrichters der Stadt: Johann Reichert, der in der NS-Zeit tätig war und eine große Anzahl von Menschen hinrichtete – auch die Geschwister Scholl. „Es gibt Hinrichtungsprotokolle, in denen der Ablauf minutiös festgehalten ist“, erklärte Martin Beyer. Alle Anwesenden seien darin genau dokumentiert worden. „Reichert war es aber auch wichtig, dass die Hinrichtung schnell ging, er hat festgehalten wie lange es dauert, bis das Fallbeil fiel.“ Im Fall von Hans Scholl waren es sechs Sekunden.

Erwähnt werde im Protokoll die Anwesenheit eines jungen Mannes, des Gehilfen des Scharfrichters. Wer könnte er sein, fragt sich der Autor im Roman und erzählt von einem jungen Mann, der auf einem Bauernhof in Bayern aufwächst, unter der Knute des strengen, sogar gewalttätigen Vaters. Augusts Jugend ist geprägt von harter Arbeit auf dem Hof. Er geht zu den Treffen der Hitlerjugend wie alle anderen auch, obwohl es dem Vater nicht passt – weil in dieser Zeit Augusts Arbeitskraft auf dem Hof fehlte.

Beyer entwirft seinen Protagonisten als einen unsicheren jungen Mann, der traumatisiert ist durch die Gewaltausbrüche des Vaters, der nicht lernt, gegen diesen aufzustehen und sich zur Wehr zu setzen. Und so steht August auch in anderen Situationen nicht auf, sondern duckt sich weg, vermeidet Entscheidungen. Er wird zum Mitläufer. Erst als alter Mann stellt er sich seinen Schuldgefühlen.

Die Frage erreichte die Schüler: Wie hätte August sich auch anders entscheiden können und warum hat er es nicht getan? „Es interessiert mich, mich in andere Leben hineinzudenken und zu ergründen, welche Möglichkeiten die Person hatte und an welche Grenzen sie gestoßen ist“, sagte Beyer. „Es sind Schwellensituationen, an denen wir Entscheidungen treffen müssen.“ Und aus der Fiktion ins Leben übertragen geben diese Situationen Anregung zum eigenen Nachdenken. (Kristin Weber)

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