VonBea Rickenschließen
Tausende Landwirte aus ganz Deutschland machten sich mit ihren Traktoren auf den Weg nach Berlin, um gegen die von der Ampelkoalition geplante Streichung der Agrardieselsubvention und der Kfz-Steuerbefreiung zu protestieren.
Kassel/Kreis Kassel – Auch zahlreiche heimische Bauern nahmen an der Demonstration unter dem Motto „Zu viel ist zu viel! Jetzt ist Schluss!“ teil, die ein Verkehrschaos auslöste. Aufgerufen hatte der Deutsche Bauernverband, der von der Regierung die sofortige Rücknahme der Pläne fordert.
Bis zu 20000 Euro Verlust im aktuellen Wirtschaftsjahr
„Wir sind stinksauer“, erklärt Kreislandwirt Jörg Kramm aus Grebenstein. Sollten die Pläne umgesetzt werden, bedeute dies je nach Betriebsgröße bis zu 20 000 Euro Verlust im aktuellen Wirtschaftsjahr. Schließlich habe man das Geld in der Kalkulation für den Betrieb schon eingeplant.
„Diese Vergünstigungen versetzen vor allem kleine und mittelständische Landwirtschaftsbetriebe in die Lage, sich gegen die Konkurrenz aus dem Ausland zu behaupten“, sagt der Sprecher des Kreisbauernverbandes in Kassel, Johannes Gerhold.
Höhere Lebensmittelpreise für Verbraucher möglich
Es sei ein weiterer Sargnagel für immer mehr Betriebsaufgaben in der Region. Das Argument, klimaschädliche Subventionen sollten gestrichen werden, sorge für das Gegenteil. Wenn heimische Betriebe pleite wären, sei es auch vorbei mit regionalen Produkten. Die Landwirte sehen durch die Streichungen auch höhere Lebensmittelpreise auf die Verbraucher zukommen.
Laut Gerhold sind die örtlichen Landwirte vorwiegend in Bussen nach Berlin gefahren, während vor allem Landwirte aus dem Umfeld von Berlin per Trecker kamen.
Betroffen von der Abschaffung von Agrardiesel und Kfz-Steuerbefreiung ist auch die Forstwirtschaft. Christian Raupach, Sprecher der Waldbesitzer in Hessen, erklärte gestern: „Der Forst ist nicht so hart wie die Landwirte gebeutelt, dennoch liegt der Verlust bei großen Betrieben im fünf- bis sechsstelligen Bereich.“ Ohne große Erntemaschinen komme man im Wald nun mal nicht aus.
Auch Landwirte aus dem Kreis Kassel protestierten in Berlin
Landwirt Klaus Freudenstein ist die ganze Nacht mit seinem Trecker durchgefahren und erreichte völlig übermüdet gegen acht Uhr früh die Bundeshauptstadt. Bis zum Brandenburger Tor hat er es durch das Verkehrschaos geschafft.
Diese Strapaze auf sich zu nehmen, war es dem Edermünder wert: „So geht das nicht weiter. Wir haben so viele schlechte Jahre in der Vergangenheit gehabt. Mir fehlen 25 000 Euro, wenn die Subventionen gestrichen werden“, so beschreibt Freudenstein wütend seine aktuelle Situation.
Schließlich müsse er auch seine Mitarbeiter bezahlen. „Mal wieder sollen die Landwirte ein Opfer bringen“, schimpft auch Roland Luckhart, der einen größeren Betrieb in Baunatal betreibt und mit dem Bus des Kreisbauernverbandes und weiteren 50 Kollegen nach Berlin gereist ist.
Einbußen beim Diesel und Steuerzahlungen
Mit im Bus saß auch der 77-jährige Heinz Weimann aus Wolfhagen, der immer noch eine Landwirtschaft mit 20 Hektar betreibt. Für seinen Anhänger, den er nur rund vier Wochen im Jahr nutze, müsste er künftig Steuern bezahlen.
Dazu kämen noch die Einbußen beim Diesel. „Da kann ich meinen Betrieb gleich dichtmachen.“ Genau das befürchtet der Kreisbauernverband. Es sei ohnehin schon schwer genug, Nachfolger für landwirtschaftliche Betriebe zu finden, so Sprecher Johannes Gerhold.
Demonstration in Berlin war nur ein Vorgeschmack
Die sich immer weiter verschärfenden Rahmenbedingungen motivierten keinen jungen Menschen mehr dazu, in die Landwirtschaft zu gehen. Die spontane Demonstration in Berlin sei nur der Vorgeschmack gewesen. „Wir werden weiter den Finger in die Wunde legen.“ Auch in weiteren Städten sind Aktionen der Bauern geplant.
Erhebliche Widersprüche bei den Plänen zu Subventionsstreichungen in Berlin sieht Kreislandwirt Jörg Kramm.
Zum Beispiel bei der Diskussion um den Unkrautvernichter Glyphosat. „Um die Verwendung von Chemie zu reduzieren, müssen wir den mechanischen Einsatz auf dem Feld erhöhen, um das Unkraut zu bekämpfen. Wenn wir mehr mit der Hacke herumfahren, benötigen wir aber mehr Diesel.“
Und ein weiteres Problem sieht Kramm: Den Hoftrecker oder den Gabelstapler könne man locker mit Elektromotoren betreiben. „Das gilt für einen großen Trecker, der bis zu 14 Stunden auf dem Feld unterwegs ist, nicht. Da gibt es noch keine Batterielösung. Vielleicht in zehn Jahren“, gibt Kramm zu bedenken. (Bea Ricken)
Landwirte sparen bisher 21 Cent pro Liter
Die Bundesregierung ringt um die Einhaltung der Schuldenbremse, was auch für die Landwirte massive Einsparungen zur Folge hat. Gespart werden soll durch den Abbau von klimaschädlichen Subventionen und konkret der Steuervergünstigungen für Agrardiesel und die Befreiung landwirtschaftlicher Fahrzeuge von der Kfz-Steuer. Aktuell zahlen Verbraucher circa 47 Cent Steuern pro Liter Diesel. Landwirte erhalten 21 Cent pro Liter zurück. Dies soll gestrichen werden.

