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Wissen Sie eigentlich, welche Videos Ihre Kinder auf dem Handy anschauen? Wohlgemerkt Kinder – oft schon ab der dritten Klasse. Bestseller-Autorin Silke Müller klärte in Eschwege darüber auf.
Eschwege – Bestseller-Autorin und Schulleiterin Silke Müller hatte zum Elternabend in der Brüder-Grimm-Schule in Eschwege die entsprechenden Beispiele aus den Sozialen Netzwerken mit dabei.
Vorsicht, jetzt kommt eine Aufzählung, die es in sich hat: Tierquälerei, Hinrichtungsszenen wie Erschießungen oder Enthauptungen, Live-Streams von der Kriegsfront, Folter, Kastration, Verschwörungstheorien, Salafistische Predigten, Pornografie, Kinderpornografie, wie andere Kinder gedemütigt werden, Tipps für Selbstmord und selbstverletzendes Verhalten.
Videos von Kindern, die sich selbst in erotischen Posen filmen oder Kindern, die anderen Kindern einreden, dass sie zu dick sind, wirken dagegen geradezu harmlos. Doch nichts davon ist harmlos.
Silke Müller klärt in Eschwege über mögliche Folgen des Social-Media-Konsums auf
Der Social-Media-Konsum führe bei Kindern und Jugendlichen etwa zu Essstörungen, Angstzuständen, Traumata, Depressionen oder Suchtverhalten, betont die Pädagogin. Jetzt denken manche sicher, das sei ja alles weit weg.
Ist es nicht, im Landkreis Kassel hat sich gerade erst ein Mädchen bei einer Video-Challenge selbst stranguliert und ist gestorben. „Alle Schulen haben das gleiche Problem“, sagt Silke Müller. „Die Welt der Kinder ist verroht, unguter Content, um es vorsichtig auszudrücken, ist auf den Handys der Kinder und der Eltern.“
Und jetzt komme auch noch KI und Deepfake-Apps hinzu, mit denen sich jedweder problematischer Inhalt kinderleicht herstellen lasse. Nacktfilter zum Beispiel. Oder Erwachsene, die sich optisch in Jugendliche verwandeln, um diese in Video-Chats anzusprechen.
Kinder sind grenzüberschreitenden Darstellungen oft schutzlos ausgesetzt
Was Silke Müller zum Elternabend in der Brüder-Grimm-Schule präsentierte, ist der blanke Horror, dem die Kinder oft schutzlos ausgesetzt sind, weil die Eltern entweder zu wenige Kenntnisse haben oder sich des Problems gar nicht bewusst sind. Natürlich will die Autorin und Pädagogin aufrütteln und zeigte deshalb alle schlimmen Beispiele in geballter Form.
Aber viele davon hat sie an ihrer Schule selbst mitbekommen. Das Mädchen etwa, das von einem Jungen in einem vertraulichen Videochat vor der Kamera zum Masturbieren verführt wird. Dieses Video stellt der Junge dann aber für alle sichtbar ins Netz. Was blieb der betroffenen Familie? Wegziehen, Neuanfang an einem Ort, an dem niemand das Mädchen kennt.
Silke Müller erfährt an ihrer Schule wöchentlich von Vorfällen ihrer Schüler
In ihrer Schule in Niedersachsen hat die Schulleiterin eine Gesprächskultur etabliert. In Social-Media-Sprechstunden können die Schüler ihre Herzen ausschütten. „Ich erfahre pro Woche von ein bis zwei Fällen, in denen die Schüler etwas Schlimmes im Netz erlebt haben“, sagte Silke Müller.
So schlimm offenbar, dass sie darüber reden wollen. Wie viele Kinder wollen es nicht? Das sollten sie aber, meint die Pädagogin, und zwar am besten mit den Eltern. „Sie müssen der Experte dafür sein, was ihre Kinder online tun“, riet sie und fügte hinzu: „Das Handy ist nicht die Privatsphäre ihres Kindes.“
Eltern sollten sich mit Social-Media-Plattformen beschäftigen
Das heißt, die Eltern müssten sich mit den Plattformen beschäftigen, auf denen sich ihre Kinder tummeln, nur so könnten sie von den Kindern als Gesprächspartner ernst genommen werden. Sperren einzubauen – nutzlos, berichteten Eltern an diesem Abend. Die Kinder wissen, wie man diese umgeht. „Im Zweifel ist es Ihr Handy, das Sie gekauft haben und Ihre IP-Adresse, das heißt, es sind auch Ihre strafrechtlich relevanten Inhalte, für die Sie belangt werden können“, verdeutlichte Silke Müller.
An der Brüder-Grimm-Schule und beim Staatlichen Schulamt ist man sich des Problems bewusst, deshalb die Einladung zum Eltern-Abend, die immer noch zu wenige genutzt haben. Hilfe und Medienkompetenz bietet das Klick-Smart-Mediennetzwerk WMK an (clicksmart-wmk.de) etwa mit Online-Eltern-Talks außerdem die Beratungsstelle Jugend und Medien in Hessen.
