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Verena König, Vorsitzende des Kita-Fachkräfte-Verbandes, über die Herausforderungen der Einrichtungen
Schlechte Schul-Leistungen haben viel mit verpassten Chancen zu tun. Denn Bildung kommt schon in den Kindertagesstätten zu kurz, wie Verena König, Vorsitzende des Kita-Fachkräfte-Verbandes Hessen, im Interview mit Barbara Schmidt deutlich macht.
Frau König, die jüngste Pisa-Studie hat dem Bildungsstand der deutschen Schüler erneut ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Sie als Vorstandsmitglied des Kita-Fachkräfte-Verbandes finden es zu kurz gesprungen, nur die Schulen im Blick zu haben, wenn es um Verbesserungen geht. Wie begründen Sie das?
Bildung beginnt von Anfang an, das heißt: von Geburt an. Mit der Kita-Betreuung, die in Hessen schon nach dem ersten Lebensjahr beginnen kann, findet Bildung bereits auch außerhalb des Elternhauses statt. Diese Zeit ist immens wichtig, denn im Kleinkind-Alter lernt der Mensch am meisten und zugleich am leichtesten. Der Wissenshunger ist noch so groß und die Kinder lernen mit Freude. Dabei geht es nicht nur um intellektuelle, sondern auch um soziale und emotionale Bildung, die besonders gut in der Gemeinschaft gefördert werden kann. Je besser die Kita-Zeit genutzt wird, umso besser können die Kinder in das Schulleben starten.
Wo müsste denn angesetzt werden, um die frühkindliche Bildung in den Kitas stärker zu fördern?
Der Personalmangel im Kita-Bereich ist augenblicklich das drängendste Problem. Viele Kinder bräuchten etwa mehr Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache. Aber durch die personelle Situation bleibt dafür gar nicht so die Zeit. Ins Gespräch kommen und ein sprachliches Vorbild zu sein, das geht nicht unter Stress. Denn dann verkürzt sich die Sprache auf Anweisungen und Einsilbigkeit. Der Hessische Bildungs- und Erziehungsplan, mit dem wir eigentlich grundsätzlich gut aufgestellt sind, legt vom Krippenalter an fest, wie man Kinder eigentlich gut bildet und fördert, um echte Chancengleichheit zu schaffen. Aber im Alltag ist das, was er fordert, eigentlich schon gar nicht mehr umsetzbar.
Woran liegt das?
Mit dem Bildungs- und Erziehungsplan wurden keine Richtlinien festgelegt, die zur Erreichung der Qualitätsstandards führen. Vielen Kolleginnen und Kollegen fehlt es zum Beispiel an Vorbereitungszeit. Diese ist mit dem Plan nicht gleichzeitig verpflichtend verankert worden. So ist es den Trägern überlassen, wie viel Vorbereitungszeit sie den Teams geben. In der Praxis ist es so, dass Vorbereitungszeit etwa für Dokumentation, Elterngespräche oder Bildungs-Projekte nebenbei laufen soll. Das heißt aber, dass sie zulasten der Kinderzeit geht. Wenn in einer Gruppe zwei Erzieherinnen sind und eine ist mit einer Vorbereitung beschäftigt, kann sie sich nicht gleichzeitig um die Kinder kümmern. In vielen Einrichtungen finden kaum noch Projekte oder Ausflüge statt, weil dafür einfach die Zeit und die Ressourcen fehlen.
Die Träger würden gern mehr Personal einstellen, nur ist der Markt leer. Wie also ließe sich der Personalmangel beenden?
Die Lösung an sich ist langfristig, wir müssen mehr ausbilden. Ein Hindernis dabei ist, dass es zu wenige Ausbildungsplätze gibt. Zudem kostet die Ausbildung häufig auch noch Geld oder ist so gering entlohnt, dass davon niemand leben kann. So blöd es klingt: Geld könnte helfen. Was die neue Landesregierung in diese Richtung vereinbart hat, sehen wir positiv. Wir hoffen, dass die Kommunen finanziell in diesem Bereich entlastet werden. Das könnte Luft für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen geben. Sie sollten im besten Fall so sein, dass niemand von der Arbeit krank wird. Gerade viele junge Kollegen sind frustriert, weil sie wegen des Personalmangels das, was sie in der Ausbildung gelernt haben, gar nicht wirklich umsetzen können. Viele sind aufgrund der Belastungen in Teilzeit, gehen früher in Rente oder schulen um. Das alles müsste nicht sein.
Es fehlt an Personal, aber auch an Kitaplätzen. Geben sich Eltern daher vielleicht zu schnell damit zufrieden, überhaupt einen Platz ergattert zu haben, und schauen nicht mehr zuerst: Wie ist die Qualität der Betreuung?
Die Eltern - das ist ein wichtiges Stichwort. Wir freuen uns, dass in diesem Jahr ein Landes-Kita-Elternbeirat gewählt worden ist, damit sie auch eine Stimme bekommen. Laut werden, das können am besten die Eltern. Auf den Familien ist ein unheimlicher Druck. Beide Elternteile sollen arbeiten gehen und müssen das oft auch. Sie sind ja auf das Geld angewiesen. Daher ist ihre Priorität häufig auf einen sicheren und verlässlichen Betreuungsplatz ausgerichtet.
Aber Kinder haben ein Recht auf Bildung ...
Ja. Und gerade Kinder, die auf außerfamiliäre Bildungsanreize angewiesen sind, finden in den Krippen und Kitas nicht die Unterstützung, die sie bräuchten. Zudem setzt die Pädagogik heute andere Schwerpunkte. Kinder sollten sich zum Beispiel als selbstwirksam erleben können.
Das bedeutet, ihre Vorstellungen werden ernst genommen?
Ja. Das heißt ja zuletzt auch, so lernen sie Demokratie. Das ist auch uns wichtig. Aber wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, kann ich einem Kind nicht begründen, warum jetzt nicht sein Vorschlag, sondern ein anderer umgesetzt wird. Dann heißt es schnell nur noch: Wir machen das jetzt so und so. Das ganze System ist aktuell wahnsinnig unter Druck, wie ein Topf, der kurz vor dem Überkochen ist. Da bräuchte es mal jemanden, der die Hitze reduziert und das Ganze nicht immer noch mehr anfeuert.
Was wäre Ihr persönlicher Wunsch in Sachen Qualitätsverbesserung für 2024?
Ich würde mir so wünschen, dass gerade das Thema Vorbereitungszeit verpflichtend verankert wird, so dass wir ansatzweise unserem Bildungsauftrag wieder nachkommen könnten. Das wäre ein großer Wunsch. Aber das würde das System wieder etwas entlasten - und wir hätten wieder mehr Zeit für die Kinder.