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Bildungsarbeit gegen Antisemitismus auf Tiktok:„Wir ignorieren Tiktok, bis es nicht mehr da ist, funktioniert nicht“

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Luise Wolff sagt, dass die AfD sehr schnell und aktiv auf Tiktok Accounts erstellt hat.
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Luise Wolff ist für ihre Bachelorarbeit zu „Bildungsarbeit gegen Antisemitismus auf Tiktok“ in Frankfurt ausgezeichnet worden. Die 26-Jährige appelliert an die Wissenschaft und traditionlle Nachrichtenunternehmen, jetzt aktiv zu werden. Die Social-Media-Plattform werde immer mehr zur Informationsquelle.

Für Luise Wolff ist es der erste Preis dieser Art: Überhaupt habe sie eigentlich nie Preise gewonnen. Nun aber erhielt die 26-Jährige für ihre „herausragende Bachelorarbeit“ an der Frankfurt University of Applied Sciences den Johanna-Kirchner-Preis. Ihr Thema ist aktuell wie nie: „Bildungsarbeit gegen Antisemitismus auf Tiktok“. Im FR-Interview betont Wolff, wieso Tiktok als Informationsquelle nicht mehr ignoriert werden kann und warum Bildungsarbeit gegen Antisemitismus gerade auf dieser Plattform so schwer ist.

Als Sie anfingen, Ihre Bachelorarbeit zu schreiben, war das knapp ein Jahr vor dem 7. Oktober; dem Tag, als die Hamas Israel angriff. Ab da ist Antisemitismus auf Tiktok gefühlt explodiert. Wie kamen Sie so früh auf das Thema, Frau Wolff?

Israelbezogener Antisemitismus war schon vor dem 7. Oktober auf Tiktok verbreitet und ist auch einer der häufigsten Formen von Antisemitismus, die man auf Tiktok findet. Er ist seit dem 7. Oktober nur eben präsenter, weil mehr darüber berichtet wird. Antisemitismus ist aber ein altes Problem, was sich eben kontinuierlich fortsetzt, aber immer wieder neue Formen findet, um sich auszudrücken. Auf Tiktok gibt es den alten Antisemitismus im neuen Gewand. Als ich Werkstudentin bei einer politischen Bildungseinrichtung in Frankfurt war, hatte ich das große Glück, dass die Projektleitung mich zum Thema Antisemitismus auf Tiktok viel eingebunden hat. Ich begann mich dann aber zu fragen: „Was kann jetzt konkret in der Bildungsarbeit dagegen getan werden?“ So entstand die Idee zu meiner Bachelorarbeit. Ich merkte aber schnell: Es gibt zwar viele empirische Studien, dass es Antisemitismus auf Tiktok gibt, aber kaum etwas dazu, was dagegen getan werden kann.

Und was ist wichtig für die Bildungsarbeit gegen Antisemitismus auf Tiktok ?

Zunächst einmal ist es sehr wichtig, Tiktok als eigenen digitalen Raum zu betrachten. Weil Tiktok eben anders funktioniert als andere Social-Media-Plattformen. Also bei Instagram beispielsweise folgen Leute bestimmten Accounts und bekommen die Beiträge von diesen angezeigt. Aber wenn man die Tiktok-App öffnet, bekommt man auf der sogenannten „For you“-Page vor allem vom Algorithmus ausgewählte Videos angezeigt. Tiktok äußert sich nicht dazu, wie dieser Algorithmus genau programmiert ist. Es werden aber eben nicht nur Videos angezeigt, weil man das Thema mal gelikt oder positive Kommentare abgegeben hat. Es spielt auch eine Rolle, wie lange man Videos anschaut. Der Algorithmus kann aber nicht bewerten: Also wenn ich mir beispielsweise ein Video der AfD länger anschaue, weiß er nicht, ob ich die AfD gut oder kritisch sehe. Er zeigt mir einfach noch mehr Videos zu ähnlichen Inhalten an.

Es sind auch Inhalte, die nicht immer gleich als antisemitisch erkennbar sind oder auch zweckentfremdet werden. Können Sie ein Beispiel nennen?

Der Filter „Versailles Run“ wurde anlässlich des Internationalen Tags des Museums im Mai 2021 von Tiktok veröffentlicht, unter dem Hashtag #MuseumMoment. Es war eine Aktion ohne einen Bezug zu Antisemitismus, aber der Filter wurden eben von einigen Menschen entfremdet, um antisemitische Inhalte zu verbreiten.

Wie das?

Nutzende interpretierten die an Marie Antoinette angelehnte Cartoon-Person als gehetzt und mutmaßlich auf der Flucht. Dieser Eindruck wurde genutzt und zudem Mimik wie verengte Augen oder böse umherschauend über den Filter und mit Texten wie „Zionisten auf dem Weg alle propalästinensischen Personen als antisemitisch zu labeln“ ergänzt. In so einem Fall stoßen auch Menschen, die nur nach Museumsinhalten gucken wollten, eben auf Antisemitismus, können es vielleicht auch nicht zuordnen und teilen es weiter. Wichtig ist festzuhalten: Antisemitismus wird auf Tiktok eben nicht nur gezielt verbreitet, sondern eben auch von Leuten, denen eben nicht bewusst ist, dass es Antisemitismus ist, und die auch nicht antisemitisch sein wollen. Die meisten Jugendlichen wollen dies auch nicht sein, wie auch eine Studie belegt. Um diese jungen Menschen ging es bei meiner Arbeit. Für Menschen, die bewusst Antisemitismus verbreiten wollen, bräuchte es ganz andere Konzepte.

Wird Tiktok noch zu sehr unterschätzt?

Ja, viele, die sich mit dem Thema nicht auskennen, denken: „Oh, da wird getanzt, da wird irgendwie Spaß verbreitet.“ Allein in Europa sind es 150 Millionen Menschen und Tendenz steigend, die die App nutzen. Und das sind insbesondere junge Menschen und diese informieren sich zunehmend eben auf dieser Plattform auch über tagesaktuelle Geschehen. Häufig, wenn was passiert, sieht man es als Erstes auf Tiktok. Es gibt von den traditionellen Medien, also Zeitungen bis Nachrichtensendungen, noch zu wenig Angebote auf Tiktok, die junge Menschen konsumieren können, um sich wirklich fundiert und gut zu informieren.

Was ist mit der Tagesschau, die hat einen Tiktok-Account. Ist das ein positives Beispiel?

Zur Person

1997 wird Luise Wolff in Frankfurt geboren und wächst hier auf. An der University of Applied Sciences Frankfurt studiert sie Soziale Arbeit und macht ihren Abschluss 2023. Für ihre Bachelorarbeit „Bildungsarbeit gegen Antisemitismus auf TikTok. Untersuchung der Handlungsempfehlungen empirischer Studien zu Bildung gegen Antisemitismen auf TikTok“ wurde sie mit dem Johanna-Kirchner nun ausgezeichnet.

Die AWO Frankfur t verleiht diesen mit der University of Applied Sciences für herausragende Abschlussarbeiten an Absolventinnen und Absolventen des Fachbereichs Soziale Arbeit und Gesundheit. Wolff lebt in Offenbach und arbeitet als Social Media Managerin. Ab Sommer plant sie einen Forschungsmaster zu machen. rose

Auf jeden Fall, denn sie sind nicht nur dort präsent, sondern produzieren extra Inhalte für Tiktok. Das ist wichtig: Es ist eine ganz andere Sprache und Art der Präsentation auf dieser Plattform. Man kann einen Artikel nicht dort eins zu eins übernehmen. Es müssen aber noch mehr Nachrichtenunternehmen realisieren, dass Tiktok eine wichtige Informationsplattform ist, und da eben auch stattfinden. Denn wenn nicht, werden Informationen durch andere wie Julian Reichelt, der zeitweise Nachrichteninhalte auf Tiktok gemacht hat, verbreitet. Er selbst stand nicht vor der Kamera, aber dahinter.

Und die Videos müssen gut gemacht sein, nicht?

Ja, denn der Tiktok-Algorithmus ist rigoros: Wenn das Video schlecht ist, dann sieht das auch niemand. Es ist aber nicht nur das, man erreicht die Menschen nicht, sondern andere sind eben schneller. Und andere sind eben auch die AfD, die auf Tiktok schon recht schnell und früh sehr viele Accounts erstellt hat, sehr viele Inhalte verbreitet hat und so viele Leute erreicht. Das ist eine Gefahr. Der Gedanke von: „Wir ignorieren Tiktok, bis es nicht mehr da ist“, funktioniert nicht. Tiktok wird nicht mehr nicht da sein. Ganz im Gegenteil: Tiktok selbst fängt an, dieses Informationen-zu-Beziehen immer mehr auszubauen.

Ist das so?

Das sind alles Sachen, die oft schwierig zu belegen sind, wenn man sich jetzt wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzt, weil es einfach noch nicht so viel dazu gibt. Aber es gibt einige Indizien. Also beispielsweise die Suchfunktion wurde bei Tiktok ausgebaut. Aber um auf das Thema Antisemitismus zurückzukommen, reicht es eben auch nicht aus, richtige und gute Informationen bereitzustellen. Also zu sagen: „Das ist antisemitisch.“ Oder: „Hier hat jemand Verschwörungserzählungen verbreitet.“

Sondern?

Man muss wissen: Welche Funktion nimmt Antisemitismus für die Person ein, die das verbreitet? Weil Antisemitismus eben unterschiedliche Funktionen für unterschiedliche Personen und Gruppen einnehmen kann. Beispielsweise kann es als Erklärung für gesellschaftliche Konflikte dienen. Oder durch eine negative Abgrenzung von Jüdinnen und Juden als Konstruktion der eigenen Gruppe. Es gibt also nicht die eine Lösung. Es muss nun viel mehr zur Bildungsarbeit gegen Antisemitismus auf Tiktok geforscht werden. Und zwar jetzt. Wichtig ist es, an dem gemeinsamen Interesse, nicht antisemitisch sein zu wollen, anzusetzen. Man darf dabei auf keinen Fall moralisierend oder belehrend sein.

Was passiert dann?

Das kann zu Abwehrreaktionen bei jungen Menschen führen. Bildungsarbeit gegen Antisemitismus kann nicht erzwungen werden. Es ist wichtig, dass eine Art Bildungsraum geschaffen wird. Tiktok sieht sich selbst als große Community, die gemeinsam lernt. Da ist Potenzial da, dass Leute mit unterschiedlichen Wissensständen sich gemeinsam weiterbilden. Das ist eine Chance. Aber auch eine Herausforderung.

Hat Tiktok nicht auch eine Verantwortung? Also beispielsweise sollten die Moderator:innen mehr Videos vor der Publikation sperren?

Es gibt nicht viel, was man weiß über die Arbeit der Moderator:innen, aber aus einem Gerichtsurteil aus den USA lässt sich schließen, dass die Moderator:innen sehr wenig Zeit für die einzelnen Videos haben. Tiktok versucht, diese Kritik, zumindest sagen sie das, anzunehmen und ihre Strukturen zu verändern. Moderator:innen sollen mehr geschult werden. Sie stellen auch Daten zur Verfügung, um damit zu forschen, allerdings nur für ausgewählte Wissenschaftler:innen. Es wäre wichtig, dass Tiktok mehr investiert und auch mit Organisatoren zusammenarbeitet, die sich mit Antisemitismus auskennen.

Was ist mit Creator:innen, die unpolitisch sind, aber viele Follower:innen haben, sollten die eingebunden werden in Projekten gegen Antisemitismus?

Auf jeden Fall. Creator:innen sind sehr gut geeignet, weil sie Menschen auf einer anderen Ebene erreichen. Ihre Follower:innen vertrauen ihnen. Die emotionale Komponente muss man bei Antisemitismus immer mitdenken. Es braucht nicht nur Expert:innen für Antisemitismus. Es braucht eine Bandbreite an Angeboten, damit wir jeden und jede erreichen können.

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