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Der VW-Konzern muss sparen und denkt über Entlassungen und Werkschließungen nach. Auf einer denkwürdigen Betriebsversammlung in Baunatal gab es nur wenige Infos – aber viele Emotionen.
Baunatal – Eines hörte man am Mittwoch immer wieder am Tor des Baunataler VW-Werks: So einen Tag wie gestern hat man hier noch nie erlebt. 8000 Beschäftigte waren zur Betriebsversammlung in die Halle 2 gekommen, wo VW-Technik-Vorstand Thomas Schmall lautstark ausgepfiffen wurde. „Es war ordentlich Stimmung im Laden“, sagte nach der zweistündigen Versammlung ein Mitarbeiter. Eindrücke eines Tages, an dem viele der 15.500 Beschäftigten mit einem mulmigen Gefühl nach Hause fuhren.
Der Betriebsrat
Armin Wicke könnte es egal sein, wie es mit VW weitergeht. Das Betriebsratsmitglied aus Edermünde moderierte wie immer seit 2012 auch die gestrige Betriebsversammlung. Der 61-Jährige hat nur noch 49 Tage zu arbeiten. Am 23. Oktober endet seine Zeit bei VW, die mit der Ausbildung zum Universalfräser 1983 begann. Die Zukunft des Autobauers und vor allem seiner Kolleginnen und Kollegen sind ihm aber nicht egal – unter anderem weil drei Kinder von ihm ebenfalls im Baunataler Werk arbeiten. Seine Tochter, die gerade eine Ausbildung macht, rief ihn am Montag besorgt an und fragte: „Papa, muss ich Angst haben, nicht übernommen zu werden?“
Die größte Angst konnte ihr ihr Vater erst einmal nehmen, aber seit dieser Woche stellen sich viele VWler solche Fragen. Armin Wicke leitete am Mittwoch auch die Aussprache, bei der sich Technik-Vorstand Schmall unangenehmen Fragen stellen musste. Fragt man Wicke, wie groß seine Sorge um das Baunataler Werk nun ist, antwortet er: „Aktuell nicht so groß, wir sind gut ausgelastet.“ Er ahnt aber auch: „Das heute war nur der Auftakt für das, was in den nächsten Monaten auf uns zukommt.“
Die Stimmung
Tobias Damm weiß, was eine hitzige Atmosphäre ist. Der Sachbearbeiter des Betriebsrats kickte einst für Mainz 05 in der Fußball-Bundesliga und hat als Trainer des Viertligisten KSV Hessen Kassel etliche stimmungsvolle Spiele absolviert. Über das Klima bei der Betriebsversammlung sagt der 40-Jährige: „Es war ordentlich Dampf drauf.“ Schon vor Beginn, als Journalisten noch anwesend sein durften, war es laut. Ein Trommler marschierte in die volle Halle 2 ein, auf Plakaten standen Slogans wie „Ihr wollt Ärger? Ihr kriegt Ärger“, und als VW-Technik-Vorstand Schmall eintraf, pfiffen die Beschäftigten so laut wie Fans von Borussia Dortmund, wenn Spieler aus Schalke im Westfalenstadion einlaufen. Hinterher soll es gesitteter zugegangen sein. So konnte Schmall ohne größere Unterbrechungen reden.
In Wolfsburg sollen seine Vorstandskollegen vor 25 000 Beschäftigten einen schwereren Stand gehabt haben. Schmall selbst – so ist später zu hören – zeigte nur Folien mit Zahlen, die belegen sollten, warum Sparen bei VW notwendig ist. Zu den Beschäftigten sagte er kaum etwas, zu Journalisten gar nichts. Letztere konnten sich auch vor der Versammlung auf dem Gelände nur eingeschränkt bewegen. Mitarbeiter des Werkschutzes begleiteten die Pressevertreter auf Schritt und Tritt.
Die Beschäftigten
Nach den zweieinhalb Stunden war Thomas Wollenhaupt enttäuscht. „Im Grunde genommen“, sagte der VW-Mitarbeiter aus Hessisch Lichtenau nach Schichtende, „erfährt man in den Medien mehr als hier.“ Technik-Vorstand Schmall habe keine hinreichenden Antworten gegeben – etwa wenn es um die Fehler des Managements ging.
Bei der Einführung der E-Mobilität, das sagen Experten und Beschäftigte immer wieder, haben die Manager in Wolfsburg viele Fehler gemacht. Wollenhaupt verdeutlicht das Problem mit einem Blick auf den riesigen Werksparkplatz: „Hier arbeiten 15 500 Leute, zählen sie mal die Ladesäulen.“ Es sind zu wenige, wie überall in der Republik, weswegen zu wenige E-Autos verkauft werden. Und in China, wo die E-Mobilität viel weiter ist, laufen heimische Produzenten VW den Rang ab.
Die meisten Beschäftigten wollen ihre Namen nicht nennen. Es geht ja auch um ihre Zukunft. Eine Mitarbeiterin geht mit der Information nach Hause, dass in Baunatal eigentlich 5000 Menschen zu viel beschäftigt seien: „Das macht mich extrem unsicher.“
Ein junger Ingenieur zeigt sich geschockt, „dass die Beschäftigungen innerhalb der nächsten Jahre nicht gesichert sind“. Außerdem sei die Dividendenausschüttung der Aktionäre nicht gerechtfertigt, dem habe sogar der anwesende hessische Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori zugestimmt.
Ein Mitarbeiter aus Frielendorf wirft den Konzernchefs „Großschnäuzigkeit“ vor. Er meint damit die umstrittene Strategie, vor allem auf große und teure Autos zu setzen: „Uns fehlt es an wirklichen Volkswagen.“
Bei Freunden, die nicht bei VW sind, hat der Mann aus dem Schwalm-Eder-Kreis in der Vergangenheit immer wieder den Satz gehört: „Ihr verdient ja auch gut.“ Was da mitschwang, war die Botschaft, dass man im Vergleich zu anderen Unternehmen zu viel verdiene. Dem 50-Jährigen ist bewusst, dass es ihm und seinen Kollegen gut ging. Er weiß aber auch: „Wenn der Laden hier zumacht, verdienen auch andere gar nichts mehr.“
Das VW-Werk in Baunatal ist eben nicht nur für die 15 500 Menschen, die dort arbeiten, und ihre Familie von immenser Bedeutung. Abhängig von ihm sind etwa auch Zulieferer sowie Handel und Gastronomie, wo VW-Mitarbeiter ihr Geld ausgeben.
Eine junge Mitarbeiterin hofft auf Annäherung der streitenden Parteien: „Ich bin optimistisch, dass man sich einigt, dass man einen Kompromiss findet.“ Ein Mitarbeiter im blauen VW-Arbeitsdress sagt, die Stimmung in der Versammlung könne er mit einem Satz beschreiben: „Es war hitzig.“ Die Drohgebärden des Vorstandes schätzt der Mann als Säbelrasseln ein.
Darum spricht Tobias Damm stellvertretend für wahrscheinlich alle Beschäftigten, wenn er sagt: „Es ist krass, was hier passiert. Das Gefühl bleibt weiter mulmig.“
Der Ausblick
Für Carsten Büchling hat dieser Mittwoch ein eindeutiges Signal geliefert. In einer Mitteilung, die der Betriebsratsvorsitzende mit Oliver Dietzel, dem Bevollmächtigten der IG Metall, verteilte, ist von einer überwältigenden Solidarität die Rede. Die von Technik-Vorstand Schmall vorgestellten Maßnahmen zur Bewältigung der Krise seien bei den Beschäftigten auf breite Ablehnung, Wut und Enttäuschung gestoßen. Büchling kritisiert: „Der Vorstand hat versagt. Die Folge ist ein Angriff auf unsere Beschäftigung, Standorte und Tarifverträge. Dagegen werden wir uns erbittert zur Wehr setzen. Mit uns wird es keine Standortschließungen geben.“
Laut Mitarbeiter Thomas Wollenhaupt hat die Konzernspitze mit der Infragestellung von Arbeitsplätzen und Standorten Druck für die anstehenden Tarifverhandlungen aufbauen wollen. VW-Rentner Klaus Bremer äußerte zudem die Befürchtung, dass es Taktik des Unternehmens sei, die Standorte gegeneinander auszuspielen. An den Standorten sollten so etwa „freiwillige Überstunden und Wochenendarbeit durchgesetzt werden“.
Für den Fall, dass die Bedrohung nicht zurückgenommen werde, kündigt der Betriebsratsvorsitzende Büchling „eine Eskalation im Tarifkonflikt und in der betrieblichen Zusammenarbeit“ an. Nicht nur das VW-Werk in Baunatal dürfte vor einem heißen Herbst stehen. (Matthias Lohr, Sven Kühling und Florian Ullmann)
Rubriklistenbild: © Andreas Fischer





