VonThomas Stillbauerschließen
Der Krieg und die neue Weltordnung: Wie Schreibende mit der Furcht umgehen und warum die Politik nichts verstanden hat.
Ob ihnen auch manchmal angst und bange werde, fragt der Moderator seine an Kummer gewöhnten Gäste auf dem Podium. Nun, er wache nicht morgens auf und denke: „Oh Gott, alles schlimm“, sagt Carlo Masala, Professor für internationale Politik an der Bundeswehr-Uni in München. Aber die Lage in Nahost mache ihm durchaus Sorgen, mehr noch als die russische Invasion in der Ukraine.
Frankfurter Buchmesse – Messe in Kriegszeiten. In Halle 4.1 berichten ukrainische Schriftsteller von ihrer Arbeit. Er schreibe jetzt mit einer anderen Einstellung, sagt der Autor Oleksandr Mykhed: so, dass der Inhalt langfristig wirke, Emotionen transportiere und ihm helfe, sich selbst das Chaos zu erklären. „Wir müssen aufschreiben, wie es wirklich war“, sagt Mykhed, „man muss sich merken, wie das ist, was die russische Invasion bei mir und meiner Familie bewirkt.“ Sein Buch behandelt die ersten 13 Monate nach dem Einmarsch 2022. „Wir hatten keine Zeit zu verarbeiten, was geschehen ist, keine Zeit zu reagieren.“
Sein Kollege Pavlo Kazarin, mit ebenso kahlgeschorenem Kopf, ein Shirt „Armed Forces of Ukraine“ am Leib, sagt, Identität entstehe durch die Abfolge von Ereignissen, aber auch durch Ereignisse, die nicht stattfinden: „Wir haben schon vergessen, wie das ist, wenn ein Flugzeug fliegt.“ Gestern flog eines. „Ich denke sofort, das ist eine russische Rakete. Aber nein, ich bin in Frankfurt.“
Man könnte den ukrainischen Autorinnen und Autoren auf der Buchmesse stundenlang zuhören. Alles, was sie erzählen, ist auf eine Weise spannend und emotionalisierend, dass man ein schlechtes Gewissen bekommt aus Angst, man könnte sich am Ende unterhalten fühlen von ihnen und der furchtbaren Lage, in der sie und ihre Familien sich befinden – von der Lage, aus der heraus sie schreiben.
Die Angst ist vielfältig in dieser Zeit; zurück zu den Professoren und ihrer Furcht. Als Mensch sei er beunruhigt, antwortet Herfried Münkler, wie Carlo Masala ebenfalls Politikprofessor, auf die Eingangsfrage. „Aber der Wissenschaftler arbeitet seine Furcht weg.“ Wir, als Gesellschaft, sollten durchaus „in der Furcht leben, das ist gar nicht schlecht“, empfiehlt Münkler. „Aber wir müssen sie als etwas Ertragbares und Handhabbares gestalten.“
„Die neue Weltordnung“ lautet der Titel der Podiumsdiskussion, das Interesse ist groß, der Frankfurt-Pavillon gut besucht. Die Lage der Welt, wie sie sich gerade darstellt, uneinig, kriegerisch und gefährlich: „Es ist nicht so, dass wir es nicht haben kommen sehen, aber auf uns hört ja keiner“, sagt Masala auf seine Art, stets den Ernst im Sinn, aber auch den Schalk im Nacken. „Kommen sehen haben es viele, aber wahrhaben wollten sie es nicht“, nämlich die Entscheider, die Politik.
Der 24. Februar 2022, der Tag der Vollinvasion der russischen Armee in die Ukraine, sei der Moment gewesen, in dem kreatives Handeln gefragt war, sagt Masala. „Berlin wollte dazu unser Wissen haben.“ In der Folge sei das Interesse an kreativen Lösungen aber einer Routine der politisch Verantwortlichen gewichen. Masala erzählt von der Zeit in seinem Buch „Bedingt abwehrbereit“.
Wendepunkt Afghanistan
Noch ein Schlüsseldatum nennt Münkler: den 15. August 2021, den überstürzten Abzug des US-Militärs aus Afghanistan. Da habe sich gezeigt: „Aha, das Eingeständnis, dass man überfordert ist im Hinblick auf die Bereitschaft der Bevölkerung, solche Einsätze zu unterstützen.“ Es sei in diesem Moment erkennbar gewesen, dass eine Weltordnung, die sich auf universelle Werte stütze, auf Dauer keine Chance habe: „Weil keiner da ist, der das kontrolliert.“
Münkler erwartet in seinem Buch „Welt in Aufruhr“ künftig fünf Machtzentren – die USA, China, Russland, Indien und die EU. Er selbst habe eher den Eindruck, dass es auf eine Bipolarität zwischen China und den USA hinauslaufe, wirft Moderator Jens-Christian Rabe von der „Süddeutschen Zeitung“ ein. Das ist auch Masalas Eindruck. Die Übergangsphase zu einer neuen Weltordnung dauere schon ziemlich lang, sagt er, und was ihn befremde: „Große Teile der Politik haben das geopolitische und strategische Denken verlernt.“ Anders ausgedrückt: „Man denkt nur bis zur nächsten Wand und nicht darüber hinaus.“
„Bis zur nächsten Wahl“, nimmt Münkler den Faden auf, „wer weiter denkt, hat ein Problem, wird nicht aufgestellt oder verliert die Wahl.“ Das Publikum lacht bitter. „Wir haben die Dramatik der Weltordnung, in der wir zurzeit leben, noch nicht erkannt“, sagt Masala. Im US-Pentagon habe es früher eine ganze Abteilung gegeben, die nur in die Zukunft dachte, im deutschen Verteidigungsministerium einen Planungsstab. Beides abgeschafft. So endet diese Diskussion ohne hoffnungsvollen Blick nach vorn. Doch die Buchmesse als Ort, an dem darüber gesprochen wird, wie es wirklich ist, hat sich hier wieder bewährt.
