Hessentag in Pfungstadt

Bundeswehr auf dem Hessentag: Wenn der Tiger kommt

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Ein Bundswehrhubschrauber des Typs „Tiger“ kreist über dem Hessentagsgelände in Pfungstadt.
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Die Bundeswehr wirbt alljährlich auf dem Hessentag bei Schülerinnen und Schülern. Friedensinitiativen kritisieren das. Ein Besuch in Pfungstadt.

Pfungstadt - Als das Brummen der Rotoren von weitem erklingt, zücken Soldaten wie Zivilisten ihre Handys, um ein Foto zu erhaschen. „Da kommt der Tiger“, rufen einige. Der Anflug des Bundeswehrhubschraubers aus dem nordhessischen Fritzlar am Mittwochmittag ist das Highlight des Tages bei der Ausstellung der Bundeswehr auf dem Hessentag in Pfungstadt. Zu sehen sind außerdem Panzerfahrzeuge und sonstige Gefährte, wie Dingo 2, Störsender Hummel oder Mungo. Außerdem präsentieren sich Marine, Feldjäger, schnelle Einsatzkräfte, Sanitäter, Bundeswehrfeuerwehr und -seelsorge wie auch der Verband der Reservisten.

Ein Schüler macht auf dem Boden gerade Liegestütz, umringt von seinen Mitschülern, während ein Soldat neben ihm lautstark mitzählt. Zwanzig Stück schafft der junge Mann. „Nicht übel“, sagt der ehemalige Feldjäger Carlos Santos de Lima. „Die Jugendlichen haben Spaß, wenn sie mal gefordert werden.“ Heutzutage würden sie zu wenig gefordert, wenn es darum gehe, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, findet er. Hier könne die Bundeswehr Anhaltspunkte geben. Insgesamt sei das Interesse an der Truppe seit Ukrainekrieg, Pandemie und Ahrtalkatastrophe gestiegen, „weil die Menschen sehen, dass wir etwas für die Gesellschaft tun“, sagt Santos de Lima.

Bundeswehr auf dem Hessentag: Täglich 1200 Schülerinnen und Schüler vor Ort

Trotzdem dürfte die Ausstellung der Bundeswehr das regelmäßig meist kritisierteste Angebot auf dem Hessentag sein. Sie ist aber offensichtlich auch eines der bestfrequentiertesten Informationsangebote des Landesfestes. Täglich besuchen rund 1200 Schülerinnen und Schüler aus ganz Hessen die Militärschau.

Friedensinitiativen, Linke und Gewerkschaften kritisieren nicht nur, dass überhaupt Kriegsgerät auf einem Landesfest zur Schau gestellt wird, sondern auch, dass Schulklassen gezielt von der Bundeswehr zum Hessentag eingeladen werden. Für Samstag ruft das Bündnis Friedlicher Hessentag ab 12 Uhr zu einer Kundgebung vor Ort gegen die Werbestrategie der Bundeswehr auf. Die Bundeswehr wolle sich als normaler Arbeitgeber auch und gerade bei Kindern und Jugendlichen präsentieren und für gewaltbasierte Konfliktlösung begeistern, lautet die Kritik.

Karriereberaterin Maike Hilmes aus Wetzlar bestätigt, dass die Bundeswehr auch die Busfahrten für Abschlussklassen organisiert. Das Interesse sei schon immer sehr groß gewesen; immerhin biete die Bundeswehr 60 verschiedene Studienfächer und über 90 Ausbildungsberufe an. „Viele wissen nicht, dass es eine militärische und einen zivile Richtung gibt.“

Bundeswehr auf dem Hessentag: Wenig Interesse an Militärlaufbahn

Auch Nina Lange und Paul Holdefehr, Geschichts- und Politiklehrende einer Kooperativen Gesamtschule aus Michelbach Aahrbergen (Rheingau-Taunus-Kreis) sind mit vier Klassen angereist. Sie finden es wichtig, dass das Thema Bundeswehr auch im Unterricht entsprechend aufgearbeitet werde. Ihre Schüler:innen seien allerdings wenig interessiert an einer entsprechenden beruflichen Orientierung.

„Ich will nirgends arbeiten, wo ich jeden Tag Angst habe, zu sterben“, sagte etwa die 16-jährige Aaliyah. Ihre Mitschülerin Miray findet es „interessant anzuschauen“, einen Job beim Bund möchte sie aber nicht machen. „Es ist ja nicht nur morden“, sagt indes Elias, 17.

HESSENTAG-HIGHLIGHTS AM 10. UND 11. JUNI

Samstag und Sonntag, ganztägig: die Greifvogel-Auffangstation und ihre Arbeit in der Sonderausstellung „Der Natur auf der Spur“ , Friedensstraße

Samstag und Sonntag, 10–19 Uhr: Kinder-Joy-of-Moving-Turnparcours im Merck Fit&Fun-Park, Friedenspark zwischen Theodor-Heuß-Straße und Christian-Stock-Straße

Samstag, 20 Uhr: Konzert der Bigband des Technischen Hilfswerks Deutschland im Hessentags-Festzelt, Friedensstraße

Samstag, 9–20 Uhr: Ausstellung anlässlich des Jubiläums zum 100-jährigen Bestehen des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) Darmstadt. Historische Löschübungen um 11, 14 und 17 Uhr, Platz der Hilfsorganisationen

Samstag und Sonntag, 11–19 Uhr: Ninja Warrior Kids, Wettkampf für 8- bis 15-Jährige (Samstag) und für Teilnehmer:innen ab 16 Jahren (Sonntag) im Merck Fit&Fun-Park, Friedenspark zwischen Theodor-Heuß- und Christian-Stock-Straße. Anmeldung zum Wettkampf: https://linktr.ee/baertigeninjas

Sonntag 10–19 Uhr: Kick it! Soccer-Court und Fußballstationen für kleine und große Fußballer:innen im Merck Fit & Fun Park

Sonntag, 10–19 Uhr: Motorsport und alles drumherum im Merck Fit & Fun Park. Für Kinder bis 10 Jahre oder 1,20 Meter Körpergröße gibt es kostenfreies Schnupperfahren auf echten Mini-Motorrädern

Sonntag, 10–19 Uhr: „ViiAS“, die Modellregion für Sport und Inklusion, lädt ein, das inklusive Spiel „Showdown“ kennenzulernen. Merck Fit & Fun Park

Sonntag, 10-18 Uhr: Kinderkommissar Leon stellt sein Programm vor und ernennt die Kinder zu Kinderkommissaren. Am Platz der Polizei, Kaplaneigasse

Sonntag, 10 Uhr: „Glück … kann ich brauchen“ ist das Motto des Abschlussgottesdienstes zum Hessentag auf der Bühne am Pfungstädter Rathaus

Sonntag, 13.30-17 Uhr: Der Festzug mit 120 Teilnehmergruppen startet in der Rheinstraße um 13.30 Uhr. Einlass in die Sparkassen-Arena ab 12 Uhr. Erwartet wird der Festzug dort um 14.30 Uhr

Sonntag, 17.30 Uhr: Konzert von „Groove Colour“, Pop- und Rockcover-Band aus Frankfurt, auf der Rathausbühne im Trachtenland cka/jjo

www.hessentag2023.de

Die Schulklassen werden von einer Soldatin in das feststehende Programm eingewiesen. Sie hören Vorträge über die Feldpost, werden herumgeführt, klettern in Fahrzeuge und Hubschrauber, lassen sich Fallschirmgurte anlegen oder machen ein Quiz über Deutschland und die Nato und gewinnen jede Menge Kugelschreiber, Deutschlandfähnchen und Baumwolltaschen mit Bundeswehremblem.

In die gepanzerten Fahrzeuge darf man auch reinklettern.

Die Schau auf dem Festgelände Gambrinus zieht aber auch zahlreiche Erwachsene an. Im Bundeswehr-Festzelt lässt man sich zu „Marmor, Stein und Eisen bricht“ einen Äppler schmecken oder isst in der Feldküche nebendran Soldatengerichte wie Erbseneintopf oder Rindergulasch.

Bundeswehr auf dem Hessentag: Reservisten bereiten sich auf Ernstfall vor

Auf großes Interesse stoße seit dem Krieg gegen die Ukraine auch der Verband der Reservisten, ist man im dortigen Infozelt überzeugt. „Um Mitglied zu werden, muss man nicht beim Bund gewesen sein“, sagt Stephanie Schneider. Sie sei zum Beispiel nur Fördermitglied, dürfe aber auch an der Schießausbildung teilnehmen.

Ein 51-jähriger Bahnangestellter in grünem Tarnanzug pflichtet ihr bei. Er sei vor einem Jahr beigetreten. Der Ukrainekrieg sei für ihn „ein Weckruf gewesen“. Man müsse auf den Ernstfall vorbereitet sein. Jetzt trainiere er regelmäßig in der Freizeit bei der Reservistenkameradschaft Frankenstein, wie man sich mit Kompass im Gelände zurechtfindet und kilometerweit mit schwerem Gepäck marschiert, sowie den Umgang mit Pistole, Sturmgewehr und Maschinenpistole. Für Reservist:innen gebe es keine Altersbeschränkung für das Training. Allerdings werde man laut Soldatengesetz nur bis 65 im Kampf eingesetzt.

Bundeswehr auf dem Hessentag: Hilfe für die Ukraine

Reservist:innen trainieren aber nicht nur für den Ernstfall in Deutschland. Die Hanauer Kameradschaft zum Beispiel hat seit Beginn des Krieges 50 Tonnen Hilfsgüter in die Ukraine geliefert, wie ihr Vorsitzender André Kempel berichtet. „Wir sind die erste Kameradschaft, die eine befreundete ukrainische Kameradschaft hat.“

Für die Schüler:innen ist nach zwei Stunden Schluss bei der Truppe. Danach dürfen sie den Hessentag frei erkunden. (Claudia Kabel)

Beim Hessentag in Pfungstadt ist vieles modern – aber dennoch findet man dort typisch Hessisches, das es schon auf vielen Landesfesten gegeben hat.

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