Porträt

Bunker und Schutzraum gehören zum Alltag

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Ein Leben mit Bedrohung ist für Israelis Alltag. Viele Wohnungen haben einen sogenannten „safe-room“, der bei Alarm aufgesucht werden kann. Das Fenster ist besonders gegen den Druck von Explosionen gesichert. Sarah Levy hat sich hier in einem solchen Raum, der in der Wohnung einer Verwandten zugleich als Kinderzimmer genutzt wird, mit ihrem Sohn abgelichtet.
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Die Hofheimerin Sarah Levy lebt in Israel / Der 7. Oktober hat in ihrer neuen Heimat alles verändert

Hofheim/Tel Aviv. „Es ist ermüdend“, so kennzeichnet Sarah Levy das aktuelle Leben in ihrer Wahlheimat. Vor fünf Jahren war die in Hofheim aufgewachsene Journalistin und Autorin mit jüdischen Wurzeln nach Israel ausgewandert. Darüber hat sie auch ihr erstes Buch geschrieben. Was sie darin in Bezug auf den Umgang mit ständiger Bedrohung schildert, dieses „Trotzdem Feiern“, wie sie formuliert, komme ihr heute „vor wie aus einer anderen Welt. Diese Leichtigkeit“, die sie damals am Alltag in Israel so faszinierte, „die gibt es so nicht mehr“, sagt Levy,

Der 7. Oktober hat alles verändert. Der Überfall der Hamas, die Massaker und Entführungen, haben ein Trauma hinterlassen, mit dessen Aufarbeitung die Menschen nach wie vor beschäftigt seien. „Wir sehen im Fernsehen bis heute Interviews von Menschen, die es erlebt haben,“ so Levy.

Tel Aviv, in dessen Großraum Sarah Levy mit ihrem Freund und dem gemeinsamen Sohn lebt, war zudem immer wieder Raketenbeschuss aus Gaza ausgesetzt. „In den Bunker rennen“, oder den Schutzraum in der Wohnung der Verwandten aufsuchen, das sei längst Teil des Lebens geworden, sagt die Journalistin. Eine Tasche mit dem Nötigsten, angefangen von den Pässen bis zur Trinkflasche und dem aktuellen Lieblingsschnuller ihres zweijährigen Sohnes, steht dafür ständig griffbereit.

Bei aller Routine, die dieser Umgang mit der Bedrohung mittlerweile hat: Es sei dann doch schwierig gewesen, die Angst auszuhalten, als am vergangenen Wochenende klar wurde, dass der Iran einen Vergeltungsangriff auf Israel durchführen würde, berichtet die frühere Hofheimerin. „Wir wussten, dass irgendetwas kommt, konnten uns nur nicht vorstellen, was.“ Als die ersten Eilmeldungen eintrafen, brachte sie gerade ihren Sohn ins Bett. Er spüre immer sofort ihre Unruhe, sagt die 38-Jährige. Entsprechend lange habe es gedauert, bis er eingeschlafen sei. Gut erinnert sie sich an ihre Stimmung in diesem Moment. „Ich wusste, wenn ich aus dem Kinderzimmer gehe, wird meine Welt wieder ein bisschen anders geworden sein“.

„Wir sind nicht allein auf der Welt“

Im Pyjama, aber die Turnschuhe an den Füßen, habe sie die nächsten Stunden vor dem Fernseher zugebracht. Während für ihren Lebensgefährten klar gewesen sei: „Wir lassen uns nicht verrückt machen“ und er sich schlafen gelegt habe, sei ihr eigener Puls für Schlaf viel zu hoch gewesen. Sie verfolgte auf dem Bildschirm, wie für hunderte von Orten Alarm angezeigt wurde. „Wir haben dann auch draußen Explosionen gehört“, sagt Sarah, „auch echt viele, es kam von allen Seiten.“ Bis zum Alarm kam es in Tel Aviv nicht. Die Unterstützung auch anderer Staaten bei der Luftabwehr, die Erfahrung, „dass wir nicht allein sind auf der Welt,“ sieht Levy dankbar. Das habe viele in ihrem Land „sehr beflügelt“.

Ob sie mittlerweile an ihrem Entschluss, als deutsche Jüdin nach Israel auszuwandern, zweifelt? „Es klingt komisch“, sagt die Journalistin, aber sie fühle sich tatsächlich sogar in Israel sicherer als in Deutschland, wo Juden wieder deutlich stärkeren Anfeindungen ausgesetzt seien. Der 7. Oktober und das Leid der Israelis seien inzwischen in den Hintergrund getreten, würden zum Teil sogar „total negiert“, und es heiße: „Gaza ist viel schlimmer.“

Viele wollen nur ein normales Leben führen

Bei ihrem Besuch bei den Eltern im vergangenen November hat die Ehemalige der Main-Taunus-Schule Flyer zu Gesicht bekommen, die Hass gegen Israel schüren wollen. Freunden ihrer Eltern sei ein Hakenkreuz auf die Mülltonne geschmiert worden. Sarah und ihr Mann hörten bei Zugfahrten, wie sich Mitreisende über die Angriffe Israels auf Gaza unterhielten und hatten „das Gefühl von absoluter Präsenz einer pro-palästinensischen Haltung.“ Ein subjektiver Eindruck, der bei den beiden aber Wirkung gezeigt hat. Ihr Freund habe in der Öffentlichkeit mit dem gemeinsamen Sohn dann lieber nicht mehr Hebräisch gesprochen, um nicht als Israeli identifiziert zu werden, nennt Sarah ein Beispiel.

So hätten sie beide mit der Rückkehr nach Israel „ein Gefühl totaler Erleichterung“ verspürt. Hier schütze sie eine starke Armee, hier trete ihr Nachbar vor sie, wenn sie bedroht werde, das vermittle eine ganz andere Sicherheit, sagt Sarah Levy. Sie will weiter für ein differenziertes Bild werben, das aber eben auch die ganz besondere Lage Israels und die erlittenen Traumata des jüdischen Volkes bis hin zur Schoa im Blick behält. Kein Menschenleben sei weniger wert als das andere. Das gelte auch für die andere Seite, sagt Sarah Levy. „Wir sind von Feinden umgeben“. Aber „es sind hier Menschen und da Menschen“ - und viele wollten, so wie sie, einfach ein ganz normales Leben führen, „zumindest so, dass man nicht dauernd Angst vor dem Himmel haben muss.“

Wie die Antwort Israels auf den Angriff aus dem Iran aussehen wird, ob es zu weiterer Eskalation kommt, macht auch Sarah Levy gerade Sorge. Dass es eine Reaktion geben wird, ist für sie keine wirkliche Frage. Sonst sei das wie eine Einladung zum Weitermachen. Ihre stille Hoffnung: Israels Antwort möge so „smart“ ausfallen, dass sie das Regime im Iran trifft, aber die Menschen dort eher stärkt. „Nur liegt das leider nicht in unserer Hand.“

EXTRA: Zwei Lesungen

Sarah Levy schreibt gerade an ihrem zweiten Buch über ihr Leben in Israel. „Kein anderes Land“ soll es heißen. Erste Kostproben daraus und zudem einiges aus ihrem ersten Buch „Fünf Wörter für Sehnsucht“ wird sie in Kürze bei zwei Lesungen in Frankfurt und Oberursel vortragen und sich mit den Teilnehmern austauschen. Die Lesung in der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, Hansa-Allee 150, ist am Dienstag, 30. April, um 19 Uhr, Voranmeldung unter events@bs-anne-frank.de. In Oberursel ist Levy an Christi Himmelfahrt, 9. Mai, um 19.30 Uhr im Salon des Cafés Windrose, Strackgasse 6, zu Gast. Der Eintritt ist frei. babs

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