- VonAndreas Hermannschließen
Gegen den bundesweiten SPD-Negativtrend holt der Sozialdemokrat den Wahlkreis Kassel und zieht in den Bundestag ein. Erleichtert zeigte sich auch Bezirkschef Gremmels
Als gegen 18 Uhr die SPD-Prognose (16 Prozent) über den Bildschirm flimmerte, stieg bei den Kasseler Genossen im Ulenspiegel die Anspannung. Als ab 18.30 Uhr erste Ergebnisse aus den Wahlbezirken auf den Handys ablesbar waren, zeichnete sich ein nervenaufreibendes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD-Wahlkreiskandidat Daniel Bettermann und CDU-Herausforderer Maik Behschad ab. Fast von Anfang an hatte Bettermann bei den Erststimmen die Nase vorn. Mit rund 27 Prozent, drei bis vier Prozentpunkten mehr als Behschad. Lange Zeit wollten das weder der Kandidat noch SPD-Bezirkschef Timon Gremmels kommentieren. Aber Erleichterung war ihnen beim Blick auf das sich abzeichnende, deutlich schlechtere SPD-Ergebnis im Bund anzumerken.
Die Ergebnisse aus Kassel gaben den Sozialdemokraten in Bettermanns Stammkneipe Zuversicht, aber noch keinen Grund zum Jubeln. Die Stimmung blieb verhalten. Erst als gegen 19.30 Uhr mehr als die Hälfte der 338 Wahlbezirke ausgezählt waren und der Vier-Prozentpunkte-Abstand hielt, wollten Bettermann und Gremmels etwas dazu sagen. Tenor: Sollte sich dieser Trend verfestigen, wäre das ein toller Erfolg.
So kam es denn auch. Das gegen 22.15 Uhr für den Wahlkreis vorliegende vorläufige amtliche Endergebnis ist für die Kasseler SPD wie ein Akt der Befreiung. Geschafft. Der Wahlkreis, seit 1949 fest in SPD-Hand, wird es auch bleiben. Daniel Bettermann trotzt dem bundesweiten SPD-Negativtrend und holt mit 27,7 Prozent der Erststimmen das Direktmandat. Nach Zweitstimmen verliert ihn die SPD (22,33 %) hauchdünn an die CDU (22,46 %).
Der 44-jährige Bettermann zieht damit direkt in den Bundestag ein. „Das ist Wahnsinn, dass es geklappt hat“, so seine erste Reaktion. Er spricht von einem tollen Vertrauensbeweis und dankte seinem engagierten Wahlkampfteam. Der Schlüssel liegt für ihn auf der Hand: „Wir sind total geschlossen aufgetreten.“ Bereits im Wahlkampf habe er für sich ein positives Feedback gespürt. In den Gesprächen sei es nicht nur um Migration gegangen, sondern auch um soziale und damit ureigene SPD-Themen.
„Ich bin einer, der sich am meisten darüber freut, dass Daniel den Wahlkreis für sich entscheiden konnte“, betonte Bezirkschef Gremmels. Denn er habe schon ein schlechtes Gewissen gehabt, dass er mit seinem Weggang nach Wiesbaden eine Lücke hinterlassen habe, meint der hessische Staatsminister, der 2021 und 2017 den Wahlkreis gewonnen hatte. „Daniel war der absolut richtige Kandidat“, zeigte sich Gremmels überzeugt. Durch sein Engagement sei er in Stadt und Kreis bereits bekannt gewesen und habe es deshalb auch geschafft, einen von zwei hessischen Wahlkreisen für die SPD zu gewinnen (neben Marburg). Das Abschneiden der SPD in Kassel könne sich sehen lassen, für die SPD insgesamt sei das aber ein katastrophales Ergebnis, meinte Gremmels. Da müssten nun auch politische Konsequenzen gezogen werden. Welche, ließ er gestern noch offen.
Erfreut darüber, dass sie mit MdB Bettermann bald einen hauptamtlichen Mitstreiter in der Kasseler SPD habe, zeigte sich die Landtagsabgeordnete Esther Kalveram. Nach den Querelen rund um die Oberbürgermeisterwahl betonte auch sie den geschlossenen Auftritt ihrer Partei in diesem Bundestagswahlkampf. Kalveram: „Die SPD in Kassel ist wieder da.“
Sieger im Wahlkreis
1949: Georg-August Zinn (SPD)
1951 und 1953: Ludwig Preller (SPD)
1957, 1961, 1965, 1969, 1972 und 1976: Holger Börner (SPD)
1980, 1983, 1987 und 1990: Horst Peter (SPD)
1994, 1998 und 2002: Gerhard Rübenkönig (SPD)
2005: Hans Eichel (SPD)
2009 und 2013: Ulrike Gottschalck (SPD)
2017 und 2021: Timon Gremmels (SPD)
2025: Daniel Bettermann (SPD)