Machtwechsel

Nach Sturz des Assad-Regimes in Syrien: Das sagen Geflüchtete in Fulda zur Situation in ihrem Land

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Viele Menschen aus Syrien feierten den Sturz des Regimes – doch viele Unsicherheiten bleiben. (Archivbild)
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Nach dem Sturz des Assad-Regimes ist in Deutschland eine Debatte über die Zukunft der syrischen Geflüchteten entbrannt. Was sagen Betroffene selbst dazu?

Fulda/Damaskus - Nach dem Sturz von Machthaber Baschar al-Assad, mit dem eine jahrzehntelange Schreckensherrschaft seiner Familie endet, beginnt in Syrien ein neues Kapitel. Eine islamistische Rebellengruppe hat den brutalen Machthaber im Nahen Osten vertrieben. Nahost-Experte Gil Yaron nahm zum Machtwechsel in Syrien Stellung.

Das sagen Geflüchtete aus Syrien in Fulda zur Situation in ihrem Land

Wie sehen betroffene Geflüchtete den Sturz des Machthabers? Wollen sie zurück in ihr Heimatland, befürchten sie Massenabschiebungen? 2089 syrische Staatsangehörige waren zum 30. November im Landkreis Fulda gemeldet. Das sagen Geflüchtete aus Syrien in Fulda zur Situation in ihrem Land:

„Keine Chance auf ein friedliches Zusammenleben“
Die 40-jährige Jumana Almawla ist vor zweieinhalb Jahren aus Damaskus nach Deutschland gekommen, heute lebt sie als alleinerziehende Mutter in Fulda. Sie schaut mit einem sehr kritischen Blick auf die aktuellen Geschehnisse in Syrien. „Die Bevölkerung hat viel Angst“, sagt sie.

Zwar habe sie einen Regierungswechsel gewollt, doch Almawla glaubt nicht, dass das Rebellenbündnis den erhofften Frieden bringt – sie befürchtet vielmehr, dass durch die Eingriffe von außen das Chaos im Land größer wird. Laut der 40-Jährigen könnte es passieren, dass sich Streit und Kämpfe innerhalb der Bevölkerung entwickeln.

„Die Menschen haben unter der Regierung von Baschar al-Assad gelitten, sie hatten keine Freiheit. Durch einen Machtwechsel haben wir uns Frieden erhofft. Doch aktuell sehe ich keine Besserung, keine Chance auf ein friedliches Zusammenleben oder auf Gleichberechtigung.“ Angesichts der aktuellen Lage stellt eine Rückkehr in ihr Heimatland für die alleinerziehende Mutter keine Option dar.

Zwei Frauen, deren Angehörige inhaftiert waren, reagieren vor dem berüchtigten Saidnaja-Militärgefängnis nördlich von Damaskus. Tausende von Insassen sind nach dem Sturz des Regimes von Bashar al-Assad durch die Rebellen am Sonntag freigelassen worden.

„Eine Gefahr für das gesamte Land“
„Das Chaos wird jetzt nur größer“, sagt Noura Sayed Abdullah. Die 42-Jährige ist vor viereinhalb Jahren aus al-Hasaka im Nordosten von Syrien nach Deutschland gekommen und lebt nun als alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern in Fulda. Auch wenn der Anführer der Islamistengruppe HTS, Abu Muhammad al-Dscholani, vor Jahren öffentlichkeitswirksam mit Al Kaida gebrochen hat, befürchtet die 42-jährige Kurdin durch die einst engen Bindungen an die Terrororganisation Islamischer Staat, dass das Rebellenbündnis eine Gefahr für ganz Syrien darstellt.

Außerdem erwartet sie, dass es nun zwischen den einzelnen Gruppen untereinander Kämpfe geben wird. „Syrien wird zersplittet. Jede Gruppe wird einen Teil für sich beanspruchen, es wird keine einheitlichen Entscheidungen geben“, vermutet sie. Für die nahe Zukunft erwartet Noura Sayed Abdullah zunächst keine Verbesserung für das Leben der Kurden. „Nicht nur ich, sondern alle im Ausland lebende Kurden müssen die Entwicklungen weiter beobachten“. Zum jetzigen Zeitpunkt kann sie sich keine Rückkehr nach Syrien vorstellen.

Situation in Syrien für einige Geflüchtete noch nicht gegeben

„Lage wird sich nun verbessern“
Abdulgalil Sebai ist 51 Jahre alt. 2014 ist er aus seiner Heimatstadt in der Mitte Syriens in die Türkei geflüchtet. Vor drei Jahren kam er dann nach Deutschland und lebt heute in Fulda. Der Chemiker ist froh, dass das Assad-Regime gefallen ist. „Jetzt kann eine andere Regierung gebildet werden“, sagt er.

Sebai geht davon aus, dass sich die Situation in seinem Heimatland nun verbessert. Er steht hinter den Rebellen und befürwortet ihre Tat, „denn sie haben bei ihrer Eroberung niemanden unterdrückt, nur weil er einen anderen Glauben hat. Sie sind neutral mit den Menschen umgegangen“. Der 51-Jährige hofft jetzt auf eine demokratische Regierung in Syrien.

Er selbst würde, sobald sich die Lage beruhigt hat, gerne zurück in seine Heimat. Da er allerdings mit einer Alawitin verheiratet ist, befürchtet er, dass ein Zusammenleben schwierig werden könnte. Obwohl er hinter den Rebellen steht, so glaubt er dennoch auch, dass diese das Leben der Menschen mit alevitischem oder auch schiitischem Glauben erschweren werden.

Syrer warten am Grenzübergang Oncupinar in der Nähe von Kilis in der Südtürkei darauf, von der Türkei nach Syrien zu gelangen.

„Keine Verbesserung in Sicht“
Türkische Streitkräfte haben 2018 sie syrische Stadt Afrin okkupiert – ein Großteil der ursprünglichen Bewohner ist geflohen. Eine 42-jährige Kurdin ist bereits vor neun Jahren von dort nach Deutschland gekommen. Die Frau, die aus Sicherheitsgründen gerne anonym bleiben möchte, hat inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit und lebt aktuell in Fulda.

Im Hinblick auf ihre Heimat in Syrien berichtet sie, dass aufgrund der aktuellen Situation Tausende von Aleppo nach Afrin geflüchtet seien. Doch auch dort seien die Umstände alles andere als gut. „Die Rebellen dort werden von der Türkei unterstützt. Die Soldaten sind ungebildet und entmachten die Bürger. Die Lage hat sich alles andere als verbessert.“ Die 42-Jährige erzählt davon, wie Menschen entführt und Geld von ihren Familien gefordert wurde. „Von der Türkei kam keine Reaktion.“

Mischung zwischen Hoffnung und Sorgen über Heimatland

Obwohl es früher in Ordnung gewesen sei, ohne Kopftuch in Afrin auf die Straße zu gehen, so werde es nun extra bestraft. „Auch wer nicht dem islamischen Glauben angehört, muss sich bedecken“, erklärt die Kurdin. Auch mit Blick in die Zukunft erwartet sie unter dem Rebellenbündnis keine Verbesserung für Syrien.

„Zu früh für Massenabschiebungen“
„Es reicht nicht, Syrien militärisch zu unterstützen, das Land braucht von Europa auch demokratische Unterstützung“, betont Abdulkerim Demir, Vorsitzender des Ausländerbeirats Fulda. Es müsse eine gemeinsame Lösung gefunden werden. Laut ihm sei die beste Option, Syrien in mehrere Regierungsbezirke aufzuteilen. „Auch die Rebellen werden sich nicht einig, werden sich dann untereinander bekämpfen“, vermutet Demir.

Video: Syrien-Debatte - Warum eine Rückführung von Geflüchteten unrealistisch bleibt

Die beste Lösung für das Land sei der Föderalismus, sodass die einzelnen Glieder über eine gewisse Eigenständigkeit verfügten, aber dennoch in einer übergreifenden Gesamtheit zusammengeschlossen seien. „Außerdem wird es nur funktionieren, wenn Länder von außen, wie etwa die Türkei oder Katar, ihre Finger aus dem Spiel lassen“, meint Demir.

Doch noch sei die Lage zu unsicher – „eine schnelle Rückkehr der Geflüchteten ist nicht zu erwarten. Viele haben außerdem bereits die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Integrationsarbeit hier in Deutschland muss also weitergehen.“

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