Fernwärme in Kassel wird teurer: Das sind die Gründe

+
Massiver Ausbau des Fernwärmenetzes: Im vergangenen Herbst verlegten die Städtischen Werke neue Fernwärmeleitungen an der Druseltalstraße.
  • schließen

Das Fernwärmenetz soll in Kassel in den nächsten Jahren massiv ausgebaut werden. Bis 2035 wollen die Städtischen Werke bis zu 300 Millionen Euro investieren. Aber dies ist nicht der einzige Grund, warum die Fernwärme teurer wird.

Für 20.000 Haushalte und Betriebe in Kassel, die mit Fernwärme heizen, wird es teuer. Grund dafür ist, dass die Städtischen Werke zum 1. Juli den CO2-Preis und die Gasspeicherumlage auf ihre Fernwärmekunden umlegen. Bislang hat das Energieunternehmen die staatlichen Umlagen im Fernwärmebereich selbst getragen. Für einen Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 12.000 Kilowattstunden (kWh) bedeutet die Preissteigerung jährliche Mehrkosten von etwa 130 Euro. Damit betragen die jährlichen Gesamtkosten für die Fernwärme für einen solchen Durchschnittshaushalt – abhängig von Tarif und Anschlussleistung – künftig etwa 1740 Euro.

Soll künftig ohne Kohle laufen: Das Kraftwerk an der Dennhäuser Straße wird derzeit auf die Verbrennung von Altholz und Klärschlamm umgestellt.

Neben der bevorstehenden Preissteigerung führen die Städtischen Werke zudem bereits seit 1. April sukzessive ein neues Preissystem ein. Dieses gilt ab sofort für alle Neukunden und greift für Bestandskunden, sobald deren aktuelle vertragliche Laufzeit endet. Zu diesem Zeitpunkt werden die aktuellen Verträge vonseiten der Städtischen Werke gekündigt und ein neuer Vertrag vorgelegt. Die neue Preisstruktur kehrt das bisherige Verhältnis von Grund- und Verbrauchskosten um. Künftig fallen 70 Prozent der Kosten verbrauchsunabhängig (Grund-/Leistungspreis) an. Nur 30 Prozent der Kosten entfallen auf den tatsächlichen Verbrauch (Arbeitspreis). Das bedeutet, dass das individuelle Heizverhalten für die Kosten eine geringere Rolle als bislang spielt. Der Versorger geht aber nicht davon aus, dass dies Energiespar-Bemühungen zuwiderläuft.

Die Städtischen Werke begründen die Reform des Preissystems mit immensen Investitionen, die in das Fernwärmenetz erfolgen sollen. So wird das Fernwärmenetz deutlich ausgebaut, um künftig 45.000 Haushalte versorgen zu können. Dafür sollen bis 2035 zwischen 250 und 300 Millionen Euro ins Netz investiert werden, so eine Sprecherin. Die von der Politik forcierte Umstellung auf eine klimaschonende Wärmeerzeugung verursache hohe Fixkosten. So sei etwa der Kohleausstieg im Kraftwerk Kassel mit umfangreichen Baumaßnahmen verbunden. Im Gegenzug würden die variablen Brennstoffkosten sinken, weil zunehmend CO2-arme oder CO2-freie Brennstoffe wie Klärschlamm und Altholz verbrannt werden. Aktuell wird die Fernwärme noch zu 40 Prozent aus Erdgas erzeugt.

Trotz der höheren Kosten sehen die Städtischen Werke in der Fernwärmeversorgung mehrere Vorteile für die Kunden. Der stetig steigende CO2-Preis wirke sich geringer aus, weil zunehmend nachhaltige Energieträger bei der Erzeugung eingesetzt würden. Zudem sei die lokal erzeugte Fernwärme nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch unabhängig von globalen Krisen.

Preis für Emissionen steigt

Der europäische Emissionshandel ist das zentrale Instrument für den Klimaschutz auf europäischer Ebene. Er gilt bislang für Energieunternehmen und die energieintensive Industrie. Durch politisch festgelegte Emissions-Höchstgrenzen erhalten die tatsächlichen Treibhausgas-Emissionen einen Preis, der sich am Markt bildet. Für eine emittierte Tonne CO2 lag dieser Preis 2013 noch bei fünf Euro. Mitte Mai 2025 lag der Preis im EU-Emissionshandelssystem bei rund 70 Euro pro Tonne.

Das ändert sich bei der Fernwärme: Fragen & Antworten

Die Energiewirtschaft in Deutschland steht vor einem großen Umbruch. Bis 2045 müssen sämtliche Wärmenetze vollständig klimaneutral sein. So sieht es das 2024 in Kraft getretene Wärmeplanungsgesetz vor. Auch für die Städtischen Werke in Kassel bedeutet dies immense Investitionen in das bestehende Fernwärmenetz – was nicht ohne Folgen für die Kunden bleibt. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.

Welche Rolle spielt die Fernwärme in Kassel?
Eine wachsende. Aktuell versorgen die Städtischen Werke rund 20.000 Haushalte, Gewerbeeinheiten, öffentliche Einrichtungen sowie Industrieunternehmen mit Fernwärme. Damit deckt die Fernwärme 25 Prozent des Kasseler Wärmebedarfs ab. Dieser Anteil wird in den nächsten Jahren deutlich steigen. Der Versorger plant, durch eine Verdichtung des bestehenden Netzgebietes und den Ausbau neuer Gebiete eine Verdoppelung auf 45.000 Haushalte zu erreichen. Dafür will das Unternehmen in den nächsten zehn Jahren bis zu 300 Millionen Euro in das Netz investieren.
Warum wird die Fernwärme nun teurer?
Die liegt daran, dass schon bislang geltende staatliche Umlagen und Abgaben wie der CO2-Preis und die Gasspeicherumlage auf die Fernwärme-Kunden umgelegt werden. Bislang wurden diese von den Städtischen Werken im Fernwärmebereich allein getragen. Beim CO2-Preis lag dies an der Komplexität der Zuteilungssystematik im EU-Emissionshandel und den lange Zeit niedrigen Zertifikatspreisen. „Mit steigenden Zertifikatspreisen können diese Kosten, die jährlich im zweistelligen Millionenbereich liegen, nicht mehr übernommen werden“, so eine Sprecherin. Die mit den CO2-Emissionen einhergehenden Kosten würden daher künftig als separater Preisbestandteil weitergegeben. Die Emissions-Kosten betragen aktuell 0,952 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Hinzu kommt die 19-prozentige Mehrwertsteuer. Die Gasspeicherumlage, die der Sicherstellung der Gasversorgung dient, liegt aktuell bei 0,125 Cent pro Kilowattstunde (kWh) zuzüglich Mehrwertsteuer. Beide Umlagen bedeuten für einen Durchschnittshaushalt mit 12.000-kWh-Jahresverbrauch jährliche Mehrkosten von etwa 130 Euro.
Warum zahlen Fernwärmekunden eine Gasspeicherumlage?
Die Gasspeicherumlage ist eine staatlich veranlasste Abgabe, die auch bei der Erzeugung von Fernwärme aus Erdgas greift. Da derzeit noch rund 40 Prozent der Kasseler Fernwärme mit Erdgas erzeugt würden, müssten diese Kosten verursachungsgerecht berücksichtigt werden, argumentiert der Versorger. Der Anteil werde jedoch durch Investitionen in nachhaltige Energieträger reduziert. Im Kraftwerk Kassel soll künftig keine Kohle und dafür mehr Altholz und Klärschlamm verbrannt werden.
Wird damit auch der CO2-Preis bei Fernwärmekunden perspektivisch sinken?
Ja, dies ist zu erwarten. Mit dem geplanten Kohleausstieg und der zunehmenden Dekarbonisierung der Fernwärme in Kassel werden die CO2-Kosten stetig geringer. „Diese Kostenreduzierung kommt über den Ausweis als separater Preisbestandteil direkt bei den Kundinnen und Kunden an“, so die Sprecherin. Damit seien diese im Vorteil gegenüber Haushalten, deren Wärme auf fossilen Energieträgern (Öl, Gas) basiere und die die steigenden CO2-Preise in den nächsten Jahren stärker spüren werden.
Warum wurde eine neue Preisstruktur nötig, mit der die verbrauchsunabhängigen Fixkosten deutlich erhöht werden?
Die bisherige Preisstruktur und die geltende Preisgleitformel hätten nicht mehr den tatsächlichen Erzeugungskosten und den regulatorischen Anforderungen entsprochen, heißt es von den Städtischen Werken. Grundlage ist die „Verordnung über Allgemeine Bedingungen für die Versorgung mit Fernwärme“. Nach dieser muss die Kostenstruktur rechtskonform, nachvollziehbar und verursachungsgerecht sein. Weil der Betrieb und der Ausbau des Fernwärmesystems „kostenintensiv“ sei, müsse sich dieser hohe Anteil an Fixkosten auch bei den Preisen abbilden.
Wonach richtet sich der Grundpreis und wie berechnet er sich für den einzelnen Haushalt?
Der Grundpreis setzt sich für den Hauseigentümer aus einem Leistungspreis (abhängig von der bereitgestellten Anschlussleistung) und einem Verrechnungspreis (fixer Kostenanteil für Abrechnung, Zähler etc.) zusammen. Für einen typischen Haushalt (Mehrfamilienhaus, 6 Parteien, 50 kW Anschlussleistung) liegt der neue monatliche Grundpreis für die Wärmeversorgung bei rund 89 Euro brutto. In dem neuen Preissystem wird dieser Anteil künftig etwa 70 Prozent des Gesamtpreises ausmachen. Der Rest entfällt auf den tatsächlichen Verbrauch.
Wie hoch ist der aktuelle Arbeitspreis?
Der Arbeitspreis für Fernwärme beträgt für Hauseigentümer (zum Beispiel Vermieter) im neuen Tarif rund 5,35 Cent/kWh brutto.
Wie hoch ist die monatliche Belastung für einen typischen Haushalt nach obigem Beispiel?
Der gesamte monatliche Abschlag (inklusive Grundpreis) liegt in dem Beispielfall bei etwa 155 Euro brutto, je nach Tarif. „Allerdings sind die Angaben auf Basis der Abrechnung zwischen Städtischen Werken und Vermieter geschätzt. Die Umlage seitens des Vermieters kann davon abweichen“, so eine Sprecherin.
Was müssen Fernwärmekunden bei der Umstellung des Preissystems tun?
Zunächst nichts. Alle Bestandskunden erhalten zum Ende der jeweiligen vertraglichen Laufzeit eine ordentliche Kündigung ihres bestehendes Vertrages und ein Angebot mit den neuen Vertragskonditionen. Bei Mietern entscheidet in der Regel der Vermieter über den entsprechenden Abschluss. Es gibt aber auch vereinzelt Mieter, die in einem direkten Vertragsverhältnis mit den Städtischen Werken stehen.

Kommentare