Depressionen weit verbreitet

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Chefarzt Peter Wulf, Psychiatrische Abteilung am Krankenhaus Eichhof Lauterbach.
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Depressionen sind auf dem Vormarsch, immerhin 13,84 Prozent der Menschen im Vogelsberg leiden unter der psychischen Erkrankung. Hiesige Psychiater werben für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Zufriedenheit im Alltag, um die Psyche zu stärken.

Depressionen sind ein Massenphänomen, stattliche 13,8 Prozent der Vogelsbergerinnen und Vogelsberger bekamen im Jahr 2022 diese ärztliche Diagnose, wie der Gesundheitsatlas der AOK ausweist. Die Zahl der Patienten mit dieser Diagnose im Lauterbacher Eichhof-Krankenhaus ist allerdings stabil und liegt seit 2019 bei rund 460. Zu den Ursachen für diese beachtlichen Zahlen zählen Experten wie Chefarzt Peter Wulf und Psychiater Dr. Friedrich Jungbluth Ängste vor Krisen und um den Arbeitsplatz, Stress in Familien, aber auch eine größere Offenheit, mit einer Depression zum Arzt zu gehen. Sie werben dafür, mehr Zufriedenheit im Privatleben und im Job anzustreben.

Sie verweisen darauf, dass viele Menschen eine Veranlagung für Depression haben. Da gibt es genetische Faktoren, traumatische Erlebnisse aus der Kindheit und Lebensumstände der Moderne, die viele Menschen überfordern, wie im Gespräch mit den Psychiatern deutlich wird.

Es gibt auch regionale Unterschiede, wie der Gesundheitsatlas ausweist. So litten 2022 rund 770 000 Hessinnen und Hessen an der Krankheit, das sind 13,43 Prozent der Bevölkerung. Spitzenreiter ist Offenbach mit 17,7 Prozent, der Vogelsberg rangiert im Mittelfeld mit 13,84 Prozent der Bevölkerung. In Darmstadt sind es nur 10,16 Prozent. Überall sind mehr Frauen und mehr Ältere betroffen. Depressionen haben zugelegt. 2019 lag die Landesquote noch bei 12,97 Prozent.

»Depressionen waren schon immer weit verbreitet«, sagt Jungbluth. Leichte Verläufe können auch ohne Behandlung vorübergehen, manchmal kommt dann aber einige Zeit später die Erkrankung als mittelschwerer Fall zurück. Jungbluth sieht viele belastende Faktoren in unserer Gesellschaft. Die Corona-Einschränkungen waren gerade für jüngere Menschen problematisch, »das sehen wir immer noch«. Die Unsicherheit am Arbeitsplatz hat zugenommen, mehr Menschen haben Angst um den Arbeitsplatz, weil viele Manager vor allem auf die Quartalszahlen des Unternehmens und nicht wie früher auf langfristige Stabilität achten.

»Wenn man Mitarbeiter gut behandelt, zahlt es sich aus«, ist Jungbluth überzeugt. Hinzu kommt die allgemeine Lage, einige der Patienten leiden unter den Kriegen und Krisen in der Welt, »es gibt Menschen, die können das schlecht filtern«.

Nicht zuletzt hat sich der gesellschaftliche Umgang mit psychischen Erkrankungen gewandelt. Mehr Menschen sind bereit, sich einzugestehen, dass sie eine behandlungsbedürftige Depression haben. »Vor allem bei Männern hat sich da etwas getan«, sagt Jungbluth, auch wenn immer noch mehr Frauen einen Facharzt aufsuchen.

Ein Problem, das der Lauterbacher Psychiater sieht, ist der zunehmende Druck, die Kosten im Gesundheitsbereich zu senken. So fragen Krankenkassen bereits nach ein paar Wochen nach, wann der Erkrankte endlich wieder an den Arbeitsplatz zurückkehrt. »Dabei kann man in unserem Bereich nicht von einer Heilung in zwei Wochen ausgehen, es braucht Geduld.«

Auch Peter Wulf, Chefarzt der Psychiatrie am Lauterbacher Krankenhaus, verweist auf Arbeitsbedingungen als wichtige Ursache für Erkrankungen. In Corona-Zeiten sind auch hiesige Betriebe unter Druck geraten, Menschen haben den Job verloren und keinen neuen gefunden. Die Arbeitsbedingungen sind für viele Beschäftigte belastend, auch in Pflegeberufen. Im Ergebnis beträgt die Wahrscheinlichkeit, »dass ich einmal im Leben eine Depression bekomme, um die 25 Prozent«.

Beim Blick auf die Vogelsberger Zahlen sieht Wulf statistische Unsicherheiten. So werden Frauen älter als Männer, das könnte zu ihrer höheren Zahl an Erkrankungen beitragen.

Die Zahl der festgestellten Depressionen hat laut Gesundheitsatlas in Hessen zugenommen, das spiegelt sich allerdings nicht in der psychiatrischen Abteilung am Krankenhaus. 2019 wurden 460 Menschen mit Depressionen behandelt, im Corona-Jahr 2020 gab es einen Knick auf 360, um 2021 auf 455 und 2022 wieder auf 460 zu steigen. 2023 hatte man 467 Patienten, im vergangenen Jahr 461, wie Wulf auflistet. Davon sind etwa 15 Prozent schwer krank. Eine Zunahme gab es bei mittelgradigen Erkrankungen, »wer ein zweites Mal erkrankt ist, hat eher eine mittlere als eine leichte Depression«, erläutert der Chefarzt.

Dabei werden nur Patientinnen und Patienten aufgenommen, bei denen ein hoher Leidensdruck besteht. Viele Menschen mit Depressionen werden ambulant in Praxen betreut. Die Krankheitsverläufe reichen von der einmaligen Episode bis hin zu immer wiederkehrenden Erkrankungen. Dabei kann ein Schub einige Wochen oder auch ein ganzes Jahr dauern, »trotz Medikamenten und Therapie«, erläutert Wulf.

Um gesund zu bleiben, sollten Menschen auf positive Lebensumstände achten. Denn eine Depression tritt oft auf, wenn durch Mobbing am Arbeitsplatz oder beim Familienstreit eine alte traumatische Erfahrung nach oben gespült wird. Deshalb wirbt er dafür, gute Arbeitsbedingungen im Job zu schaffen. Im Lauterbacher Krankenhaus wurde für Mitarbeiter ein Fitnessstudio eingerichtet.

Das ist auch deshalb wichtig, weil sich die Gesellschaft verändert hat, wie Wulf anfügt. Es gebe weniger Orientierung und eine hohe Anspruchshaltung im Alltag, »jeder meint, ihm steht alles zu«. Demgegenüber müsse man immer funktionieren. Wichtig sei ein »Gefühl der Zufriedenheit, das stabilisiert die Psyche«.

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