Stadtgeschichte

Wie Phoenix aus der Asche

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Das Salzhaus (rechts) um 1896 am Römerberg, daneben das Haus Frauenstein.
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1324 wurde das ursprüngliche Salzhaus erstmals urkundlich erwähnt Das sogenannte Salzhaus am Römerberg galt wegen der großartigen Schnitzereien auf der gesamten Giebelfassade als eines der bedeutendsten Renaissance-Fachwerkhäuser Mitteleuropas. Das um 1600 entstandene Meisterwerk filigraner Holzschnitzkunst schmückte eines von etwa 1200 Gebäuden der historischen Frankfurter Altstadt, die bei Bombenangriffen am 22.

März 1944 im Feuersturm untergingen. Vor 700 Jahren, am 5. Mai 1324, ist das ursprüngliche Salzhaus erstmals urkundlich erwähnt worden.

Frankfurt -Andreas Koler aus Bingen am Rhein war ein reicher Mann; sein stattliches Vermögen hatte er mit dem Weinhandel aufgebaut. Ende des 16. Jahrhunderts zog es ihn in die Messestadt Frankfurt. Hier kaufte er ein Gebäude, das seit dem 14. Jahrhundert wegen des Handels mit dem begehrten „weißen Gold“ als Salzhaus bekannt war. Um 1595 begann Koler, das Gebäude im Stil der Renaissance umbauen zu lassen. Es bekam an der zum Römerberg zeigenden Giebelseite eine Fachwerkfassade aus Eichenholz, die vollständig mit prächtigen Holzschnitzereien verziert wurde. Für diese kunsthandwerkliche Gestaltung seines repräsentativen Wohnhauses holte der Weinhändler den Bildhauer Johann Michael Hocheisen aus Memmingen nach Frankfurt. Der Meisterschnitzer aus Schwaben gestaltete Balken und Bretter mit feinem Blattwerk und Rosetten, außerdem mit Reben und Weinlaub als Reminiszenz an den Beruf des Bauherrn. Auch an den zehn Zentimeter dicken Eichenholzfüllungen zwischen den Balken zeigte der Künstler seine imponierende Kreativität. Etwas ganz Besonderes ließ sich der Bauherr für das erste Obergeschoss einfallen: Hier wurden sechs jeweils zehn Zentimeter dicke Eichenholztafeln nebeneinander vor die Fassade ge-hängt. Die Reliefschnitzereien zeigten die vier Jahreszeiten sowie Putten als Symbole für Ehe und Kinder.

Der Prunkbau war 22 Meter hoch, aber nur zehn Meter breit und hatte sechs Geschosse. Ein Schmuckstreifen um den Giebel, aus Blech geschnitten und vergoldet, bildete den angemessenen Rahmen für das Gesamtkunstwerk.

Die zur schmalen Wedelgasse gelegene Nordfassade wurde verputzt und mit Wandmalereien gestaltet, die Motive aus der griechischen Mythologie und der Bibel aufgriffen. Nachdem 1866 das benachbarte „Haus zum Wedel“ abgerissen worden war, konnte die faszinierende Bemalung erst richtig gesehen werden.

Der Besitzer des Traumhauses konnte sich allerdings nur wenige Jahre an dem exklusiven Bauwerk erfreuen. Beim sogenannten Fettmilch-Aufstand schloss sich Koler 1612 den Rebellen um den Lebkuchenbäcker Vinzenz Fettmilch aus der Töngesgasse an und unterstützte mit seinem Geld den Kampf der Zünfte gegen die Politik des Rates. Doch dann traf den Weinhändler ein schwerer Schicksalsschlag: 1613 starb seine Frau, das Salzhaus wurde als Zeichen der Trauer mit schwarzen Tüchern verhüllt.

Derweil geriet der Fettmilch-Aufstand immer mehr außer Kontrolle: Am 5. Mai 1614 stürmten Rebellen den Römer, am 22. August überfielen und plünderten sie die Judengasse. Nach dieser Eskalation zeichnete sich das rasche Ende der Unruhen und die Niederlage der Zünfte ab. Der inzwischen bankrotte Andreas Koler flüchtete aus der Stadt, die ihm viel Aufsehen, aber kein Glück gebracht hatte. Mit der Flucht rettete er immerhin sein Leben, denn Rädelsführer Fettmilch und sechs seiner engsten Gefährten wurden zum Tode verurteilt und am 28. Februar 1616 auf dem Roßmarkt hingerichtet. Koler war da bereits in seine Heimatstadt Bingen zurückgekehrt und soll dort als Verwalter eines Klosters tätig gewesen sein.

1843 kaufte die Stadt das Gebäude

Ganz Frankfurt aber freute sich über das wunderbare Haus des Weinhändlers. Die Sehenswürdigkeit im wahrsten Sinne des Wortes war als attraktiver Geschäftssitz bei Kaufleuten gefragt. So nutzte um 1630 der Seiden- und Tuchhändler Melchior Sultzer den Laden, 1718 gründete Friedrich Freyer hier eine Strumpfhandlung. Gut 100 Jahre später machte unter der feinen Adresse Römerberg 27 der Kaufmann Heinrich Schaus mit sogenannten „Nürnbergerwaaren“ Geschäfte - das waren Spielzeug und Haushaltsgegenstände wie Kaffeemühlen und Spiegel. „Auf bevorstehende Weihnachten empfehle mein Spielwaarenlager bestens“, warb Schaus in einer Anzeige und brachte „feine und ordinäre Schaukel- und Rollenpferde in Erinnerung“.

Am 1. Mai 1843 wurde das Salzhaus von der Stadt gekauft; es war nun ein Teil des Frankfurter Rathauskomplexes, des sogenannten Römer. „Haus zum Römer“ hieß das mittlere der drei Häuser mit den markanten Treppengiebelfassaden, doch der Name bezog sich früh auf alle Gebäude des Verwaltungssitzes. Dessen fünf mit dem Giebel zum Römerberg gerichteten Häuser heißen von links (in Klammern das jeweilige Jahr des Kaufes): Alt-Limpurg (1878), Römer (1405), Löwenstein (1596), Frauenstein (1843), Salzhaus (1843).

Im späten 13. Jahrhundert war das Frankfurter Rathaus in einem Gebäude untergebracht, auf dessen Grundstück heute der Turm des Kaiserdoms steht. Weil dieses Haus für die Verwaltung zu klein wurde, machte sich die Stadt auf die Suche nach repräsentativen Alternativen und wurde ganz in der Nähe fündig: Am 11. März 1405 kaufte der Rat die beiden Bürgerhäuser Römer und Goldener Schwan. Dies war der Anfang einer fast fünf Jahrhunderte dauernden Ausweitung des Rathaus-komplexes auf elf Häuser.

Das namengebende „Haus zum Römer“ wurde erstmals am 30. September 1322 urkundlich er-wähnt. Sein damaliger Besitzer und vermutlich auch Erbauer war der Patrizier Wigel Frosch. 1324 - im selben Jahr, in dem erstmals schriftlich vom Salzhaus die Rede war - kam Frosch bei einer Wall-fahrt auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela ums Leben.

Nachdem sich 1942 abzeichnete, dass auch Frankfurt Ziel von Luftangriffen der Alliierten werden würde, wurde damit begonnen, unersetzliche Dinge an einen bombensicheren Ort zu bringen. Dazu gehörten die 52 Herrschergemälde aus dem Kaisersaal, aber auch die Eichenholztafeln des Salzhauses. Etwa 60 Prozent der Schnitzereien konnten gerettet werden. Der Kunsthistoriker und „Altstadtvater“ Fried Lübbecke musste 1944 mit ansehen, wie seine geliebte Altstadt ausgelöscht wurde. 20 Jahre zuvor hatte er von den kostbaren Schnitzereien am Salzhaus geschwärmt: „Sie gehören zum technisch und künstlerisch Vollendetsten der ganzen deutschen Renaissance.“

Nach dem Krieg wurde die Paulskirche als erstes Bauwerk in Frankfurt wiederaufgebaut, damit 1948 dort das 100. Jubiläum der Deutschen Nationalversammlung gefeiert werden konnte. Der Wiederaufbau des Goethehauses und des Römer waren ebenso unstrittig. Anders sah es dagegen beim Salzhaus aus. Im Stadtparlament setzte sich die SPD durch, die aus Kostengründen und wegen der Materialnot einen Wiederaufbau in der ursprünglichen Form ablehnte. So entstand auf dem erhalten gebliebenen steinernen Erdgeschoss ein schlichter Neubau aus Eisenbeton im Stil der 1950er Jahre. Die sechs geretteten Eichenholztafeln vom ersten Obergeschoss des historischen Gebäudes wurden paarweise in die Frontseite des fünfstöckigen Neubaus integriert und geben einen guten Eindruck von der hohen Qualität der Schnitzereien. Die übrigen Eichenholztafeln, die den Krieg überstanden, wurden in städtischen Magazinen eingelagert.

Die Nordseite des 1952 fertiggestellten neuen Salzhauses wird vom Glasmosaik „Phoenix aus der Asche“ des Wuppertaler Künstlers Wilhelm Geißler (1895-1977) aus dem Jahr 1955 dominiert, das als bedeutendes Kunstwerk der Nachkriegszeit gilt. Es nimmt alle drei Obergeschosse ein und soll den Wiederaufbau aus Ruinen sowie die Aufbruchsstimmung nach dem Krieg symbolisieren. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911-1991) arbeitete auch als Architekt und fragte 1946 bei einem Besuch im zerstörten Frankfurt: „Welchen Sinn hat das Aufstellen historischer Attrappen?“ Das neue Salzhaus hätte ihm vermutlich gefallen.

Jürger Walburg

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