Mit Semesterticket teurer

Unfair? Deutschlandticket kostet für Kasseler Studenten mehr als 49 Euro

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Finden Mehrbetrag unfair: Die Kasseler Studenten Peter Pazsint (von links), Kim Eberhardt und Asad Iqbal stehen mit ihren Semestertickets und dem Deutschland-Ticket an der Haltestelle Holländischer Platz.
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Studierende, die das Semesterticket haben, zahlen ab Oktober drauf, wenn sie das Deutschlandticket nutzen wollen. Viel Unmut bei den Studierenden.

Kassel – Für 49 Euro pro Monat bundesweit den Nahverkehr nutzen: Das ist mit dem Deutschlandticket derzeit für alle möglich. Außer für Studierende der Universität Kassel. Hintergrund ist das Semesterticket, das Studierende in Kassel automatisch mit ihrer Immatrikulation bekommen. Es wird vom AStA mit den Verkehrsverbünden ausgehandelt und kostet aktuell 153,11 Euro pro Semester – umgerechnet also 25,52 Euro pro Monat.

Damit können Studierende unbegrenzt den öffentlichen Nahverkehr im Gebiet des Nordhessischen Verkehrsverbunds (NVV) sowie auf einigen weiteren Strecken nutzen. Diese zusätzlichen Strecken in benachbarten Verkehrsverbünden – etwa nach Fulda, Paderborn und Eisenach – sorgen nun für die Mehrkosten von knapp drei Euro beim Deutschlandticket. Ein derartiger Mehrbetrag ist nach HNA-Recherchen bisher an keiner anderen Hochschule bundesweit bekannt geworden.

Deutschlandticket kostet für Studenten in Kassel mehr

In Kassel wird wie an vielen anderen Hochschulen eine sogenannte Upgrade-Lösung angeboten. Dabei können Studierende ihr Semesterticket zum Deutschlandticket aufwerten, indem sie den Differenzbetrag zur Summe von 49 Euro zahlen. Der NVV als Hauptvertragspartner des AStA verlangt den Differenzbetrag ab Oktober allerdings bezogen auf seinen Kostenanteil und nicht auf die Gesamtkosten des Semestertickets.

In konkreten Zahlen: Der NVV erhält monatlich 22,76 Euro vom AStA. Für das Upgrade berechnet der NVV Studierenden 26,24 Euro. Macht zusammen 49 Euro. Für das Semesterticket fallen neben dem NVV-Beitrag aber weitere 2,76 Euro für die anderen Verkehrsverbünde an. Der AStA bezeichnet die daraus resultierenden Mehrkosten für Studierende mit Upgrade als „eine Art Solidarbeitrag“. Damit wolle man den Studierenden ohne Deutschlandticket weiterhin stark nachgefragte oder für das Studium nötige Fahrten in benachbarten Verkehrsverbünden ermöglichen.

Deutschlandticket in Hessen: Semesterticket komplett abschaffen?

Tatsächlich nutzt die Mehrheit der rund 23.000 Studierenden an der Uni Kassel das Deutschlandticket-Upgrade bislang nicht: Seit Beginn des Angebots im Juni haben nach Angaben des AStA etwa 2500 Studierende ein Upgrade gekauft. Bislang waren dafür lediglich 23,48 Euro fällig, weil der NVV auf die kritischen 2,76 Euro des Differenzbetrags verzichtete.

Der AStA der Universität Frankfurt stand vor einem ähnlichen Problem, hat aber einen anderen Weg gewählt. Er hat zum Oktober die bisherigen Semesterticket-Verträge mit dem NVV und einem weiteren Verkehrsverbund gekündigt, „da durch das Deutschlandticket-Upgrade sonst eine potenzielle Doppelbelastung entstünde“. Es gibt im Frankfurter AStA Überlegungen, das Semesterticket komplett abzuschaffen, da der Preisunterschied zum Deutschlandticket nur 10,07 Euro beträgt.

Deutschlandticket kostet für Studenten in Kassel mehr – „Das ist einfach unfair“

Das Deutschlandticket ist eine gute Sache, findet Asad Iqbal. Deshalb hat er sich im vergangenen Semester auch das Upgrade zum Semesterticket bestellt und war für 49 Euro im Monat deutschlandweit im Nahverkehr mobil. „Ich nutze es gern, um mal raus aus Nordhessen zu kommen und Kurztrips in andere Städte zu machen“, sagt der Student der Technomathematik.

Mit den neuen Konditionen für die Aufwertung des Semestertickets zum Deutschland-Ticket ist der 24-Jährige allerdings nicht einverstanden. Studierende der Uni Kassel zahlen ab Oktober statt 49 Euro insgesamt 51,76 Euro pro Monat für Semesterticket plus Upgrade. „Das ist einfach unfair“, findet Asad Iqbal. Die Vergünstigung, die das Semesterticket eigentlich bieten solle, sei mit dem Deutschlandticket ins Gegenteil verkehrt. Wenn man bedenke, dass viele Arbeitnehmer das Ticket über ihren Arbeitgeber noch bezuschusst bekämen, „geht die Schere der Ungerechtigkeit noch weiter auf“, argumentiert der Student.

Trotz der höheren Kosten hätten Studierende zudem schlechtere Konditionen, kritisiert Asad Iqbal: Sie können das Deutschlandticket beim NVV nur für den Folgemonat bestellen und nicht im laufenden Monat. Alle anderen NVV-Kunden hätten die Möglichkeit, sich jederzeit das 49-Euro-Ticket zu holen. Andere Studierende kritisieren zudem, dass das Upgrade ab Oktober nur noch digital über die NVV-App verfügbar ist.

Deutschlandticket kostet für Kasseler Studenten mehr – Das sagt der AStA

Dass die gewählte Lösung nicht optimal ist, räumt auch der AStA ein. „Sie ist das Produkt einer konkreten Herausforderung“, sagt Vorsitzender Sebastian Ehlers. Die grundsätzliche Forderung des AStA sei ein bundesweites Solidarticket, das auch Studierende zu vergünstigten Konditionen erhalten sollen.

Unter den gegebenen Bedingungen halte man die Lösung mit dem Aufpreis aber für die beste, um „möglichst allen ein faires und bezahlbares Angebot zu ermöglichen“, sagt Ehlers. Mit dem Mehrbetrag von 2,76 Euro blieben auch für Studierende ohne Deutschlandticket die Strecken in benachbarten Verkehrsverbünden nutzbar. Das sei etwa wichtig für Studierende von Kooperationsstudiengängen, die beispielsweise Fulda erreichen müssen.

Aktuell sei noch offen, ob und zu welchem Preis das Deutschlandticket ab 2024 fortbesteht. Sollte man die bisherigen Verträge für das Semesterticket kündigen und es komme zu keiner befriedigenden Nachfolgelösung, müsste der AStA mit den Verkehrsverbünden neu verhandeln, sagt Ehlers. Dann bekomme man womöglich schlechtere Konditionen als bisher. „Vorsicht ist besser als Nachsicht“, so Ehlers’ Devise. Was die Kritik an dem nur digital verfügbaren Upgrade betreffe, arbeite man noch an einer Lösung für Studierende ohne Smartphone.

Deutschlandticket teurer für Studierende in Kassel – Das sagt der NVV

Der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV) verweist darauf, dass er an die durch Bund und Länder vorgegebenen Tarifbestimmungen für das Deutschlandticket gebunden sei. Daher müsse man für das Upgrade den Differenzbetrag zwischen dem Semesterticketbeitrag und dem regulären Preis von 49 Euro berechnen, so eine NVV-Sprecherin.

Auf die Frage, warum der Betrag von 2,76 Euro bisher erlassen wurde, hieß es seitens des Verkehrsverbunds: Im letzten Semester habe die Universität einen Teil der Verwaltungs- und Organisationsaufgaben bei der Abwicklung des Studierenden-Upgrades übernommen. Im Gegenzug habe man auf die 2,76 Euro verzichtet. Was den Gültigkeitsbeginn des Upgrades für Studierende nur zum Monatsanfang betrifft, verwies der NVV darauf, dass dies der mit dem Asta getroffenen Vereinbarung entspreche.

Andere Fahrgäste können das Deutschlandticket beim NVV jederzeit kaufen – noch. Man gehe davon aus, dass der eigentlich für Anfang 2024 bundesweit geplante gleitende Gültigkeitsbeginn auf Wunsch des Bundes doch nicht realisiert werde, so die NVV-Sprecherin: „Somit werden alle Fahrgäste im NVV-Gebiet das Deutschland-Ticket ab Januar 2024 nur zum jeweils 1. eines Monats bestellen können.“ (Katja Rudolph)

Infos des AStA: uni-kassel.de/go/StudiUpgradezumDTicket

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