VonGeorge Grodenskyschließen
Anfeindungen und Übergriffe nehmen zu – gerade deshalb steht der CSD unter dem Motto „Nie wieder still“.
Beim Frankfurter CSD sollen sich alle wohlfühlen, sagt Sebastian Reggentin. Der Pressesprecher des Vereins ist nicht nur glühender Optimist, er strahlt auch unbändige Freundlichkeit aus. Das passt zum neuen CSD: mit Ruhezonen für Jugendliche und einem gemütlichen Familienbereich. Mehr Platz bietet das Mainufer sowieso, das entzerrt einiges. Denn eines weiß auch Sonnenschein Reggentin. Das Klima ist rauer geworden für Menschen aus der queeren Szene.
„Wir leben zum Glück in einer modernen, weltoffenen Stadt.“ Aber selbst in Frankfurt nähmen die Anfeindungen zu. Queerfeindliche Angriffe in der Grünanlage, mehr Polizeipräsenz in der Alten Gasse, die queere Community ist nachdenklicher geworden, sagt Reggentin. Wachsamer, vorsichtiger. „Da überlegt man sich zweimal, ob man im Full Drag aus dem Haus geht und sich in die Bahn setzt.“ Oder man sich erst am Club herrichtet. Full Drag ist die volle Montur eines Menschen, der sich ein anderes Geschlecht anschminkt und ankleidet. Für einen Auftritt oder aus Spaß an der Freude.
Reggentin mag nicht Zielscheibe sein für alle möglichen Vorwürfe, Stichwort Kanzler Merz, der die Regenbogen-Fahne als Zirkus abtut. „Wir müssen zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen. Jetzt erst recht!“ Darum laute ja das Motto in diesem Jahr „Nie wieder still! Frankfurt ist laut“. Beim CSD in Köln habe der Wagen der CDU/CSU schon eine deutliche Reaktion erfahren. Die einen hätten gebuht, die anderen demonstrativ den Rücken zugewandt. Aber den Wagen der Union aus der Demo auszuschließen, ergebe keinen Sinn.
Der CSD soll ja Plattform sein, auf der alle miteinander ins Gespräch kommen. Und wenn die CDU nicht da ist, könne man ihr nicht sagen, was man von den Merz-Sprüchen halte, sagt Reggentin verschmitzt. Nur die AfD werde man wohl nicht einladen. Hoffnungsloser Fall, meint er.
Politisch müsse der CSD ohnehin sein, darauf legt der Frankfurter Verein großen Wert. Es gibt einen Polit-Talk, verschiedene Kundgebungen, einen Malworkshop für Schilder. „Es wäre schön, wenn es einfach nur eine Party wäre“, aber so weit sei die Gesellschaft wohl noch nicht. Bis dahin heiße es: laut sein, Raum einnehmen, sichtbar sein. Das schaffe Akzeptanz.
Darum sind auch nicht alle begeistert gewesen, das Festival aus der City ans Mainufer zu verlegen. Nach ersten vorsichtigen Anfängen 1992 an der Klingerstraße, hat sich der CSD an der Konstablerwache längst etabliert. Als deutliches Zeichen, an einer unbequemen Stelle, mitten in der Stadt. Die Idee Mainufer hat sich aber hartnäckig in den Köpfen gehalten. Die Regenbogen-Area in der Fanzone zur Euro 24 hat das Nachdenken aber nochmal befeuert. Und nach einer gemeinsamen Begehung vor rund einem Jahr mit der Stadt haben alle 30 Mitglieder der Orgagruppe für den Umzug gestimmt.
Reggentin hat auch die Kritikerinnen und Kritiker im Ohr. „Wir flüchten vor der Klientel auf der Konstablerwache“, sagten die. Und man sei zu weit weg vom Bermudadreieck, dem schwulen Ausgehviertel. Aber: „Dafür sind wir näher an La Gata, der lesbischen Bar an der Seehofstraße“, kontert Reggentin. Die Samstag-Demo gehe nach wie vor mitten durch die Stadt. Und von der Öffentlichkeit abgehängt sei das Mainufer ja auch nicht gerade. „Da sind die Jogger, die Radfahrer, die Touristen.“ Also genügend Laufkundschaft.
