Portrait Der Woche

Die Möglichmacherin

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Die Grie Soß hat sie berühmt gemacht – und umgekehrt: Maja Wolff.
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Grüne-Soße-Queen Maja Wolff erhält die hessische Goethe-Plakette – weil sie es versteht, die Menschen zusammenzubringen.

Wenn Maja Wolff an diesem Montag in Wiesbaden die Goethe-Plakette entgegennimmt, die höchste Auszeichnung des hessischen Kulturministeriums, dann hat sie einen Begriff im Kopf: Wertschätzung. Für ihre Arbeit, klar. Aber nicht nur für ihre. „Ich hoffe, dass diese Plakette über meine Arbeit, über mein Theater hinausreicht“, sagt sie. „Dass sie auch die Wertschätzung für die Kultur zum Ausdruck bringt und für alle, die sich dafür einsetzen.“

Wundert das jemanden? Dass Maja Wolff das große Ganze mitdenkt? Kaum. Sie bekommt die Plakette ja eben nicht nur für ihr Grüne-Soße-Festival, das bald ins 17. Jahr geht und ein Alleinstellungsmerkmal Frankfurts ist. Das gibt es auf der Welt kein zweites Mal. Nein, sie wird auch geehrt für die Förderung der Szene. 2020 gründete sie den Verein „Grie Soß United“, um Künstlerinnen und Künstlern durch die üble Zeit zu helfen, in der Corona die Bühnen leerfegte. Und schon seit viel längerer Zeit geht sie mit dem Verein Art-Q zu den Menschen, fördert Kultur und persönliche Stärken, auch in den Schulen. „Wir haben uns viel damit beschäftigt, dass jeder sein So-Sein ausleben kann“, beschreibt sie. „Und wir haben schon vor zehn Jahren Flüchtlingsprojekte gemacht.“

Drei Fragen an:

Was ist das Besondere an der Grünen Soße?

Das Grüne-Soße-Festival! (lacht) Im Ernst: Die Grüne Soße ist einfach magisch. Die Magie der Kräuter, die Magie der Zahl 7. Sie ist Teil der Frankfurter Kultur – und es ist angemessen, dass es dazu eine Kulturveranstaltung gibt.

Was ist das Besondere an Frankfurt?

Die Vielfalt, und dass wir so eng miteinander leben. Frankfurt ist verhältnismäßig klein und eng, aber so weit offen, auch für andere Kulturen. An manchen Stellen ist es ein Dorf, an anderen Weltstadt. Wir sind hier unterschiedlich, und das macht uns auch aus.

Was muss diese Stadt noch besser hinkriegen?

Wäre Frankfurt ein Projekt von mir, würde ich versuchen, die Dinge zu beschleunigen. Immer heißt es überall: Ich hab keine Zeit. Aber wir haben keine Zeit mehr dafür, keine Zeit zu haben. Wir brauchen gute, erkennbare Ziele – sonst rennt uns die Demokratie davon.

Bekannt ist Maja Wolff vor allem durch das Grüne-Soße-Festival, das sie mit ihrem Ehemann Torsten Müller leitet, und durch ihre Bühnenrolle als Anton Le Goff: Frau in Männerkleidern. Das war ungewöhnlich, als sie damit anfing. Da steckten eher Männer in Frauenklamotten. „Ich habe mir mal vorgenommen, mit 50 wollte ich nicht mehr in Männeranzüge steigen“, sagt sie und muss ein wenig kichern. „Das Ziel habe ich inzwischen um zehn Jahre gerissen.“

Gerade sind sie gemeinsam 60 geworden, Wolff und ihr Theater-ego Le Goff. Es ist keine einfache Zeit. Vor einem Jahr wurde eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert, mit der sie offen umgeht. „Ich habe immer viel für unsere Projekte gekämpft“, sagt sie, „mit hohem Einsatz – dieser Kampfgeist kommt mir jetzt zugute.“ Als sie die Diagnose hörte, sagte sie sich, „was ist denn das jetzt für ein Projekt?“. Hadern kam nicht infrage. Das Ziel war und ist: gesund werden. „Und ich fühle mich wahnsinnig gut aufgehoben. Ich habe vielen Menschen geholfen, jetzt bekomme ich Hilfe. Die Unterstützung fliegt mir zu.“

Beim Gesundwerden half auch die Hochzeitsreise. Wolff und Müller heirateten in diesem Sommer, nach all den Jahren, und radelten mit dem Tandem nach Santiago de Compostela. „Einfach immer weiter, nicht nachdenken, nur treten. Das ist es, was mich ausmacht. Weiter, immer weiter.“

ZUR PERSON

Maja Wolff, 60, ist Schauspielerin,

Sängerin, Kabarettistin, Regisseurin,

Theatertherapeutin und erfand

gemeinsam mit Torsten Müller das

Grüne-Soße-Festival. Die Frankfurterin

wurde unter anderem bekannt in ihrer

Rolle als Anton Le Goff. Da geht sie in

Männerklamotten auf die Bühne und

verkörpert „Frankfurts neue Männlichkeit“.

Zweimal mobilisierte sie die halbe Stadt für

den Grüne-Soße-Weltrekord, und

Hunderttausende aßen mit. ill

Auch beim Grüne-Soße-Festival. Im Mai winkt es wieder, acht Abende mit den sieben Kräutern, viel Spaß und viel Musik. Aber es ist seit Corona nicht mehr so, dass Veranstalterinnen und Veranstaltern die Tickets aus den Händen gerissen werden. Das Publikum ist zurückhaltender geworden. „Es geht inzwischen auch darum, dass die Leute aus ihrer Netflix-Ecke rauskommen“, sagt sie. „Raus, raus und in die Stadt trauen! Bei uns ist es schön und friedlich!“ Den Mund fusselig rede sie sich immer noch, um zu erklären, was beim Festival abgehe. Und da geht so viel ab. „Du weißt es erst, wenn du dabei warst – und dann willst du unbedingt wieder hin.“ Da ist was Wahres dran.

Wertschätzung. Ihre Kandidatur zur OB-Wahl 2023, bei der sie auf Platz sechs von 20 Kandidierenden landete, sieht sie rückblickend als gute Erfahrung. „Ich bin näher rangerutscht an das, was mich interessiert in dieser Stadt.“ Keine Bitterkeit. „Und ich sehe mit Freude, wie Mike Josef agiert“, der Wahlsieger von der SPD, „wie er ohne parteipolitische Brille unterwegs ist“.

Dagegen kann sie sich enorm ärgern über Politiker, die gerade die Lage in Syrien für Populismus missbrauchen und Geflüchtete so schnell wie möglich außer Landes sehen wollen. „Wenn ich das für die Bühne umsetzen müsste, würde jemand so lange auf etwas einzuprügeln versuchen, bis es nicht mehr da ist“, schildert sie. „An der Stelle greift Kultur, greift Theater, greift Kunst. Wir müssen das Menschsein in den Mittelpunkt stellen, das hat Goethe auch immer betont.“

Menschen zusammenbringen: eine Fähigkeit, die Maja Wolff als eine ihrer Stärken sieht. Sie hat Gefängnisinsassen auf einem Schiff zum Opernensemble geformt. Und sie hat aus der Grünen Soße ein Festival geformt, zusammen mit anderen Menschen. Den Roßmarkt, Schauplatz des Festivals, sähe sie am liebsten zur dauerhaften Stadtoase umgebaut, „zum Ort der Begegnung, für Zusammensein und Klimaschutz“, sagt sie. „Unser Herz hängt sehr daran. Ich wünsche mir da Verbindlichkeit.“

Und der Weltrekord beim Grüne-Soße-Essen ist auch noch nicht abgehakt. Der nächste Anlauf soll Teil der Aktionen zur „World Design Capital“ Frankfurt 2026 sein. „Das soziale Design Frankfurts sind wir alle zusammen“, sagt Maja Wolff. Die Projekte gehen ihr wahrlich nicht aus.

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