VonOlaf Weissschließen
Stromanbieter müssen ab dem neuen Jahr dynamische Tarife anbieten. Allerdings sind regionale Versorger noch nicht bereit, solche Tarife anzubieten. Kunden müssen einen digitalen Zähler haben, um davon zu profitieren.
Große Nachfrage im Vergleich zum Angebot, hoher Preis – geringe Nachfrage im Vergleich zum Angebot, niedriger Preis: Dieses Prinzip kann künftig auch für Stromkunden gelten, die das wünschen. Im neuen Jahr sind die Stromanbieter verpflichtet, sogenannte dynamische Tarife anzubieten. Bis es das Angebot auch bei den regionalen Versorgern geben wird, dauert es aber noch. Das ergaben Nachfragen der HNA.
Nur die Stadtwerke Leine-Solling (SLS, Moringen) wollen zum 1. Januar einen solchen Tarif anbieten. Das kündigte Geschäftsführer Bernd Cranen an. Allerdings sei die Abrechnungssoftware noch nicht freigegeben, sodass nach seinen Worten zunächst individuelle Lösungen mit den Kunden vereinbart werden müssten.
Bei den Stadtwerken Northeim (SWN) wird an der Einführung eines dynamischen Tarifs noch gearbeitet. Wegen des umfangreichen Prozesses der Stromverbrauchserfassung und -abrechnung ist ein dynamischer Tarif nach den Worten von SWN-Sprecher Lars von Minden nicht ohne neue Software umsetzbar. „Unsere Dienstleister kümmern sich derzeit mit Hochdruck um die Funktionserweiterung unserer Software und die Implementierung der Anwendungen in unser System.“ Anfang des neuen Jahres soll dann ein dynamischer Stromtarif buchbar sein.
Auch bei der Harz Energie werde noch mit Hochdruck an den Voraussetzungen für einen dynamischen Tarif gearbeitet. „Sobald die technischen und organisatorischen Voraussetzungen für Messstellenbetrieb, Energiebeschaffung, Abrechnung und IT vollständig geschaffen sind, werden wir unser Angebot starten“, kündigte Sprecher Jan Mohr an.
Die Kunden brauchen in jedem Fall einen digitalen Zähler. Diese sollen viertelstündlich den Stromverbrauch erfassen. Auf Basis des schwankenden Preises wird so der Strompreis errechnet.
Der reine Strompreis kann nach den Worten von SLS-Geschäftsführer Cranen zwischen null und einem Euro pro Kilowattstunden (kWh) schwanken. Dass es Zeitspannen gibt, wo elektrische Energie völlig kostenlos verbraucht werden kann, schließt Harz-Energie-Sprecher Mohr aus. „Der Preis eines dynamischen Stromtarifs enthält weiterhin die festen Netzentgelte, Steuern und Abgaben, welche auch für andere Tarife gelten und etwa 50 Prozent des Gesamtpreises bilden“, sagt er.
Alle Versorger erwarten eine eher geringe Nachfrage nach einem dynamischen Tarif. Einerseits lohne sich ein solcher nur bei einem hohen Stromverbrauch. Bei der Harz Energie geht man außerdem davon aus, dass die kaum vorhandenen Erfahrungen mit den Chancen und Risiken dynamischer Tarife, zu einer zurückhaltenden Nachfrage führen.
Dynamische Stromtarife: Fragen und Antworten zum Thema
Wie funktioniert ein dynamischer Stromtarif? dazu hier ein paar Fragen und Antworten:
Wie wird der dynamische Strompreis ermittelt?
Der sogenannte Arbeitspreis, also der Strompreis ohne Netzentgelte und Steuern und Abgaben, sind laut Verbraucherzentrale an die Preise an der Strombörse gekoppelt. Dynamische Stromtarife werden in der Regel auf Basis des Preises am „Day-Ahead-Markt“ gekoppelt. Dort wird zu sich stündlich ändernden Preisen der Strom gehandelt, der am nächsten Tag geliefert wird.
Wie erfahren Kunden, wann der Strom günstig ist?
Viele Anbieter stellen die Börsenpreise mittags am Vortag über ihre Internetseite oder in einer App zur Verfügung, sagt die Verbraucherzentrale.
Ist die zeitgenaue Stromverbrauchserfassung mit zusätzlichen Kosten verbunden?
Um die stündlichen Preisveränderungen genau abrechnen zu können, ist ein intelligentes Messsystem, umgangssprachlich „Smart Meter“, erforderlich. Dieses übermittelt einmal täglich viertelstündliche Verbrauchsdaten an den Messstellenbetreiber. Die jährlichen Kosten für ein intelligentes Messsystem betragen laut Verbraucherzentrale für Haushalte bis 10 000 Kilowattstunden Stromverbrauch 20 Euro pro Jahr und für Haushalte mit Wärmepumpe und Elektroauto-Ladestation 50 Euro pro Jahr. Die vorzeitige Ausstattung kostet zusätzlich einmalig 30 Euro.
Für wen lohnt sich ein dynamischer Tarif?
„Für „normale“ Haushaltskunden überwiegt das Risiko steigender Preise die Vorteile bei Weitem“, warnt die Verbraucherzentrale. Sie können zwar sparen, wenn sie in der Lage sind, ihren Energieverbrauch anzupassen, also beispielsweise Wäschewaschen und Geschirrspülen in Zeiten mit niedrigen Strompreisen zu verlagern. Das allein bringt aber laut der Stiftung Warentest maximal zehn Euro im Jahr.
Anders sieht das bei überdurchschnittliche Verbrauchern aus. So können laut Stiftung Warentest Fahrer eines kleineren E-Autos und einer jährlichen Fahrleistung von 10 000 bis 15 000 Kilometer mit einem dynamischen Tarif bis zu 150 Euro sparen. Betreiber von Wärmepumpen können von einem dynamischen Tarif profitieren, wenn sie auch einen Stromspeicher besitzen, der aus dem Netz geladen wird, wenn der Strompreis niedrig ist.
Wann ist der Strom besonders günstig?
Der Verlauf der Börsenpreise im Verlauf eines typischen Werktages ähnelt meist der Form eines „M“: Morgens gegen 8 Uhr und abends gegen 18 Uhr sind die Preise häufig am höchsten, gleichzeitig wird nur wenig oder gar kein Strom mit Photovoltaikanlagen erzeugt. Mittags und nachmittags sowie nachts sind die Preise häufig niedriger.
Am Wochenende sieht der Preisverlauf typischerweise etwas anders aus: Hier sind ebenfalls häufig abends die Preise am höchsten, an sonnigen Tagen gibt es mittags ein Preistief. Ein deutliches Preishoch am Morgen wie unter der Woche gibt es nicht. Am Wochenende sind die Börsenpreise durchschnittlich etwas niedriger.
Ist der tägliche Preisverkauf immer gleich?
Es kann aber deutliche Abweichungen von diesem typischen Verlauf geben. An Tagen mit viel Wind und Sonne können die Preise recht niedrig sein und an Tagen mit wenig Wind und Sonne sehr hoch. Zudem beeinflussen weitere Faktoren das Preisniveau, beispielsweise ein zu geringes Angebot an Gas wie in der Energiekrise oder auch ein zu geringes Stromangebot im Ausland.
(Olaf Weiss)
Dunkelflauten sind Preistreiber
In sogenannten Schwachlastzeiten, zum Beispiel nachts oder bei hoher Einspeisung erneuerbarer Energien, können die Preise für den Börsenanteil des Strompreises unter 5 Cent pro kWh fallen, so Mohr. In Spitzenzeiten können die Preise auf über 60 Cent pro kWh steigen. Ein wesentlicher Grund dafür seien „Dunkelflauten“, die überwiegend im Herbst und Winter auftreten. Dann werde nur wenig Strom durch Wind und Sonne erzeugt, aber der Strombedarf sei besonders hoch.
