„Ein Warnschuss für uns“: Klimaforscher über das Unwetter in Kassel
VonMatthias Lohr
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Hans Joachim Schellnhuber hat schon vor Jahrzehnten vor dem Klimawandel gewarnt. Hier erklärt Deutschlands renommiertester Klimaforscher, wieso Unwetter wie jüngst in Kassel häufiger werden.
Kassel – Hans Joachim Schellnhuber ist Deutschlands renommiertester Klimaforscher und hat schon vor Jahrzehnten vor den dramatischen Folgen des Klimawandels gewarnt. Die Politik hat lange nicht darauf gehört.
Überflutete Straßen wird es künftig öfter geben: Vorigen Donnerstag setzte das Unwetter in Kassel unter anderem die Moritzstraße an der Universität unter Wasser. Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber sagt: „In 90 Prozent der Sommer werden wir in Zukunft mit Extremwetterereignissen leben müssen.“
Vorige Woche gab es in und um Kassel ein heftiges Unwetter, wie es selbst ältere Menschen nicht oder nur ganz selten erlebt haben. Was haben solche Ereignisse mit dem Klimawandel zu tun?
Ich habe Berichte vom Unwetter in der „Tagesschau“ gesehen. Knöcheltief standen Menschen im Wasser und zeigten auf ihre vollgelaufenen Keller. Das war schon ungewöhnlich. Generell sorgt jedoch die Erderwärmung dafür, dass langfristig dem Klimasystem mehr Energie zur Verfügung steht. So verdunstet mehr Wasser aus den Ozeanen. Der allgemeine Wasserkreislauf wird verstärkt. Mit jedem Grad Erderwärmung gibt es sieben Prozent mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre. Das kommt irgendwann wieder runter – und zwar in Form von starken Niederschlägen. Mit der globalen Erwärmung wird es immer mehr Extremwetterereignisse geben. Dazu kommt, dass wir dieses Jahr eine besondere Situation haben.
Was ist diesmal anders als sonst?
Wir erleben gerade einen schwülwarmen Frühsommer hier in Europa. Der heurige Juni wird weltweit sogar als wärmster Juni seit Aufzeichnung der Wetterdaten in die Geschichte eingehen. Die Ozeane sind so warm wie noch nie zuvor. Die Kurve reißt alle Latten. Wir haben mehr Verdunstung und eine stärkere Konvektion, es wird also mehr thermische Energie transportiert. Wegen der erhöhten Meerestemperaturen werden wir wahrscheinlich einen Tropensommer erleben. Außerdem braut sich im Ostpazifik eine anomale Erwärmung, das Phänomen „El Nino“, zusammen. Die ganze Wettersituation gerät 2023 aus den Fugen. Dies ist ein Warnschuss für uns.
Trotzdem hört man nach Ereignissen wie in Kassel hinterher auch Stimmen, die sagen, solche Unwetter habe es schon immer gegeben.
Man verweist auf die „Thüringer Sintflut“ von 1613 oder andere legendäre Ereignisse. Natürlich kann man immer wieder solche Anekdoten anführen. Aber die Statistik ist ganz eindeutig und verschiebt sich. Wahrscheinlich werden wir in diesem Juli oder August zum ersten Mal eine globale Mitteltemperatur von über 17 Grad erfahren. Das würde im Vergleich zum 20. Jahrhundert einen Ausschlag von über 1,5 Grad bedeuten. Denken Sie an den menschlichen Körper: Wenn sich Ihre Körpertemperatur um ein oder gar zwei Grad erhöht, fühlen Sie sich unwohl. Sicher hatten Sie früher schon mal Fieber. Aber als Dauerzustand wäre das gefährlich und schwer zu ertragen.
In Kassel sprechen Sie über klimaneutrales Wirtschaften. Ist nachhaltiges Wachstum überhaupt möglich?
Die Frage ist, was man darunter versteht. Unbegrenztes Wachstum ist auf einem begrenzten Planeten sicher nicht möglich. Aber wir können den Übergang zu regenerativem Wirtschaften schaffen. Die Energie wird aus erneuerbaren Quellen gewonnen, Materialien stammen aus nachwachsenden Rohstoffen. Diese regenerative Wirtschaft wäre im besten Sinne nachhaltig.
Sie haben früh das 2-Grad-Ziel formuliert. Ist dies oder auch das 1,5-Grad-Ziel, wie es im Pariser Klimaabkommen formuliert ist, überhaupt noch realistisch zu erreichen?
Nein. Die 1,5-Grad-Leitplanke werden wir schon in dieser Dekade dauerhaft durchbrechen. Danach werden wir auch über die 2-Grad-Marke hinausschießen. Danach gilt es, das Überschießen so kurz und flach wie möglich zu halten. Mit den richtigen klimapolitischen Maßnahmen können wir die Erderwärmung auf 2,5 Grad stoppen und uns dann auf den Rückweg zu einem zivilisationsverträglichen Klima begeben. So könnte man etwa den grönländischen Eisschild stabilisieren. Andernfalls würde dessen Abschmelzen einen Anstieg des Meeresspiegels von etwa sieben Metern bewirken – riesige Küstenflächen würden überflutet. Wenn wir das Klima durch Extraktion von CO2 aus der Atmosphäre – etwa durch Holzbau – schnell wieder reparieren und den Temperaturanstieg auf 1 bis 1,5 Grad reduzieren, können wir gefährliche Kippprozesse im Erdsystem verhindern. Leider haben wir schon viel zu viel Zeit verschenkt.
Tut die Ampelregierung in Berlin genug für den Klimaschutz?
Sie bemüht sich zwar, aber es gibt unterschiedliche Ambitionen. Die Grünen würden gern Politik im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens machen. Die SPD unter Kanzler Olaf Scholz hat eher eine neutrale Haltung. Und die FDP will vor allem das unterbinden, was kurzfristig die Wirtschaft hemmen könnte. Darum wurde das Gesetz zur Umgestaltung des Heizungssektors so bunt zusammengeflickt. Zwar stellt es in der geänderten Version immer noch einen Fortschritt dar, aber für das Klima werden vielleicht nur 30 bis 50 Prozent von dem erreicht, was nötig wäre. So ist es immer in der Politik. Hätten wir genügend Zeit, wäre das in Ordnung. Aber die haben wir nicht.
Die Grünen stehen auch wegen Robert Habecks Heizungsgesetz in der Kritik. Die Gegner seines Vorhabens wie CDU und AfD profitieren davon in Umfragen. Wieso schafft es die Regierung nicht, die Menschen von der Notwendigkeit solcher Maßnahmen zu überzeugen?
Weil wir alle bequem sind und hoffen, unser Handeln nicht grundlegend überdenken zu müssen. Das liegt in der Natur des Menschen. Die Mehrheit versucht, einigermaßen durch den Alltag zu kommen. Nach der Pandemie gibt es nun bereits die nächste Aufforderung, sich zu verändern. Und viele bekommen Angst, weil Medien zugespitzt über angebliche Folgen des Gesetzes berichten. Mit der AfD gibt es eine Partei, die den Leuten einredet, alles werde gut, wenn wir nichts änderten. Es ist eine süße Lüge, die man gern hört. Auch das ist ein menschlicher Reflex. Die Transformation wird aber unausweichlich sein.
Sie sagen: Die Reichen und nicht die Armen verursachen den Großteil der Klimaveränderungen. Was halten Sie davon, die Reichen an den Pranger zu stellen, wie es gerade die Gruppe der Letzten Generation macht?
Man sollte einzelne Menschen nie an den Pranger stellen. Allerdings ist es tatsächlich so: Die ärmste Milliarde der Menschheit trägt null zum Klimawandel bei. Die meisten Emissionen kommen von den Superreichen, den sehr Reichen, den Reichen und den Wohlhabenden. Es ist sicher nicht gut, diesen Menschen zu sagen, sie sollten sich schämen. Aber es geht auch darum, von ihnen die gesellschaftliche Verantwortung einzufordern, die mit großem Besitz einhergeht. Das steht schon im Grundgesetz.
Wie beurteilen Sie generell die umstrittenen Protestformen der Letzten Generation?
Ich war vor Kurzem bei ihnen in einer Kirche in Berlin-Kreuzberg. Das sind alles nette junge Leute, die sehr überzeugend argumentiert haben. Ihre Aktionen werden leider dazu führen, dass die Allgemeinheit genervt reagiert. Trotzdem: Wenn ich 20 wäre und die Wissenschaft mir verdeutlicht, dass meine Lebensgrundlagen zerstört werden, wäre ich auch verzweifelt und wütend. Darum wählen sie Formen des zivilen Ungehorsams. Ich begrüße das nicht, aber ich kann es nachvollziehen. Es wird auch nichts helfen, der Letzten Generation zu sagen: „Nervt uns nicht.“ Das wird zu noch mehr Wut führen.
Bereits vor 30 Jahren haben Sie und der Weltklimarat vor den dramatischen Folgen des Klimawandels gewarnt. Wie oft zweifeln Sie an der Menschheit und drohen, die Hoffnung zu verlieren?
Das ist eine gute Frage. Es hängt auch davon ab, wie man aus dem Bett kommt. Manchmal denkt man, die ganze Anstrengung sei völlig sinnlos. Ein anderes Mal steht man auf und hat Treffen vor sich, bei denen es darum geht, die Weichen neu zu stellen. Dann denke ich: „Wir kriegen das noch hin.“ Es ist ein Wechselbad der Gefühle – wie im heutigen subtropischen Sommer. (Matthias Lohr)
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