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Madiha Atique, die Vorsitzende einer muslimischen Frauenorganisation, über Integration, Dankbarkeit und Vorurteile, die ihr begegnen
Frankfurt -Madiha Atique leitet nicht nur eine Sprachschule am Riedberg, sondern sie ist im Frankfurter Nordwesten auch Vorsitzende einer muslimischen Frauenorganisation. Im Interview mit Redakteurin Brigitte Degelmann spricht sie über ihr Engagement, Loyalitäten - und darüber, dass schon ihre kleine Tochter Deutschland gegenüber Kritikern verteidigt.
Frau Atique, seit gut einem Jahr suchen Sie im Frankfurter Nordwesten einen Raum für die Vereinsarbeit der Lajna Imaillah, einer muslimischen Frauenorganisation - bisher vergeblich. Warum ist das so schwierig?
Zunächst einmal gibt es allgemein wenig Räumlichkeiten in der Umgebung. Aber nichtsdestotrotz fehlt es manchmal den Menschen an Offenheit. Die Gespräche mit manchen Menschen zeigen mir, dass doch Vorurteile das Verhalten beeinflussen. Es bedarf noch viel mehr Aufklärungsarbeit. Unsere Erfahrungen zeigen, dass wir viel mehr aufeinander zugehen und miteinander ins Gespräch kommen müssen.
Beim Stichwort Islam denken manche an gewalttätige Organisation wie die Hamas und die Hisbollah. Oder an den Begriff Jihad, den gerade Nicht-Muslime gern mit „Heiliger Krieg“ übersetzen.
Das ist schade. Dabei bedeutet Islam Frieden und Jihad die Reformation des eigenen Selbst hin zum Guten. Es bedeutet nicht, dass man mit einem Schwert rausgeht und andere angreift. Das hat der Prophet niemals so praktiziert. Es ist wichtig, sich mit der wirklichen Lehre des Islam auseinanderzusetzen. Der Islam lehrt keinen heiligen Krieg. Zudem gibt es viele Muslime, die friedliebend und gesetzestreu sind, loyal zu Deutschland; die Deutschland danken und dem Land auch etwas zurückgeben wollen. Wie es die Ahmadiyya Muslim Jamaat und deren Unterorganisation Lajna Imaillah tun.
Was machen Ihre Gemeinde und diese Frauenorganisation?
Die Lajna Imaillah ist eine Unterorganisation der Ahmadiyya Muslim Jamaat. Das ist eine islamische Gemeinde, die 1889 gegründet wurde. Ihr Begründer Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad hatte zum Ziel, die friedlichen Lehren des Islam wiederherzustellen, die im Laufe der Zeit verkrustet sind, und motivierte die Menschen dazu, die Nähe des lebendigen Gottes zu suchen. Der Gemeinde gehören heute Millionen von Mitgliedern in über 200 Ländern weltweit an. In Deutschland gehört sie mit über 45 000 organisierten Mitgliedern und mehr als 50 Moscheen zu den größeren der islamischen Organisationen. Die Lajna Imaillah besteht seit über 100 Jahren als Unterorganisation für die Frauen innerhalb dieser Gemeinde und ist eigenverantwortlich tätig.
Und Sie engagieren sich im sozialen Bereich?
Genau, in der Lajna Imaillah haben wir Gruppentreffen, wir organisieren Wissens- und Sportwettbewerbe, Basare sowie interreligiöse Dialoge. Ganz wichtig ist auch Bildung, denn unser Motto lautet: Eine Nation kann keinen Fortschritt erlangen, ohne die Frauen zu bilden. Die Lajna Imaillah führt zudem eine bundesweite Info-Kampagne unter dem Titel „Ich bin eine Muslima - haben Sie Fragen?“ durch, die 2019 übrigens mit dem hessischen Integrationspreis ausgezeichnet worden ist. Erst kürzlich konnten wir diese Info-Kampagne auch bei uns in der Ortsteilgruppe anbieten.
Wie lief das ab?
Wir hatten eine kleine Präsenz auf dem Riedbergplatz, mit Flyern und einem Roll-up. Mit der Fragestellung „Ich bin eine Muslima, haben Sie Fragen?“ standen wir einfach für spontane Gespräche mit Passanten bereit. Wir sind da sehr herzlich aufgenommen worden und haben Zuspruch erhalten. Viele haben gesagt, sie finden es toll, dass muslimische Frauen so den Dialog suchen und bemüht sind, aufzuklären zum Thema Frau im Islam. Eine Dame kam zum Beispiel zu mir und meinte: „Ich hab’ nur eine Frage - tragen Sie das Kopftuch freiwillig?“ Und ich: „Ja, das tue ich“ (lacht) . Dann sagte sie: „Genau das wollte ich wissen, vielen Dank.“ Manche wollten auch einfach wissen, was wir so machen oder selbst von Erfahrungen erzählen. In den Gesprächen wird dann erkennbar, dass man sich von Mensch zu Mensch unterhält. Das war immer wieder ein tolles Erlebnis. Wir muslimischen Frauen sind Teil der Öffentlichkeit und möchten auch so angenommen werden.
Das heißt, Sie setzen vor allem auf Aufklärungsarbeit?
Ja, aber nicht nur. Unsere Religion lehrt uns auch, dass soziales und karitatives Engagement wichtig ist. Zum Beispiel führen wir Blutspendeaktionen durch, gehen in Altenheime und Schulen, kochen Mahlzeiten für die Tafel. Es ist für uns ein Herzensanliegen, Deutschland etwas zurückzugeben. Auch die Männer unserer Gemeinde zeigen dies beispielsweise durch eine Neujahrsputzaktion. Da gehen sie seit vielen Jahren schon auf die Straßen und kehren den Silvestermüll in aller Frühe weg - für Deutschland. Denn wir alle sind Deutschland, wir sollten eine inklusive Gesellschaft sein, Hand in Hand gehen. Es gibt auch einen Ausspruch des Propheten: „Wer anderen gegenüber nicht dankbar ist, ist auch nicht dankbar gegenüber Gott.“
Warum ist Ihnen das so wichtig?
Wir stehen als Muslime in der Pflicht. Denn es heißt vom heiligen Propheten Muhammad: „Die Liebe zum Land ist ein Teil des Glaubens.“ Das heißt, es ist auch unsere religiöse Pflicht, loyal zu Deutschland zu sein, gesetzestreu zu sein, zum Fortschritt beizutragen. Auch das amtierende Gemeindeoberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Hadhrat Mirza Masroor Ahmad, motiviert uns dazu, dass wir uns zum Guten in unser Heimatland einbringen, um dem Land etwas zurückzugeben. Diese Loyalität, diese Liebe zum Land ist wichtig. Deutschland hat mir so viel gegeben, Deutschland hat meinen Eltern und uns Kindern die Türen geöffnet, als wir 1990 aus Pakistan hierherkamen.
Weshalb hatten Sie sich zu diesem Schritt entschlossen?
Sie wollten mir und meinen Geschwistern ein besseres und sichereres Leben ermöglichen. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat wird in Pakistan und in vielen anderen Ländern verfolgt. Mein Opa wurde einmal brutal zusammengeschlagen, zwei meiner Onkel wurden ermordet. Da hat mein Papa den Entschluss gefasst, dass wir raus müssen. Dabei verlässt niemand das eigene Heimatland freiwillig. Mein Mann und ich, wir waren beruflich mal zwei Jahre in Belgien - und ich habe Deutschland so vermisst (lacht) . Obwohl die Strukturen so ähnlich sind und die Leute auch dort sehr nett sind. Trotzdem vermisst man alles. Die Milch schmeckt anders, die Freunde, die Verwandten fehlen.
Wie war der Start in Deutschland?
Wir haben damals niemanden hier gekannt und konnten auch die Sprache nicht, aber wir wurden hier willkommen geheißen. Wir sind vier Geschwister und haben alle dank der Unterstützung vieler Lehrer einen hohen Bildungsstand erreicht. Es gibt so viele herzensgute Menschen in Deutschland - und deshalb möchte ich unbedingt etwas zurückgeben.
Trotzdem gibt es auch andere, die Menschen mit Migrationshintergrund am liebsten aus Deutschland vertreiben würden und dafür sogar schon Pläne schmieden - beispielsweise bei jenem berüchtigten Treffen in Potsdam im vergangenen November, an dem unter anderem Politiker der AfD und der Werteunion teilnahmen. Macht Ihnen das Angst?
Nein, ich habe keine Angst, aber ich bin schon besorgt. Letztlich denke ich, dass die Menschen einfach nicht genügend Kontakt zu Muslimen haben. Viele Menschen, die Muslime kennenlernen, ändern durch diesen persönlichen Kontakt ihren Standpunkt grundlegend. Da müssen wir auch einen Schritt auf den jeweils anderen zugehen und sagen: „Lassen Sie uns doch alle an einem Tisch sitzen, ein Gespräch oder einen interreligiösen Dialog führen.“
Vor allem Politiker der AfD nehmen seit Monaten immer wieder das Wort „Remigration“ in den Mund. Wie wirkt das auf Sie?
Für mich ist das nicht durchdacht, gerade in diesen Zeiten eines Fachkräftemangels. Ich möchte von einem Erlebnis erzählen, das ich kürzlich mit meiner sechsjährigen Tochter hatte. Wir waren bei einer ärztlichen Untersuchung; der Arzt, jemand ohne erkennbaren Migrationshintergrund, der sehr kompetent war. Er hat dann angefangen, sich über Rassismus und die AfD auszulassen, und schimpfte immer wieder abfällig über Deutschland. Das war nicht böswillig, wir waren die letzten Patienten, er war vielleicht auch überfordert nach einem langen Arbeitstag. Meine Tochter hat das alles mitgehört. Am nächsten Tag kam sie nach dem Abendgebet zu mir und meinte: „Der Arzt gestern, der hat so über Deutschland geschimpft. Mama, wieso hast Du nichts gesagt?“ Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke (stockt kurz) . Ich war erst ganz perplex und den Tränen nahe. Und dann habe ich sie in den Arm genommen und ihr gesagt: „Ja, du hast recht, ich hätte etwas sagen sollen.“ Denn sie weiß, dass ich normalerweise sofort „Stopp“ sage, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Und dann?
Beim nächsten Termin habe ich den Arzt darauf angesprochen, dass meiner Tochter das negativ aufgefallen ist. Und er meinte daraufhin: „Oh, das habe ich doch gar nicht so gemeint. Deutschland ist super, ein tolles Land.“ Und ich pflichtete ihm bei. Insbesondere gegenüber Kindern ist es wichtig, wie man Dinge ausdrückt; sie haben so viel Liebe für dieses Land in sich und sie kennen nichts anderes. Sie fühlen sich hier zu Hause. Wenn ich dann diese Forderungen nach Remigration höre, denke ich mir: Welche Leute wollt Ihr denn remigrieren? Solche Menschen wie meine Tochter, die bereit ist, sich deswegen sogar mit ihrer Mutter auseinanderzusetzen? Natürlich muss der Staat konsequent gegen diejenigen vorgehen, die sich nicht an die Gesetze halten. Das ist keine Frage. Aber Leute, die friedliebend sind, die das Land weiterbringen wollen - warum sollte man sie wegschicken?
Sie haben vorhin das Kopftuch erwähnt, das Sie tragen...
Ja, ich möchte mich einfach nicht auf das Äußere reduzieren lassen, sondern die inneren Werte sollen zum Vorschein kommen, durch mein Handeln, durch mein Gespräch. Das Kopftuch hat mich nie in meinen Leistungen gehindert. Warum sollte ich es abnehmen? Es stört mich nicht bei meiner Arbeit, und ich fühle mich darunter sicher und geborgen. Es ist wichtig, beide Freiheiten anzuerkennen und zu schützen: die selbstgewählte Entscheidung für ein Kopftuch, aber auch die individuelle Entscheidung gegen das Tragen eines Kopftuches.
Wie reagiert Ihre Umwelt darauf?
Ich habe mich mit einem kleinen privaten Sprachinstitut selbstständig gemacht, um vor allem Kindern Deutsch beizubringen. Schließlich ist es wichtig, dass sie schon bis zu einem gewissen Grad Deutsch können, wenn sie in die Schule kommen. Der Erstkontakt mit den Eltern erfolgt meist telefonisch oder per E-Mail. Und öfters passiert es mir dann, dass den Menschen der Schock ins Gesicht geschrieben steht, wenn sie mich sehen - weil ich Kopftuch trage. Das ist schon verletzend. Dann kommen manchmal auch Fragen wie: „Können Sie denn wirklich akzentfrei Deutsch?“ Das unterstreicht, wie viele Vorurteile und Stereotype in der Gesellschaft noch da sind. Warum soll ich denn nicht Deutsch unterrichten können?
Sind das Einzelfälle?
Nein, anderen Frauen geht es genauso. Wir haben bei der Lajna Imaillah sehr viele gebildete Frauen: Ärztinnen, Professorinnen, Anwältinnen. Aber wenn sie Kopftuch tragen, werden Ärztinnen im Krankenhaus mitunter für Arzthelferinnen oder Putzfrauen gehalten und dann auch so angesprochen. Und für Lehrerinnen ist leider der Zugang zum Arbeitsleben erschwert. Es bestehen große Schwierigkeiten, als Lehramtsstudentin einen Platz für das Referendariat zu erhalten. Wie sollen wir uns einbringen, wenn uns diese Hürden in den Weg gelegt werden? Mit Kindern ist es übrigens viel einfacher. Die fragen: „Warum trägst du das?“ Dann sage ich: „Ich mag es.“ Und sie sagen: „Ach wirklich? Sieht toll aus.“ (lacht) . Das war’s dann, die sind da viel unbefangener.
Allerdings ist häufig auch von Parallelgesellschaften die Rede - von Migranten, die sich nicht integrieren wollen...
Das sehe ich in meinem Umfeld gar nicht so. Dabei kenne ich nicht nur die muslimische Perspektive, sondern auch diejenige vieler anderer Migranten. Die Mehrheit möchte, dass Kinder die deutsche Sprache beherrschen, dass sie in den Bildungseinrichtungen Anschluss finden. Dem Großteil der Migranten ist es sehr wichtig, sich zu integrieren. Die Menschen wollen sich einbringen, sie wollen sich auch sozial engagieren und Loyalität zeigen. Daher ist es unerlässlich, dass der Staat dieses Bedürfnis und Engagement anerkennt; dass man dafür eine Plattform bietet, sodass sich die Menschen nicht nur in ihren Communities treffen. In unseren Aktivitäten der Ahmadiyya Muslim Jamaat und der Lajna Imaillah bieten wir wiederkehrend Empfänge und Dialogveranstaltungen an, damit die Menschen sich dort begegnen und sich miteinander austauschen können. Wir wollen die Herzen der Menschen gewinnen und ihnen die Ängste nehmen; ihnen zeigen, wir haben auch Kinder, wir haben die gleichen Sorgen wie sie - und auch mal schlaflose Nächte (lacht ).