Koalitionsvertrag

Eine Umfrage im Kasseler Stadtteil Bettenhausen: „Das ist alles besser als die AfD“

+
Ist froh über die Einigung: Nebil Sever, der den Döner-Imbiss „Snack Point“ am Leipziger Platz betreibt, hat erstmals in seinem Leben die CDU gewählt.
  • schließen

Wie bewerten die Menschen den Koalitionsvertrag, den Union und SPD abgeschlossen haben? Wir haben im Kasseler Stadtteil Bettenhausen nachgefragt.

Kassel - Richtig glücklich zeigt sich von den Menschen, die am Donnerstagmittag auf den Koalitionsvertrag von SPD und CDU/CSU und damit auf die künftige Bundesregierung angesprochen werden, keiner. Viele, die auf dem Leipziger Platz und an der Leipziger Straße in Bettenhausen unterwegs sind, wollen sich an der Umfrage nicht beteiligen. Entweder, weil sie keine Zeit und Lust haben, oder sich für Politik nicht interessieren.

Ein älterer Mann, der die Abfalleimer vermutlich nach Pfandflaschen absucht, sagt nur: „Nicht Deutsch.“ Ein jüngerer Mann am Fußgängerweg erklärt, dass er einen Monat in Thailand war und sich deshalb vor der Politik verschlossen habe. Ein mittelalter Mann teilt im Weggehen mit, dass er krank ist und kein Interesse an der Politik hat. „Ich habe keine Lust“, teilt eine Frau mit, die einen Kinderwagen schiebt. Ein Mann sagt: „Ich weiß nichts darüber, ich bin Ausländer.“

Mitteilungsfreudiger ist da eine 78-jährige Frau aus Bettenhausen, die wenig Hoffnung hat, dass sich etwas unter der neuen Bundesregierung zum Besseren wendet. „Die können doch nicht viel machen, wenn immer mehr Leute ins Land kommen“, schimpft die Frau. Sie fühlt sich von ihrer Krankenkasse im Stich gelassen. „Die zahlen nichts mehr. Das ist eine Unverschämtheit.“ Schuld daran seien die vielen Ausländer, die nach Deutschland kämen und die Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch nehmen würden. „Ich kann doch nichts dafür, dass die Flüchtlinge alle krank sind“, sagt die Frau. Sie habe ja nichts gegen Ausländer, versichert die 78-Jährige. „Wenn sie arbeiten und anständig sind.“

Ist skeptisch, was die Energiekosten angeht: Dirk Weckesser aus Calden.

Dirk Weckesser aus Calden vertritt indes die Ansicht, dass die CDU sich bei den Verhandlungen mit der SPD zu wenig durchgesetzt hat. Er sei da sehr skeptisch, was die Energiekosten angeht. Er glaube nicht, dass die Steuern auf Energie herabgesetzt würden, so der 55-Jährige.

Eine 54-Jährige, die in Niedersachsen lebt, spricht gar vom „Wahlbetrug der CDU“. „Wir fühlen uns betrogen, vor der Wahl gab es andere Versprechen.“ Damit meint sie vor allem „das Finanzielle“. Sie heißt es nicht gut, dass so viel neue Schulden aufgenommen worden sind.

Hofft, dass die Bundesregierung das Geld gut verteilt: Gabi Schimpf aus Kaufungen.

Gabi Schimpf aus Kaufungen gibt sich etwas gelassener. „Es gibt ja keine Alternative. Das ist alles besser als die AfD“, so die 71-Jährige. Genug Geld sei ja in Deutschland offenbar vorhanden. Sie hoffe nur, dass es nun auch ordentlich von der neuen Bundesregierung verteilt wird. „Es muss ja vieles saniert werden.“

„Ich bin froh, dass sich CDU und SPD geeinigt haben“, sagt Nebil Sever, der den Döner-Imbiss „Snack Point“ am Leipziger Platz betreibt. Früher habe er immer SPD gewählt, bei der Bundestagswahl am 23. Februar zum ersten Mal die CDU. Er findet, dass es vor der Wahl in Deutschland mit der Politik nicht mehr so gut gelaufen ist, sagt der Mann, dessen Eltern arabische und türkische Wurzeln haben. Er selbst habe sich nie als Ausländer gefühlt. Aber er kenne viele Menschen, die zum Beispiel nicht mehr zum Stern gingen, weil da angeblich ganz schnell Messer oder Rasierklingen aus den Taschen geholt würden.

Er wäre froh, wenn die CDU zu ihren Wahlversprechen stehen würde, sagt der 72-jährige Walter Bachmann aus Bettenhausen. Als Hausbesitzer habe er sich erst eine neue Heizung einbauen müssen und sich für Gas entschieden. Er hoffe, dass es unter der neuen Bundesregierung deshalb nicht zu Problemen kommen werde.

Der 75-jährige Edward Kott aus Kaufungen hält von Politikern gar nichts. „Die halten sich sowieso nicht an Versprechen, wir werden alle verarscht.“ Deshalb habe er auch gar nicht gewählt. Die Politiker wollten doch nur gute Posten haben. Eine Sache ist dem 75-Jährigen dann doch wichtig: „Hauptsache, der Putin kommt nicht an die Macht.“

Der 29-jährige Student Shane Bourne, der in Bettenhausen lebt, ist indes froh, dass sich die SPD bei den Koalitionsverhandlungen bei vielen Punkten habe durchsetzen können. „Ich bin kein Fan der anstrengenden Migrationsdebatte“, sagt der junge Mann. (use)

Froh, dass sich die SPD in vielen Punkten durchgesetzt hat: Shane Bourne aus Kassel.

Kommentare