Wichtige Botschaft

100-Jährige besucht Grundschule im Kreis Fulda - aber nur für einen Tag

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Es klingt wie aus einem anderen Leben, wenn Anni Richter von ihrer Schulzeit und dem Leben zuhause erzählt. Ein Schulheft für alle Fächer, zwei Plumpsklos im Hof für 100 Schüler oder ein Bonbon zum Geburtstag, über den sich die damals Achtjährige so freute, wie heute der Spross über ein Handy.

Eiterfeld - „Für uns waren Lehrer Respektpersonen. Ich erinnere mich, als wäre es eben erst passiert, da habe ich mit meinem Bruder gespielt, als wohl unsere Lehrerin – ein Fräulein – uns gesehen hat. Früher war es so, dass man sie stets begrüßen musste. Wir hatten sie aber gar nicht gesehen.“

„Das Fräulein muss aber zum damaligen Lehrer Mohr gelaufen sein und hat sich beschwert. Sie meinte, wir müssen bestraft werden“, erzählte Anni Richter, die in Begleitung von Eva Kohlmann vom Heimat- und Geschichtsverein und ihrem Sohn Josef der dritten und vierten Klasse der Grundschule in Eiterfeld-Großentaft im Hünfelder Land im Kreis Fulda einen Besuch abstattete.

Fulda: 100-Jährige besucht Grundschule im Hünfelder Land

Mit Bestrafung meinte Anni, „da gab es auf den Hosenboden“. Aus Angst davor hatte ihr Bruder eine Idee: „Er hat sich einen Pappedeckel in die Hose gemacht. Er hatte richtig Angst. Aber der Lehrer Mohr hat es nicht gesehen und uns dann auch nicht bestraft. Aber mein Bruder ist noch den ganzen Tag mit dem Pappedeckel in der Hose in der Schule gesessen“, erzählte sie, und die Schüler lachten.

„Obwohl ich jeden Tag gerne zur Schule gegangen bin, hatte ich immer Angst, bestraft zu werden“, so Richter. Bestraft wurde man beispielsweise schon, wenn sich beim Vorzeigen der Finger noch Dreck unter den Nägeln befand, wussten die Schüler. Eine Kleiderordnung gab es in der Schule nicht, aber ordentlich musste alles sein.

„Ohje, wenn ich daran denke, dass jemand irgendwo ein Eselsohr im Heft hatte – da gab es Ärger“, sagte Anni. Auf den „hohen“ Besuch von Anni hatten sich die Schüler im Unterrichtsfach Sachkunde zum Thema „Schule früher und heute“ vorbereitet. Schließlich war es an der Zeit, dass die Schüler Fragen stellen konnten.

Die Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klasse hatten sich gemeinsam mit Lehrerin Christiane Oswald (hinten, links) auf den Besuch von Anni Richter (Mitte) gut vorbereitet.

„Wie habt ihr eure Pausen verbracht“, fragte einer. „In den Pausen haben wir immer Fangen gespielt. Wir hatten ja nichts im Hof stehen und es war nichts geteert. Es waren richtige Löcher im Hof, darunter ein ganz großes. Da haben wir immer gespielt, wer am weitesten reinspringen kann“, erinnerte sich Anni an ihre Schulzeit.

Unterrichtet wurden die Kinder bis zur achten Klasse und zwar ausschließlich in Großentaft. „Das wäre cool, wenn das auch bei uns so wäre“, sagte ein Schüler. „Damit wir die Klassenräume so schön warm hatten, wie ihr es heute ganz wie von selbst habt, mussten die älteren Schüler schon vor dem Unterricht Feuer machen“, sagte die Großentafterin.

Zwei Plumpsklos für 100 Kinder

Da machten einige Schüler große Augen. Viel größer war aber die Verwunderung über die sanitären Einrichtungen. „Toiletten, wie ihr sie habt, gab es nicht. Wir waren mehr als 100 Schüler und es gab nur zwei Klos – und zwar draußen. Das war, als säße man unter freiem Himmel, so kalt war es da im Winter“, erinnerte sich Anni.

Kinder aus ärmeren Familien trugen noch Holzschuhe. Auf die Frage, wo der Sportunterricht stattfand, sagte Anni: „Wir hatten keinen richtigen Sportunterricht. Wir haben das im Klassenraum gemacht. Aber einmal im Jahr ging es nach Eiterfeld oder Rasdorf zu Fuß zum Sportfest.“ Das war vergleichbar mit den heutigen Bundesjugendspielen.

„Wenn wir uns mal verletzt haben, hatte meine Mutter im Keller einen großen Steintopf stehen, in dem Sauerteig drinnen war. Ein bisschen Jod und Sauerteig hat den Eiter aus der Wunde gezogen. Oder Lehm“, erzählte Anni. Lehrerin Christiane Oswald zeigte sich verblüfft: „Das kann man sich gar nicht vorstellen. Sowas gibt es heute nicht mehr.“

Ob Mathematik, Geographie oder Ahnenforschung: In Sütterlinschrift schrieb Anni Richter alles aus der ersten Klasse in ihr Schulheft hinein. Mehr hatten die Schüler damals nicht.

Anni erzählte von ihren Geschwistern und den Eltern, die mit der Landwirtschaft zuhause so viel Arbeit hatten, dass sie keine Zeit hatten, nach den Schulaufgaben der Kinder zu sehen, und wie Weihnachten gefeiert wurde. „Unsere Geschenke waren ein paar Plätzchen und Äpfel.“

„Wer einen Paten hatte, der bekam auch mal eine Apfelsine. Die wurde dann mit allen geteilt. Und der eigene Geburtstag wurde gar nicht so groß zelebriert. Man bekam viel mehr Glückwünsche zum Namenstag“, erinnerte sich Anni. Als sie ungefähr acht Jahre alt war, pflückte sie an ihrem Namenstag Blumen.

„Dann ging ich in einen der vier Läden, die es hier in Großentaft gab, und bekam für die Blumen einen Bonbon. Da habe ich mich gefühlt wie eine Königin“, sagte Anni und lächelte über das ganze Gesicht. Süßigkeiten waren eine Rarität und teuer. Für die Schüler hatte die 100-Jährige noch eine ganz wichtige Botschaft: „Ich kann euch nur sagen, geht in die Schule. Das hat mir in meinen 100 Jahren viel gebracht.“

Schüler der Jahnschule Hünfeld führten in diesem Jahr ebenfalls ein Projekt mit Senioren durch. Die Schüler durften in Gruppen überlegen, welche Aktivitäten sie an einem Tag gemeinsam mit den Hausbewohnern der Seniorenresidenz Mediana unternehmen möchten. Dafür entfiel eine Lernkontrolle.

Rubriklistenbild: © Alisa Kim Göbel

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