Corona-Folgen

Post-Covid bei Kindern: Junge aus Kassel berichtet

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Nach fast einem Jahr mit Post-Covid geht es Felix Bauer aus Kassel endlich besser. Nun kann er im Garten neben dem Haus, in dem er mit seinen Eltern und seinem zwölfjährigen Bruder lebt, wieder Fußball spielen.
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Für die meisten ist Corona vorbei. Doch es gibt Menschen, die nach der Infektion mit Post-Covid zu kämpfen haben. Auch Kinder sind betroffen.

Kassel – Felix liebt Fußball. Der quietschlebendige Junge aus Kassel war in jeder freien Minute draußen unterwegs und liebte es zu rennen, erzählt seine Mutter Nina Bauer. „Er war immer in Bewegung, hatte immer einen Ball dabei“, sagt sie. „Ich habe mich gefragt, woher er die ganze Energie nimmt.“

Doch mit dieser Energie hatte es vor knapp einem Jahr ein jähes Ende. In den vergangenen Sommerferien im Spanienurlaub bekam Felix zum zweiten Mal Corona. Felix litt stark an Übelkeit und war enorm entkräftet. Als kurz nach dem Urlaub die Schule wieder anfing – der heute Zehnjährige ging dann in die vierte Klasse – hat Felix genau eine Woche lang durchgehalten. „Dann ging gar nichts mehr“, erinnert sich der Junge.

Post-Covid bei Kindern: Junge aus Kassel war zweifach gegen Corona-Virus geimpft

Zu diesem Zeitpunkt war Felix zweifach geimpft, eine erste Infektion hatte er gut verkraftet. Doch diesmal war es anders. Sein Zustand verschlechterte sich drastisch. Als er vier Wochen lang vor Erschöpfung kaum das Bett verlassen konnte und die Untersuchung in der Kinderarztpraxis und die Blutanalyse nichts Auffälliges ergaben, wies der Kinderarzt Felix zur Abklärung ins Klinikum ein.

Dort untersuchte ihn Dr. Nina Kollmar, Fachärztin für Pädiatrie und Leiterin der Anlaufstelle für Post-Covid bei Kindern und Jugendlichen, gemeinsam mit ihrem Team der Klinik für Pädiatrische Hämatologie-Onkologie, Psychosomatik und Systemerkrankungen im Kinderzentrum des Klinikums Kassel. Nach einer Woche auf Station ging Felix mit der Diagnose Post-Covid nach Hause.

Dr. Nina Kollmar leitet die Post-Covid-Sprechstunde in Kassel.

„Ich konnte einfach nicht“: Junge aus Kassel berichtet über Post-Covid-Symptome

Was folgte, war eine herausfordernde Zeit für ihn und seine Familie. „Ich hatte schon Lust, etwas zu machen. Aber ich konnte einfach nicht. Ein bisschen Angst hatte ich schon“, sagt Felix, während er ruhig auf dem Sofa im Wohnzimmer neben seiner Mutter sitzt. In den folgenden Monaten musste er einen Rollstuhl nutzen, Felix konnte nicht mehr laufen. „Zu Beginn konnte er nur 20 Minuten lang sitzen, dann musste er sich wieder hinlegen“, erzählt seine Mutter, die selbst Ärztin ist und in der Psychiatrie gearbeitet hat.

Längere Ausflüge als Familie waren nicht mehr möglich. Felix konnte nicht zur Schule gehen. Bis heute wird er dreimal pro Woche zu Hause unterrichtet. Auch Besuche von Freunden strengten ihn anfangs zu sehr an. Sechs Monate lang konnte der Zehnjährige die Wohnung nicht verlassen. „Das war eine schwere Zeit. Niemand konnte uns sagen, wie es weitergeht“, sagt Nina Bauer. Felix entwickelte in Folge der Covid-Erkrankung die schwere neuroimmunologische Erkrankung ME/CFS, die bei Kindern und Jugendlichen als schwerster Verlauf von Post-Covid gilt.

„Schwere Zeit“ für die Familie

Dagegen gibt es keine zugelassene Therapie. Deshalb erhielt Felix zunächst kaum Medikamente, dafür aber Nahrungsergänzungsmittel, die Entzündungen entgegenwirken sollten. Der Junge machte Fortschritte. „Allerdings nur im Mikrobereich“, sagt seine Mutter, die viel im Internet recherchiert hat und dabei auf ein Medikament gestoßen ist, das nach einer amerikanischen Studie Erwachsenen mit Post-Covid und ME/CFS helfen sollte.

Post-Covid-Krankheitsbild ME/CFS - Neuroimmunologische Erkrankung nach Corona-Infektion

Expertinnen und Experten vermuten, dass Corona die schwere neuroimmunologische Erkrankung ME/CFS verursachen kann. Das bestätigt eine Studie der Universitätsmedizin Berlin und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin. ME/CFS führt häufig zu einem hohen Grad körperlicher Behinderung.

Weltweit sind etwa 17 Millionen Menschen betroffen, meldet die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS. Betroffene leiden an einer schweren körperlichen Schwäche, unter neurokognitiven und immunologischen Symptomen. Häufig beginnt ME/CFS nach einer Infektionskrankheit, wie mit dem Epstein-Barr-Virus oder der Influenza. Genaue Mechanismen der Erkrankung sind bisher noch ungeklärt.

Das Präparat ist in Deutschland für erwachsene Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie oder Manie zugelassen. Bei Post-Covid und ME/CFS wird es in einer minimalen Dosis gegeben. Dennoch ist der Einsatz bei Kindern ein sogenannter doppelter Off-Label-Use, da das Medikament weder für diese Erkrankung noch für diese Altersgruppe zugelassen ist.

Post-Covid kann auch Kinder treffen

Familie Bauer entschied sich nach Rücksprache mit dem Team im Klinikum dennoch dafür, Felix das Medikament zu geben. Die Nebenwirkungen halten sich bei ihm in Grenzen: hin und wieder hat er Bauchschmerzen und schläft etwas schlechter. Aber der Wirkstoff Aripiprazol schlägt bei Felix gut an: Seine Schwäche und Müdigkeit werden weniger. „Den Rollstuhl brauche ich nicht mehr“, sagt Felix stolz.

Mittlerweile kann er mit seiner Familie wieder kleine Spaziergänge machen. Auch sein bester Freund kommt regelmäßig zu Besuch. Wenn Felix fit ist, können sie sogar ein bisschen Fußball spielen. Auf die Frage, was sich Felix am meisten wünscht, sagt er: „Ich möchte einfach nur wieder normal zur Schule gehen können.“

Nach den Ferien will Felix es versuchen: Zusammen mit seinem besten Freund geht er im neuen Schuljahr auf ein Kasseler Gymnasium, wo er nach einer Eingliederungszeit hoffentlich wieder normal am Unterricht teilnehmen kann.

Post-Covid bei Kindern: Zehn Monate Wartezeit für Sprechstunde im Klinikum Kassel

Kinder und Jugendliche, die an Post-Covid leiden, klagen über extreme Erschöpfung, Atemnot und Kopfschmerzen, sie haben Konzentrationsstörungen und Herzprobleme. Einige trifft es so schwer, dass sie nicht zur Schule gehen können. Im Klinikum Kassel gibt es eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche mit Post-Covid – es ist die einzige in Hessen. Die Wartezeit für eine stationäre Diagnostik beträgt zehn Monate.

Etwa zehn Prozent der Menschen, die sich mit Corona infiziert hatten, haben mit anhaltenden Folgeproblemen zu tun. Um die jungen Betroffenen und ihre Familien zu unterstützen, bietet die Klinik für Pädiatrische Hämatologie-Onkologie, Psychosomatik und Systemerkrankungen im Kinderzentrum des Klinikums Kassel bereits seit Dezember 2021 eine Sprechstunde an. Etwa 60 Kinder zwischen 3 und 18 Jahren hat Dr. Nina Kollmar, Leiterin der Anlaufstelle, in dieser Zeit behandelt.

„Die Diagnostik ist aufwendig. Wir müssen erst andere somatische und psychische Erkrankungen ausschließen, bevor wir die Diagnose Post-Covid stellen“, sagt die Fachärztin für Pädiatrie. Dafür arbeiten im Klinikum Medizinerinnen und Mediziner verschiedener Fachrichtungen sowie psychologische Fachkräfte zusammen, die sich auch an der Erforschung der Krankheit beteiligen.

Post-Covid bei Kindern und Erwachsenen: Auch Hessen braucht mehr behandelte Ärzte

Meist behandelt Kollmar zwei Post-Covid-Kinder pro Woche. „Das kommt zum bestehenden Angebot dazu. Mehr schaffe ich nicht“, sagt die Medizinerin. Bislang gibt es keine Versorgungsstruktur, die von der Bundesregierung für Post-Covid festgelegt wurde. Anlaufstellen für Betroffene gibt es deshalb bislang nur wenige. „Jedes Bundesland braucht eigentlich ein bis zwei Stellen – für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene“, betont Kollmar. Denn der Bedarf dafür werde weiterhin hoch sein.

Der schwerste Verlauf von Kindern und Jugendlichen, die von Post-Covid betroffen sind, mündet in der schweren neuroimmunologischen Erkrankung ME/CFS. Betroffene leiden unter anderem an einer extremen körperlichen Schwäche. „Diese Kinder können nicht mehr laufen“, sagt Kollmar. Schon vor Corona ist dem Team der Kinderklinik dieses Krankheitsbild begegnet, das auch nach anderen Virusinfektionen oder Krebserkrankungen auftritt. „Aber die Häufigkeit hat extrem zugenommen“, sagt Chefärztin Prof. Dr. Michaela Nathrath. (Anna-Laura Weyh)

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