VonJonas Wissnerschließen
Wo sich andere in ihrer Freizeit austoben, behält er den Überblick: Jan Norwig arbeitet in etlichen Bädern als Bademeister. Der Lollarer mag an seinem Job vor allem die Vielseitigkeit.
Gemächlich ziehen drei Senioren ihre Bahnen im 50-Meter-Becken, ansonsten ist das Lollarer Waldschwimmbad an diesem Mittwoch wie leergefegt. Nachmittags kommt die Sonne raus, doch der weitgehend trübe Tag hat viele offenbar von einem Badbesuch abgehalten. Jan Norwig lässt seinen Blick von der Terrasse über die Anlage schweifen, die er wie aus dem Effeff kennt: Der Lollarer hat hier als Kind wie nun seine beiden Söhne ungezählte Stunden verbracht. »Wir haben hier noch die handyfreie Zeit genossen, das Freibad war ein Sammelpunkt«, blickt der 36-Jährige zurück. Heute ist dieser Sehnsuchtsort der Kindheit für ihn als Bademeister einer von vielen, aber noch immer ein besonderer Arbeitsplatz.
Der Interview-Termin auf der Terrasse gerät zum Familientreffen, und das nicht zufällig: Norwegs Lebensgefährtin Sabine Hasselbach ist zugleich eine Kollegin, sie haben sich in der Firma kennengelernt. Sein Bruder Jörg ist auch sein Chef: Er ist Gesellschafter der 2021 gegründeten Gießener Bäderbetrieb-Firma AquaFamily - gemeinsam mit Kamyar Mirzai, der ebenfalls mit am Tisch sitzt.
Nach einer Ausbildung zum chemisch-technischen Assistenten zog es Norwig bald ans Wasser: Sein Bruder war bereits Bademeister, er selbst in der DLRG aktiv. In Schotten und Fulda machte Norwig seine Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe. Dann wechselte er für ein Jahr nach Biebertal, anschließend nach Hanau, um schließlich bei AquaFamily anzuheuern. »Ich habe es bis heute nicht bereut«, sagt er über den beruflichen Spurwechsel.
Ausbildungsplätze seien in diesem Bereich eher rar und Personalmangel in vielen Bädern ein Thema, wobei nun teils gegengesteuert werde. »Es ist wichtig, dass wir den Beruf hochhalten«, findet Norwig, der inzwischen als »Meister für Bäderbetriebe« selbst ausbildet. »Wir machen hier die komplette Betriebsführung, alles von A bis Z«, erläutert Mirzai. Die Firma verfüge über einen Mitarbeiterpool, wodurch Engpässe in einem Bad kompensiert werden könnten.
Und so ist auch Norwigs Arbeitsalltag breit gefächert: Er fungiert in Lollar als technischer Leiter, trägt aber auch in knapp 20 weiteren Bädern Verantwortung, wovon ein üppiger Schlüsselbund zeugt. Der Lollarer bildet Personal aus, gibt Kurse, kontrolliert die Wasserqualität, muss mit seinem Team die Technik ebenso im Blick behalten wie die Badegäste. An heißen Sommertagen können das auch mal deutlich über 1000 sein. Gerade die Vielseitigkeit macht ihm an seinem Beruf Spaß. Dafür nimmt er in Kauf, im Sommer, wenn andere Urlaub machen oder eben ins Freibad gehen, und an Wochenenden vermehrt zu arbeiten.
Ob zwischenmenschliche Konflikte, medizinische Notfälle oder technische Defekte: In einem Freibad kann viel passieren. Um das Risiko für solche Ereignisse zu minimieren, sind vorausschauende Planung und Prävention essentiell, wie Norwig anhand eines Beispiels verdeutlicht: Einweg-Aschenbecher werden auf seine Idee hin auf den Liegewiesen verteilt, um Brände und Brandwunden zu verhindern. Inzwischen kommt in Lollar teils auch Sicherheitspersonal zum Einsatz, damit die Bademeister sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können.
Im Alltag am Beckenrand ist der 36-Jährige auch als Schlichter gefragt, etwa bei Konflikt-Klassikern wie Springen vom Rand und Spielen ohne Rücksicht auf andere. Auch Belästigungen verschiedenster Art kommen schon mal vor. »Falls es nur den Ansatz von einem Vorfall gibt, müssen wir dem nachgehen«, stellt der Lollarer klar.
Einst, sagt Mirzai, seien Haus- und Badeordnungen eher akzeptiert worden »und Respekt wurde recht früh beigebracht«. Es sei wichtig, »alle in das System Freibad zu integrieren« - und das werde eher schwieriger, »Früher hat der Bademeister kurz gerufen oder gepfiffen, dann war Ruhe«, so Norwig, der 2012 seine Ausbildung begann, aber auch zuvor schon reichlich Einblick hatte. »Heute wird alles ewig diskutiert.« Diese Zeit fehle dann für den Überblick am Beckenrand als zentrale Aufgabe.
Gebe es Streit, hole er beteiligte Jugendliche immer zu sich. »Wenn man auf Augenhöhe mit ihnen spricht, fährt man damit relativ gut.« Er leitet auch Deeskalationsschulungen, scheint ein Gefühl für den richtigen Ton zu haben. »Es ist wichtig, dass Jugendliche nicht vor ihren Freunden bloßgestellt werden.«
Norwig ist ein Kerl wie ein Baum. Er weiß um seine mächtige Erscheinung und geht sensibel damit um: Wenn er sich frontal vor jemandem aufbaue, könne das bedrohlich wirken, sagt er - und stellt sich daher im Zweifel eher schräg zum Gegenüber. Eine kleine Geste, die einen Unterschied machen kann.
»Ich stehe immer mit einem Bein im Knast«, sagt Norwig. »Solange nichts passiert, ist alles gut« - passiere aber doch mal etwas, müsse er nachweisen können, der Aufsicht nachgekommen zu sein. Mit allzu knapper Besetzung wäre der Betrieb kaum zu stemmen, zumal wenn man Pausen einhalten will. »Wenn man nervös ist, macht man Fehler« - und die können in seinem Beruf im Extremfall Menschen die Gesundheit oder gar das Leben kosten.
Apropos: Wie vielen Menschen hat Norweg als Bademeister schon das Leben gerettet? »Ungefähr vier«, sagt er - in diesen Fällen hätten es die Betroffenen ohne ihn wohl nicht geschafft. »Aber bis jetzt ist alles gut gegangen.« Die Häufigkeit von Badeunfällen hänge von der Größe des Bads und der Besucherschaft ab. An der Tagesordnung sind laut Mirzai kleinere Malheure: Zeckenbisse und Bienenstiche, gefolgt von Schrammen. Notfälle im Wasser seien eine große Ausnahme.
Manche Bad-Besucher überschätzen sich laut Norwig - darunter etwa Menschen, die in ihrem Heimatland ohne Bäder-Infrastruktur aufgewachsen sind, nie Schwimmen gelernt haben. »Wenn man dann sagt: Bitte nur im Kinder-Bereich, ist das schwierig.«
Untersuchungen verdeutlichen, dass die Schwimmfähigkeit in Deutschland abnimmt, mehr Kinder als früher die Schule nicht als sichere Schwimmer verlassen. Das deckt sich mit Norwigs Eindruck: Die nötige Grobmotorik sei oft wenig ausgeprägt - und zudem der Schwimmbadbesuch für viele Familien inzwischen ein echter Kostenfaktor. Das ist problematisch, denn am Ende macht Gelegenheit Schwimmer.
Auch eine DLRG-Studie aus 2022 legt einen Zusammenhang zwischen finanziellen Ressourcen und Schwimmfähigkeit nahe. Demnach waren 49 Prozent der Kinder aus Haushalten mit einem Nettoeinkommen unter 2500 Euro Nichtschwimmer - bei Haushalten mit 4000 Euro und mehr betrug deren Anteil unter Kindern nur zwölf Prozent. »Ich merke bei Schwimmkursen, dass die Angst im Wasser größer wird«, sagt Wasserratte Norwig. Das besorgt ihn. »Kinder müssten eigentlich schon vorher ins Wasser.« Um zu erleben, dass es ein Element ist, in dem man Spaß haben kann - wenn man sich sicher darin bewegt.
Er tut, was er kann, um das zu vermitteln. »Ich habe schon circa 400 Kindern das Schwimmen beigebracht«, verrät der Lollarer stolz. »Es ist cool, wenn 15-Jährige dann vor mir stehen und sagen: Kennst du mich noch?« Nicht weniger freut ihn, wenn eine der »Stamm-Omis« selbstgemachte Marmelade mitbringt. »Man kriegt etwas an Wertschätzung zurück.«
Um ein guter Bademeister zu sein, ist laut Norwig »Spaß am Wasser« das A und O. Er versteht sich ein Stück weit auch als Entertainer - nicht nur als Show-Aufgießer in der Sauna (siehe Kasten). Unter anderem für das Lollarer Bad plant er auch Poolparties und verrät: »Eine Hausarbeit habe ich über die Planung von Kinder-Parties geschrieben.«
Auch Schwimmbäder müssten sich heute mehr denn je in Konkurrenz zu anderen Freizeiteinrichtungen und -beschäftigungen behaupten. »Ein Bad muss attraktiv für Familien sein«, betont Norwig - und Kommunen müssten bei der Gestaltung und Belebung ihrer Bäder mit der Zeit gehen. Sonst hilft auch der beste Bademeister wenig.
Info: Profi-Aufgüsse
Jan Norwig ist auch Sauna-Meister und seit Herbst 2023 im Sauna-Betrieb der Gießener Bäder tätig. Nicht nur dort, sondern auch überregional wird er für seine besonderen, oft von Showeinlagen begleiteten Aufgüsse geschätzt und betreibt eine kleine Firma in diesem Bereich. Er war auch schon bei deutschen Meisterschaften für Aufgießer dabei, schaffte es 2023 auf den sechsten Platz. Nicht zuletzt hat er sich ein Aufgusssieb patentieren lassen. jwr
