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Reichensachsen – Zehn Stolpersteine erinnern nun an die ehemaligen jüdischen Mitbürger in Reichensachsen.
Lautes Brechen von Pflastersteinen und Hammerschläge beim Verlegen der Stolpersteine waren zu hören, während Hans Isenberg die 67 Namen der von den Nazis ermordeten Reichensächser verlas. An zehn von ihnen erinnern seit Dienstag Stolpersteine vor der ehemaligen Mazzenfabrik in der Herrengasse 7 und vor dem Haus im Steinweg 40.
Gedenken
Seit 2003 erinnert ein Gedenkstein an der Langenhainer Straße an 33 jüdische Bürger Reichensachsens, die in der NS-Zeit deportiert wurden. Mehrere Einwohner Wehretals haben sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der jüdischen Geschichte beschäftigt und zu Familien recherchiert.
Die Verlegung der Stolpersteine wurde beim Freiwilligentag 2020 in Eschwege angestoßen. Kathrin Beyer von der Evangelischen Familienbildungsstätte – Mehrgenerationenhaus Werra-Meißner berichtete beim Putzen dortiger Gedenksteine von der damals entstehenden Initiative „Wehretal vereint“. Für Stolpersteine spenden wollte die Sparkassen-Versicherung-Generalagentur Torsten Breuer und Team.
Zusätzlich zu diesen fünf Steinen finanzierten die Familie Herzog, das Ehepaar Isenberg, Kathrin und Ralph Beyer sowie das Aktionsbündnis „Bunt statt braun“ die weiteren. „Ich bin glücklich, dass diese zehn Steine verlegt wurden“, sagt Kathrin Beyer. Positiv überrascht habe sie die gute Resonanz. Etwa 50 bis 60 Menschen waren zur Verlegung mit Künstler Gunter Demnig und dem Bauhof der Gemeinde erschienen. Engagierte Bürger, die evangelische Kirche, die Gemeinde sowie das Bündnis für Familie Wehretal gestalteten den Tag mit.
Nachfahren
Unter den Besuchern waren Paula Bradbury, Sally Cunningham und Margaret Brewer aus England. Sie sind Nachfahren der Familien Seelig und Spier, an die nun Stolpersteine vor der ehemaligen Mazzenfabrik erinnern. Sally Cunningham erzählte von ihrem Vater Hans Joachim „Jack“ Spier. Als Elfjähriger wurde er mit einem der Kindertransporte (1938 bis 1939) nach England gebracht und wusste damals nicht, dass er seine Eltern Rosel und Willi nie wieder sehen würde. Für die Schwestern sind die Stolpersteine in Treysa und Reichensachsen das einzige, was an ihre Vorfahren erinnert. „Für diese Menschen ist es unglaublich wichtig und für uns ist es auch wichtig, stolpern zu können“, weiß Kathrin Beyer.
Mit den Schicksalen dieser acht Vorfahren und des Ehepaares Albert und Nanny Stein, das im Steinweg 40 lebte, hatten sich neun Konfirmanden beschäftigt. Für Pauline, Jule, Maxim und Nikolas ist es ein sehr wichtiges Thema, wie die 13-Jährigen erklären. Gemeinsam mit Pfarrer Dirk Panke, Cornelia Otto, Johanna Werner-Balcke und Isenberg lernten sie mehr über die Menschen hinter den Namen. „Es war viel dichter“, sagt Nikolas darüber, dass sie sich mit Einzelschicksalen befasst und dazugehörige Orte in Reichensachsen besucht haben.
Am Nachmittag berichteten sie von ihnen und gedachten: „Mögen diese Steine uns dazu ermutigen, Brücken zu bauen, Vorurteile abzubauen und unser Zusammenleben im Sinne des allumfassenden biblischen Friedensbegriffs zu gestalten“, so Dekan Ralph Beyer.
Die Arbeit zur jüdischen Geschichte in Reichensachsen soll weitergehen. Spender für weitere Steine haben sich gemeldet. Isenberg würde sich eine Gruppe zu dem Thema wünschen.
Durch seine Recherchen hat er einem Nachfahren der Familie Stein geholfen, etwas über seine Großeltern und seine Wurzeln zu erfahren. Gelernt hat dieser so, dass er mit Jack Spiers Töchtern noch lebende Verwandte hat.
Von Eden Sophie Rimbach
