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Die Standortfrage und die Kosten machen den Stadtverordneten die Entscheidung schwer. Eine Analyse von Florian Leclerc.
Die Stadtverordneten in Frankfurt haben in der letzten Sitzung vor der Sommerpause wieder nicht über den neuen Standort für Oper und Schauspiel entschieden. Das liegt daran, dass es keine einfache Lösung gibt. Keine der drei Varianten für den Neubau der Bühnen ist ideal. Alle haben Vor- und Nachteile.
Für einen Neubau der Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz spricht die Kulturgeschichte des Ortes und die Möglichkeit, das denkmalgeschützte Wolkenfoyer in den Neubau zu integrieren.
Die Vorteile und Nachteile der Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz
Am Willy-Brandt-Platz, früher Theaterplatz, ist seit mehr als 120 Jahren ein Theater. Ab 1902 das historistische Schauspielhaus von Heinrich Seeling; ab 1951 das wiederaufgebaute Große Haus für Oper, Schauspiel und Konzerte durch die Architekten Apel, Letocha und Rohrer; ab 1963 die Theaterdoppelanlage vom Architekturbüro Apel und Becker (ABB).
Der Willy-Brandt-Platz ist fest im Bewusstsein der Frankfurterinnen und Frankfurter als Bühnenstandort verankert. Das Wolkenfoyer als charakteristischer Ausdruck der Architektur der Moderne steht seit 2020 unter Denkmalschutz. Vom alten Schauspielhaus und dem Großen Haus existieren noch erhaltenswerte Spolien. Die Stabsstelle Zukunft Städtische Bühnen geht allerdings davon aus, dass materiell nur zehn Prozent des Wolkenfoyers erhalten bleiben kann. Dessen Raumwirkung könnte gleichwohl mit neuen Materialien wiedergegeben werden.
Beim Neubau der Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz wäre kein Bebauungsplanverfahren nötig. In der Wallanlage müsste kein Baum fallen. Allerdings müsste die Stadt für die Zeit des Bauens zwei Interimsspielstätten ausfindig machen. Möglicherweise würde Frankfurt ähnlich wie Stuttgart auf eine Oper aus Holz setzen, die etwa am Rathenauplatz und Goetheplatz stehen könnte. Die Plätze fielen dann aber für Feste und Veranstaltungen weg. Das Bockenheimer Depot könnte Ausweichspielstätte für das Schauspiel werden.
Ein Nachteil, den die städtische Stabsstelle nennt: In der Doppelanlage, die mit der Oper an der Neuen Mainzer Straße gebaut werden könnte, gibt es den Angaben zufolge keinen Platz für die Dekorationswerkstätten und Probebühnen. Das scheint allerdings eine Frage des Raumprogramms zu sein, die sich im Architekturwettbewerb klären ließe. Die Werkstätten von 2013 sind bislang an der Südseite der Doppelanlage untergebracht und in Teilen noch in gutem Zustand.
Die Vorteile und Nachteile der Spiegelvariante
Bei der Spiegelvariante stellen sich andere Fragen. Diese Variante würde das Schauspiel in der Wallanlage an der Gallusanlage verorten. Die Wallanlage ist durch die Wallservitut, also die Regelung zum Schutz der städtischen Grünanlagen, geschützt. Für eine Bebauung wäre eine Ausnahmeregelung nötig.
16 alte Bäume, darunter ein mehr als 120 Jahre alter Bergahorn, fielen weg, ebenso die steinernen, im Sommer sehr beliebten Sitzbänke mit Blick auf die Bühnen. Die Blickachse von der Münchener Straße zum Rathausturm Langer Franz wäre durchbrochen, ebenso der Blick auf das frühere Hotel Fürstenhof an der Gallusanlage, nun Sitz der Commerzbank. Durch die Versiegelung in der Wallanlage stiege der Überhitzungseffekt, und die Frischluftzufuhr wäre gestört.
Vorteile wären, dass sich der Willy-Brandt-Platz durch die schräg gegenüber angeordneten Häuser neu gestalten ließe und auf dem Willy-Brandt-Platz, wo nur noch die Oper stünde, Raum für Grün hin zum Jüdischen Museum frei würde. Es wäre nur eine Interimsspielstätte nötig. Die Kosten wären im Vergleich zur Doppelanlage aber annähernd gleich.
Bei der Kulturmeile kämen Grundstückskosten hinzu. Bei dieser Variante zöge ein Bühnenteil an die Neue Mainzer Straße 47-51, wo derzeit das Hochhaus der Frankfurter Sparkasse steht. Falls die Sparkasse das Grundstück verkauft - einen Preis haben Stadt oder Sparkasse noch nicht genannt -, könnten die Oper oder das Schauspiel dort unterkommen; Beide Varianten wurden geprüft.
Die Vorteile und Nachteile der Kulturmeile
Möglich wäre auch, Oper oder Schauspiel und die Sparkasse zu einem Bank-und-Bühnen-Hochhaus zusammenzuführen, wobei das Alleinstellungsmerkmal Kulturort dieser Bühnen-sparte verloren ging. Dem Eingriff in die Wallanlage fielen bei der Kulturmeile 17 alte Bäume zum Opfer. Dafür entstünde eine große Grünfläche am Willy-Brandt-Platz hin zum Jüdischen Museum. Wegen der Baulogistik wäre der Abriss des Sparkassenhochhauses erst ab 2028 möglich: Bis 2028 wird nebenan an der Neuen Mainzer Straße 57-59 der 205 Meter hohe Central Business Tower gebaut.
Vorteile der Kulturmeile: Sie ist die Variante mit dem meisten neuen Grün. Die Frankfurter Kulturorte Alte Oper, Oper, Schauspiel, Jüdisches Museum wären an einem Band aufgereiht - beim English Theatre ist der Verbleib im Gallileo-Hochhaus weiterhin zu hoffen.
Werkstätten und Probebühnen wären wie bei der Spiegelvariante integriert. Verkehrlich wäre die Kulturmeile mit der S-Bahn-Station Taunusanlage und der U-Bahn-Station Alte Oper gut angebunden; der Willy-Brandt-Platz ist hervorragend erschlossen.
Das Problem der hohen Kosten
Ein Hauptgrund, warum sich die Koalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt noch nicht auf einen Standort geeinigt hat, sind die Kosten. 700 Millionen Euro sollten es Stand 2017 sein. 1,3 Milliarden Euro sind es jetzt. Jedes Jahr, in dem sich der Baubeginn verzögert, kommt ein zweistelliger Millionenbetrag hinzu.
Solche Summen können Stadtverordnete, die ehrenamtlich arbeiten, durchaus überfordern. Das Land Hessen hat bislang keine Zeichen gegeben, dass es sich mit Zuschüssen für die Kultur oder einen Staatstheatervertrag an den Kosten beteiligen will.
Der Neubau der Bühnen ist komplex. Gleichwohl: Spätestens nach der Sommerpause muss sich die Koalition festlegen, damit die Stadtverordneten das Für und Wider verhandeln können.
