Christopher Street Day

CSD-Parade 2024 in Frankfurt: Extrem stolz und extrem liebevoll

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Mit einer riesigen Regenbogenfahne sind Teilnehmer und Teilnehmerinnen des CSD in der Frankfurter Innenstadt unterwegs.
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Frankfurt feiert seinen Christopher Street Day 2024 ausgelassen, bunt und würdevoll. Bei der großen CSD-Parade sind 13.000 Menschen auf der Straße.

Frankfurt – So, ihr süßen Zuckermäuschen und Sahnehäubchen – Moment, Moment, so begrüßen wir unsere Leserinnen und Leser und alle dazwischen zwar auch am liebsten, aber hier ist es natürlich ein Zitat: „So, ihr süßen Zuckermäuschen und Sahnehäubchen“, jetzt also mit den gebührenden Anführungszeichen – das ist der extrem liebevolle Auftakt zur Moderation des Christopher Street Day (CSD) am Samstagnachmittag (10. August) auf der Kulturbühne am Regenbogenkreisel in Frankfurt zwischen Alter Gasse und Großer Friedberger Straße.

Und dann steht auch schon Moritz Bierbaum auf der Bühne, extrem bekannt aus „Deutschland sucht den Superstar“ und besonders als Hauptdarsteller des Musicals „Der kleine Prinz“. Am Samstag singt er unter anderem „I can buy myself flowers“ von Miley Cyrus und „Achterbahn“ von Helene Fischer. Das Publikum ist extrem begeistert. Aber das ist es schon spätestens seit 11.09 Uhr.

CSD in Frankfurt 2024: Songs von Helene Fischer und Miley Cyrus begeistern das Publikum

Da weht nämlich die bunte Pride-Flag ganz offiziell am Balkon des Frankfurter Römers, weithin sichtbares Zeichen dafür, dass die lesbisch-schwule-bi-trans-queer-intersexuelle Gemeinschaft (englisch: LGBTQI) am Wochenende das Sagen hat. Pride heißt stolz – und stolz ist auch Christian Setzepfandt, ehrenamtliches Magistratsmitglied und Aids-Hilfe-Vorstand, als er die extrem Demonstrationswilligen auf dem Römerberg im Namen der Stadt begrüßt.

„Ich bin stolz, dass ihr hier seid und so fest beieinander steht“, sagt Setzepfandt. „Stolz auf euch, dass ihr Frankfurt bunt macht.“ Die Menschen schwenken Regenbogenfahnen und Schilder, auf denen steht, dass sie extrem sind. „Extrem engagiert“, „extrem selbstbestimmt“, „extrem hoffnungsvoll“, „extrem normal“ sind sie den Schildern zufolge. Warum? Weil in Russland die LGBTQI-Gemeinschaft per Gerichtsbeschluss als extremistisch eingestuft wurde.

Frankfurts Antwort darauf, aber als CSD-Motto: „Wir sind extrem – liebevoll“. Oder wie es ein weiteres Plakat zum Ausdruck bringt: „Wir sind extrem stolz – Bitch“.

„Wir sind extrem – liebevoll“: Christopher Street Day 2024 in Frankfurt laut und bunt

Heiß ist es auf dem Römerberg, nicht nur wegen der einfallsreichen Kostümierung, und deshalb ist die kurios lange Schlange, die sich dort bildet, keine extreme Anstell-Schlange, sondern dem Schatten des Nikolai-Kirchturms zu verdanken. Setzepfandt erinnert an die Anfänge der Christopher-Street-Day-Bewegung vor 55 Jahren, als die Menschen sich in New York dagegen erhoben, dass es immer wieder Razzien gegen Homosexuelle gab – etwa im „Stonewall Inn“ an der Christopher Street. In Frankfurt begann alles etwas später, 1992, mit einem kleinen Fest in der Klingerstraße. „Schaut euch an, was daraus geworden ist“, ruft er der bunten großen Menschentraube vor dem Rathaus zu, „hier gehören wir hin!“ Jubel, Seifenblasen, Kusshände, Liebe. „Nichts ist daran verwerflich, liebevoll zu sein mit den Menschen, mit denen wir das wollen“, sagt Setzepfandt. „Verrückt, dass man das 2024 immer noch sagen muss“, raunt einer im Publikum. „Aber immer noch nicht weltweit Konsens“, raunt einer zurück.

Der CSD in Frankfurt

Den ersten CSD in Frankfurt gab es 1992. Damals organisierte die Dachorganisationen aller für die Interessen homosexuell orientierter Menschen arbeitenden Frankfurter Vereine das erste Solidaritätsfest für homosexuelle Frauen und Männer. Als Abschluss einer Aktionswoche gab es ein Straßenfest in der Klingerstraße mit mehr als 1000 Besuchern und Besucherinnen.

Ein Jahr später stieg diese Zahl bereits auf mehr als 4000 an. 1994 kamen mehr als 10 000 Menschen, nun wurde auch die angrenzende Allerheiligenstraße mit einbezogen.

2023 lag die Zahl der Besucher und Besucherinnen bei rund 15 000.

Infos lassen sich online unter www.csd-frankfurt.de finden, auch eine Chronik ist einzusehen. bö

„Der Kampf ist leider noch lange nicht gewonnen“, sagt Staatssekretärin Katrin Hechler (SPD), die für die Landesregierung dabei ist. Wie einst die Frauenbewegung sei die queere Community wichtig für die Gleichberechtigung aller Menschen, wie sie das Grundgesetz garantiert. „Es ist eine Stärke unserer Gesellschaft, dass wir so bunt sind“, sagt Hechler. „Das müssen wir verteidigen.“ Etwa durch das Selbstbestimmungsgesetz in Bezug auf das eigene Geschlecht. Dass es im Frankfurter Standesamt seit Anfang August ohne größeres Tamtam möglich ist, das eigene Geschlecht nach dem eigenen Willen eintragen zu lassen, wird von allen auf dem Römer einhellig bejubelt. „Engagieren Sie sich weiter“, ruft Hechler auf, „zeigen Sie Sichtbarkeit, trotzen Sie denen, die versuchen, uns in Schubladen zu stecken.“

CSD in Frankfurt: „Alles, was es braucht, ist unsere Stimme“

Die Courage derer, die die Rechte für die Community mit großem Einsatz und großem Leid vor so vielen Jahren erkämpft haben, „sie ist heute unser Antrieb“, sagt Basti, ein ganz besonders bunter junger Mann aus dem CSD-Orga-Team. Demos wie diese könnten den Unterschied machen: „Alles, was es braucht, ist unsere Stimme.“

Buntes Herz auf grauem Körper.

Aber auch gute Musik und gute Laune, wie er hinzufügt, extrem gute Laune, besonders, als er allen rät, sich gegen die Sonne gut einzucremen – „nehmt euch ein Beispiel an mir!“ Er ist von Kopf bis Fuß in allen Regenbogenfarben bemalt. Die Bilder von heute sollten sich in die Netzhaut einbrennen für ein großes Miteinander, wünscht sich Basti. „Seid das Vorbild für die Gesellschaft, wie ihr sie gern hättet!“

Das befolgt beim großen, extrem bunten, extrem lauten Umzug durch die City etwa eine Gruppe von Krankenschwestern … Krankenbrüdern … wie soll man sagen … ja: von Krankengeschwistern, die unter dem Titel „AfD“ auftreten: „Anti-faschistische Desinfektion“. Ein Wesen, das als rosafarbenste Gestalt des Tages nicht zu übertreffen sein dürfte, eine Kombination aus Mensch und Flamingo, trägt das Plakat: „Es ist o.k., verschieden zu sein“.

Frankfurt feiert Christopher Street Day„Vielfalt ist für uns alltäglich“

Extrem o.k. Die tollsten Engel sind beim Zug dabei. Bislang für unmöglich gehaltene Frisuren. Delegationen aus Wiesbaden, Offenbach und Limburg. THW, Feuerwehr, Fraport, zahlreiche Banken, die hessische Finanzverwaltung, alle extrem verschieden, alle extrem liebevoll. Fraport, ADAC: Viele freilich auch extrem motorisiert und daher extrem Diesel-selig auf dem Mainkai, bis das Ganze endlich ins Rollen kommt. Die Frankfurter Stadtverwaltung: „Vielfalt ist für uns alltäglich“. Das US-Konsulat: „Love is love“. Die CDU Hessen: „Liebe ist Liebe – dafür stehen wir ein“. (Gern auch in Sachsen Bescheid geben. Extrem wichtig.) Die Jusos: „Vielfalt rein – Nazis raus“. Eintracht Frankfurt: „Für Vielfalt & Toleranz – auf und neben dem Platz“.

Buntes Selfie vor dem Römer.

Mit ihren Motorrädern sind die „Dykes on Bikes“ unterwegs. Für alle, die ebenfalls extrem neugierig sind und extrem ungebildet wie manche Zeitungsreporter und sich fragen: Was heißt eigentlich Dykes, hier bitte: „Lesben“, antwortet eine der Fahrerinnen. Wieder was gelernt.

Kostenlose Umarmungen sind am Samstag überall zu haben. Schilder weisen darauf hin, mitunter gibt es sogar Küsse im Sonderangebot. Extrem liebevoll eben, diese Angelegenheit CSD.

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