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Kathrin Şahin und ihr Ehemann Can leben mit ihren drei Kindern in einer Einzimmerwohnung in Frankfurt. Ihr Leben in dem ungewöhnlich Familienheim teilen sie auf Instagram.
Frankfurt – Kathrin Şahin ist Minimalistin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und drei Kindern führt sie in Frankfurt ein Leben, in dem sie sich nicht von Konsum leiten lassen möchte. „Wir haben so viel wie nötig und vielleicht ein kleines bisschen mehr“, schreibt sie in einer Instagram-Story. Auf ihrem Kanal (@frau.wonnevoll) verfolgen ihre 67.000 Follower ihren Alltag. Minimalismus und Nachhaltigkeit stehen hier im Mittelpunkt. Immer wieder gibt sie Tipps für einen verantwortungsvolleren und bewussteren Konsum. Dabei legt Kathrin Şahin Wert darauf, keinen Druck auszuüben. Sie betont immer wieder, niemandem etwas aufzwingen zu wollen. Es ginge vielmehr darum, ein Bewusstsein zu schaffen.
Die Familie nutzt jede freie Fläche ihrer Einzimmerwohnung, auch Tiny Flat genannt. Möbel werden multifunktional eingesetzt, die klassischen hohen Altbauwände mit Regalen bestückt. So wird das Sofa, das aus zwei Matratzen besteht, abends zum Bett umfunktioniert und der Wäscheständer mit einer Art Flaschenzug einfach unter der Decke gelagert. Im Flur führt eine Treppe zu einer zweiten Ebene, die ganz den Kindern gehört.
Familien in Frankfurt: Mit der Hälfte der Fläche nur noch die Hälfte der Besitztümer
Natürlich mussten die Şahins genau darüber nachdenken, welche Sachen sie in ihrer neuen Wohnung wirklich brauchen. Kathrin Şahin erzählt auf Instagram, dass der Prozess des „Ausmistens“ sehr langwierig war. Nach dem Entschluss zum Auszug aus dem alten Familienheim mit drei Zimmern und 76m2 im Dezember 2020, dauerte es neun Monate, bis alle für sie nicht mehr notwendigen Artikel verkauft, verschenkt oder entsorgt waren.
Es sind nur Gegenstände. Die schönen Erinnerungen dazu trage ich in mir.
Zum Aussortieren etablierte Şahin eine klare Leitlinie: alles, was seit sechs Monaten nicht mehr genutzt wurde, wird sie nicht in die neue Wohnung begleiten. Schritt für Schritt arbeitete sie sich durch jedes Zimmer und jeden Schrank. Um ihre Besitztümer getrauert habe sie dabei nicht. „Es sind nur Gegenstände. Die schönen Erinnerungen dazu trage ich in mir“, schreibt sie auf Instagram. Sie orientierte sich dabei auch an der Methode von Marie Kondo, die schon 2018 in ihrer Netflix-Doku dafür einstand, nur zu behalten, was persönlich glücklich mache.
Kathrin Şahin zeigt in Frankfurt: Minimalismus mit Kindern heißt nicht gleich Verzicht
Für die Kinder sei der Umzug kein Problem gewesen. Kathrin Şahin betont immer wieder, dass die Entscheidung im Familienverbund getroffen wurde – ohne Druck der Eltern. Über mehrere Wochen haben sie einen offenen Austausch geführt, bis sie sich letztendlich kollektiv auf den Umzug geeinigt haben. Trotzdem sei es den Kindern anfangs etwas schwergefallen, sich von bestimmten Gegenständen zu trennen, weshalb viele der Sachen, die mit ihnen umzogen, zunächst den Kindern gehörten.
Ein minimalistischer Lebenswandel heiße aber keinesfalls Verzicht. Die Familie habe einfach ihre Prioritäten verlagert: von materialistischem Besitz auf gemeinsame Erlebnisse. Highlights wie Geburtstagspartys oder Adventskalender gehören aber nach wie vor zu ihrem Leben – nur eben mit verantwortungsbewusstem statt überstürztem und willkürlichem Konsum.
Kathrin Şahin erzählt, dass sich ihre beiden ältesten Kinder ganz automatisch ein Beispiel an den Eltern genommen haben und sich das Konsumbedürfnis, von allein reduziert habe. Trotzdem dürfe jedes Kind weiterhin sein Spielzeug selbst aussuchen und jeden Wunsch äußern. Auf keinen Fall solle das Gefühl entstehen, sie müssten auf etwas verzichten. Allerdings möchte die Familie Spontankäufe verhindern und wägt deshalb vor jeder Kaufentscheidung genaustens die Vor- und Nachteile ab.
Aktuell reicht die Einzimmerwohnung in Frankfurt noch aus
In jeder Familie gibt es Streitigkeiten, da sind auch die Şahins keine Ausnahme. Aktuell reiche die Einzimmerwohnung noch aus, um sich auch mal zurückzuziehen – dieses Bedürfnis sei allerdings bei keinem Familienmitglied besonders ausgeprägt und die Beziehung zu ihrem Ehemann sei seit dem Umzug nur stärker geworden. In einem Post schreibt Kathrin Şahin aber auch, dass den Kindern jederzeit die Entscheidung zustehe, mit der Familie wieder in eine größere Wohnung zu ziehen. Die Tiny Flat sei von Anfang an nicht für die Ewigkeit bestimmt gewesen und werde sicherlich irgendwann zu eng – vor allem, sobald die Kinder das Teenager-Alter erreichen.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist bereits in der Vergangenheit erschienen. Er hat viele Leserinnen und Leser besonders interessiert. Deshalb bieten wir ihn erneut an.
Bisher sei die Familie in ihrem besonderen Heim aber sehr zufrieden und findet immer wieder die kreativsten Lösungen, um den begrenzten Platz bestmöglich auszunutzen. Wenn jeder Gegenstand an seinem festen Ort bleibt, entstehe auch kein Chaos, schreibt Şahin auf Instagram. Das Leben in der Einzimmerwohnung ermögliche der Familie eine Ersparnis von 1/3 ihrer Gehälter. Damit haben sie sich die Möglichkeit geschaffen, mehr Urlaube und Ausflüge zu unternehmen. Die gemeinsam verbrachte Zeit sei ihnen viel mehr wert als jeder materielle Besitz. (Maibrit Schültken)
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