VonKathrin Rosendorffschließen
Handelsexperte Joachim Stoll entdeckt bei einem Rundgang auf der Frankfurts Einkaufsmeile Attraktionen wie Roboter, die Kaffee bringen. Um die Zeil mache er sich keine Gedanken. In Zukunft gäbe es weniger supergroße Verkaufsflächen, dafür eine Ansammlung mittelgroßer Spezialanbieter, mehr Gastro und Entertainment.
Im Restaurant Big Chefs ganz oben im Frankfurter Einkaufszentrum MyZeil kommen Roboter mit Katzengesichtern an die Tische gefahren: „Hier ist Ihre Bestellung“, sagt der Katzen-Roboter zu den Gästen. Alleine ist er aber nicht unterwegs. Denn die menschliche Bedienung holt das Tablett, das ordentlich in der Mitte des Roboters mit vielen weiteren Tabletts einsortiert ist, heraus und schenkt Wasser aus der Flasche in die Gläser ein. „Big-C“ heißen die Roboter, die es seit einem Jahr hier gibt. Sie fahren später auch das schmutzige Geschirr zurück in die Küche. „Miau“ steht auf ihrem Hinterkopf. Bestellen und bezahlen muss man aber weiterhin bei der menschlichen Bedienung. Joachim Stoll, Vizepräsident des Handelsverbands Hessen-Süd und Vizepräsident des Einzelhandelsausschusses der Industrie- und Handelskammer Frankfurt sitzt an einem der Tische.
Er hat das Restaurant an diesem Tag beim Rundgang auf der Zeil zufällig entdeckt und sagt, er sei positiv überrascht: „Ein Roboter, der uns den Kaffee bringt, ist eine weitere Attraktion, die die Leute in die Frankfurter Innenstadt lockt.“
Überhaupt sieht er den Wandel der Einkaufsmeile Zeil positiv: „Ständig gibt es einen neuen Grund, auf die Zeil zu kommen. Ob die bis Oktober verlängerte Wanderausstellung „The Art of Banksy“ im ehemaligen Esprit-Haus oder auch die kürzlich sehr erfolgreiche Ausstellung mit Original-Kostümen der südkoreanischen Band BTS in den oberen Etagen von Galeria Kaufhof sind weitere Beispiele“, sagt Stoll. Er betont: „Um die Zeil mache ich mir keine Gedanken, weil sie sich anpassen wird an die Notwendigkeiten. Das bedeutet, in Zukunft gibt es weniger supergroße Verkaufsflächen, dafür eine Ansammlung mittelgroßer Spezialanbieter, mehr Gastro und Entertainment. Als Beispiel nennt er eine ehemalige Verkaufsfläche in der Galeria Kaufhof, die heute mietbare Aktionsfläche ist.
Im MyZeil gibt es ab dem zweiten Stock, einige abgeklebte, leerstehende Läden. „Je höher, je schwerer ist es für den Einzelhandel.“ Überhaupt sagt Stoll, sei der Konsum seit Ausbruch des Ukraine-Krieges On- und Offline weniger geworden. Oben in der Restaurantetage eröffnet auf der Fläche mit Dachterrasse (800 Quadratmeter) im November die Pizza-Kette L’Osteria. Neu im Erdgeschoss hat Foot Korner, das auf Streetwear spezialisiert ist, eröffnet. Was sagt Stoll dazu, dass Traditionsläden wie der Herrenausstatter Eckerle, dem die Miete auf der Zeil zu teuer geworden ist, oder die Berufsbekleidung Sauer an der Fahrgasse/Ecke Töngesgasse schließen werden, weil sie in Rente gehen und keine Nachfolge fanden? „Geschäftsschließungen gehören zum Veränderungsprozess.“ Snipes, die Sneaker-Tochter von Deichmann, wird 2024 die Räumlichkeiten der Eckerle-Filiale übernehmen. „Sneaker gehen anscheinend sehr gut“, sagt Stoll. „Allein auf der Zeil gibt es Footlocker, Deichmann und den Adidas Store.“
Es gibt überhaupt Läden, die die Leute ziehen: An diesem Tag sitzen auf Campingstühlen junge Männer gegenüber des „Swatch“-Ladens unweit der Hauptwache und warten. Es gibt sogar Absperrbänder wie am Flughafen und Sicherheitspersonal. Der Grund: Ein neues Modell der Swatchuhren wird am nächsten Tag hier verkauft. Dafür übernachten die Männer, die auch aus Städten wie Mannheim angereist sind, hier auf der Zeil. „Wir kaufen dieses Modell für 390 Euro und verkaufen es dann für 8000 bis 1800 Euro. Von dem Geld kaufe ich mir dann auch selbst eines der Modelle“, sagt einer der jungen Männer. Immer wieder gibt es Schlangen vor dem Swatch-Laden. Stoll sagt: „Das sind hochengagierte Kunden. Die Innenstadt als Place to be. Es ist doch toll, dass es noch Läden gibt, die es schaffen, Leute so zu begeistern, dass sie Schlange stehen. Und wer sagt denn, dass es für eine Ausstellung im Städel anzustehen okay ist, aber vor einem Uhrenladen nicht?“ Auch ein Anziehungspunkt sei das im August eröffnete Zalando Outlet. „Optisch ist das kein Schmuckstück, aber ein Name, der zieht.“
Auch Nebenstraßen der Zeil wie die Stephanstraße mit besonderen Läden wie dem dänischen Designer-Möbelläden Bo Concept seien wichtig für die Zeil: „Es ist gut, dass diese Läden hier und nicht auf der Hanauer Landstraße sind. Da gehen Leute nach ihrem Einkauf auch weiter in der Innenstadt einkaufen.“ Auch beliebt und wichtig seien mittelgroße Spezial-Läden wie 43einhalb in der Stiftstraße, der besondere Sneakermarken verkauft.
Unweit davon, auf der früheren Fläche des abgerissenen Frankfurter-Rundschau-Hauses am Eschenheimer Tor, präsentieren sich mehrere E-Automarken wie das chinesische „NIO House“. Tritt man ein, gibt es Überraschendes zu entdecken, unter anderem ein Café, das öffentlich ist. Ein Mitarbeiter sagt: „Man kann bei uns auch Seminar- und Meetingräume buchen und kostenlos nutzen. Und lädt man unsere App herunter, kann man auch kostenlos an Events wie Salsa Nights oder Fitnesskursen teilnehmen. Es gibt sogar Babysitting. Wir wollen eine eigene Comunity aufbauen.“ Stoll sagt: „Eine interessante und überraschende Idee, auch wenn das sicherlich nicht alle Menschen ansprechen soll, sondern schon welche, die auch an E-Autos interessiert sind.“
Unschön und eben auch unattraktiv findet Stoll, dass seit der Pandemie der Zara an der Konstablerwache und einige der Nachbarläden leerstehen. „Gerade laufen Verhandlungen wegen der Neuvermietung“, sagt Aniko Korsos, Expertin für die Vermietung von Einzelhandelsflächen beim Maklerhaus JLL der FR.
Nebenan ist der Schweizer Schokoladen Läderach. Noch. Denn schon seit 2017 wollen sie, wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilt, auf die Freßgass: „Die neue Filiale planen wir noch dieses Jahr am Rathenauplatz 1 zu eröffnen. Die Filiale an der Zeil bleibt voraussichtlich bis im Frühling 2024 – für ein paar Monate werden wir also mit zwei Standorten in Frankfurt vertreten sein.“
Wenige Schritte weiter wird im ehemaligen Pimpkie unweit des Brockhausbrunnens gerade umgebaut. Noch in diesem Jahr soll hier ein Franchise-Restaurant das Döner- und Soulfood-Restaurant Tastyy eröffnen, wie eine Sprecherin berichtet.
Im ehemaligen Karstadt hat derweil das Modehaus Aachener mit einem Sonderverkauf von Sportmarken und Fahrrädern im Erdgeschoss begonnen. Voraussichtlich am 19. Oktober soll nach dem Umbau die offizielle Eröffnung des Warenhauses „Aachener Department Store“ folgen. Die notwendigen Umbauarbeiten dauerten länger als geplant, teilte der Geschäftsführer Friedrich-Wilhelm Göbel am Dienstag mit.
Und was sagen die Kund:innen zur Zeil? Eine junge Frau meint: „Ich gehe gerne auf der Zeil spazieren, aber ich shoppe lieber online. Ich habe zu wenig Zeit zum Bummeln.“ Lukas (16) und sein Schulfreund Ali (15) sagen, dass sie auch zwar online shoppen. „Aber Klamotten und Schuhe kaufen wir schon auf der Zeil. Wir gehen zu H&M, Bershka, Footlocker. Gleich gehen wir auch um die Ecke noch einen Burger essen.“
Gerade bei P&C einkaufen war ein 46-jähriger Frankfurter, der mit dem Rad auf die Zeil gekommen ist. „Ich kaufe nicht gerne online ein. Ich komme auf die Zeil seit meiner Kindheit. Für mich ist sie immer gleich.“


