Gemeinschaftsprojekt

Frankfurter Bahnhofsviertel: Stadtreiniger unter Polizeischutz - Doch Änderungen stehen an

+
Ein alltägliches Bild: Ein obdachloser Drogenabhängiger schläft mitten am Tag mit seiner Jacke bedeckt auf der Kaiserstraße. Seine Tasche steht unbeaufsichtigt neben ihm. Die Mülltonne quillt über.
  • schließen

Die Bauarbeiten rund um den Hauptbahnhof Frankfurt und ein neuer Drogenmix verschärfen die bestehenden Probleme. Doch langsam kommt die Umsetzung des Züricher Wegs in die Gänge.

Frankfurt - Wenn Cornelia Bensinger auch nur in die Nähe des Hauptbahnhofs Frankfurt kommt, wird sie sauer. Jahrelang hat die Sachsenhäuser Architektin dafür gekämpft, die Neue Altstadt so originalgetreu wie möglich wieder aufzubauen, um einen Ort zu schaffen, mit dem sich die Frankfurter identifizieren können. "Und jetzt sieht's am Bahnhof aus wie im Harlem der 70er Jahre. Die Drogenabhängigen liegen auf dem Trottoir direkt neben der Straße, alles ist voller Müll, überall herrscht Not und Verzweiflung. Und das am Eingang zur Stadt."

Schon seit der Umbau des Hauptbahnhofs vor einigen Monaten richtig losgegangen sei, gehe das so. "Und ich sehe nicht, dass sich etwas ändert. Man muss sich fast schon schämen, ein Frankfurter zu sein." Dafür, wie es aussehe. Und dafür, wie mit den drogenabhängigen Menschen im Bahnhofsviertel umgegangen werde. Dabei sollte gerade eine "aufgeklärte und sozial orientierte Stadt" wie Frankfurt sich darum kümmern, dass sie nicht immer mehr verwahrlosten. "Wir müssen den Mut haben, das ganz neu anzupacken."

Frankfurter Bahnhofsviertel: Gereinigt wird mit Polizeischutz

Unterstützung bekommt Bensinger von unerwarteter Seite. Bisher klang Stefan Röttele, Sprecher der FES, vorsichtig optimistisch, wenn er über die Entwicklung des Bahnhofsviertels sprach. Jetzt sagt er: "Die Abwärtsentwicklung des Stadtteils kann ich grundsätzlich bestätigen. Sie liegt aber sicher nicht in den Reinigungsintervallen begründet. In keinem anderen Stadtteil wird so viel gereinigt wie im Bahnhofsviertel."

Im vergangenen Sommer seien sowohl die Reinigungsintervalle als auch die Papierkorbdichte noch einmal erhöht worden. "Die FES reinigt dort im Prinzip durchgängig von frühmorgens bis abends spät." Doch mittlerweile komme es immer öfter zu Übergriffen auf die Mitarbeiter. Einige Arbeiten, etwa die nachmittägliche Reinigung, würden ohne Polizeischutz gar nicht mehr ausgeführt. "Wir benötigen diesen Schutz dringend und durchgängig auch für die tägliche Frühreinigung."

Dabei teilen sowohl die Stadt-, die Landes- und die Bundespolizei als auch die DB Sicherheit mit, dass sie ihre Sicherheitsmaßnahmen bereits verstärkt haben. Immerhin: Die Kriminalitätsrate rund um den Bahnhof sei trotz der vielen Menschen auf dem Vorplatz nicht gestiegen, sagt ein Sprecher der Bundespolizei. Tatsächlich hielten sich dort auch gar nicht mehr drogenabhängige oder obdachlose Menschen auf als sonst, sagt Sicherheitsdezernentin Annette Rinn (FDP): Durch die Baumaßnahmen und die gesperrten Abgänge zur B-Ebene seien sie nur sichtbarer geworden.

Drogen und Hilfen ziehen Menschen nach Frankfurt

Bensingers Forderung, die Szene von dort wegzuverlagern, scheitere schon an der Frage wohin, sagt Kirsten Gerstner, Sprecherin von Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne). Man könne sie schließlich nicht einfach ins Ostend oder nach Heddernheim schicken. Und auch der Rest der Welt scheide aus: "Wir bringen die Leute ja zurück, nach Hofheim, Offenbach oder sogar ins Ruhrgebiet, aber am nächsten Tag sind sie wieder da, weil es hier die Drogen und die Hilfsangebote gibt."

Und das führe genau ins Zentrum des Problems. Denn lange Zeit war das Schlagwort für die neue Herangehensweise, die sich Bensinger wünscht, "Züricher Weg". Nur, dass der Züricher Weg nicht einfach so auch der Frankfurter Weg werden könne, sagt Gerstner. Erstens, weil in Zürich das Umland kooperiere und eigene Hilfsangebote eingerichtet habe, in Frankfurt nicht. Zweitens, weil in Zürich der sogenannte Ameisenhandel erlaubt ist, das Dealen mit Kleinstmengen innerhalb der Drogenhilfeeinrichtungen also legal ist, was den dortigen Handel ganz anders kontrollierbar macht. Und drittens, weil sich in Zürich 60 Mitarbeiter um die Drogenszene kümmern, das Frankfurter Pendant OSSIP aber nur sechs Mitarbeiter hat, plus 50 Polizeikräfte und zwei Sozialarbeiter der Obdachlosenhilfe und des Jugendamts.

Stadt Frankfurt fehlt der Spielraum

Was übertragbar war, habe man aber umgesetzt, sagt Gerstner: Zu Beginn des Jahres wurde OSSIP umgestaltet, unter anderem sind die Mitarbeiter nun besser erkennbar. Und das sei nur die erste Stufe eines neuen "Konfliktmanagements im Bahnhofsviertel": "Unser Ziel ist es, die schwerstkranken Menschen ins Hilfesystem zu bringen und damit auch Brücken aus dem Bahnhofsviertel in das breite Netzwerk der Eingliederungs- und Drogenhilfe in der gesamten Stadt zu bauen." Brücken aus dem Viertel hinaus statt in ein anderes hinein also.

Doch das sei schwieriger geworden, sagt Gerstner. Zum einen, weil mehr Menschen als früher mehrere Drogen gleichzeitig konsumierten. Das schädige die Gesundheit noch stärker, auch nähmen dadurch psychische Probleme zu. "Die Menschen sind oft in so desolatem Zustand, dass sie die Hilfsangebote gar nicht annehmen können oder wollen und wir können sie nicht zwingen", sagt Gerstner. Zudem würden die Menschen älter und brauchten Pflege. Nun kämen verstärkt traumatisierte Geflüchtete aus der Ukraine hinzu. Außerdem fehle der Stadt der Spielraum, Dinge auszuprobieren, zum Beispiel niedrigere Hürden bei der Substitution oder die Legalisierung von Cannabis.

Frankfurt will die Probleme großflächiger anpacken

Mittelfristig soll - ebenfalls parallel zu Zürich - der Blick geweitet werden: Je mehr Partyvolk, desto mehr Vermüllung. Je mehr Geschäfte durch Kioske ersetzt werden, desto mehr Alkohol im Viertel. Je mehr Essen von Freiwilligen verteilt wird, desto seltener besuchen die Drogenkranken die Hilfseinrichtungen. Sinnvolle Lösungen müssten also viele andere Bereiche mit einbeziehen.

Um diesen Kommunikationsprozess zwischen den Beteiligten zu vereinfachen, soll in Kürze mitten im Viertel ein Steuerungs- und Koordinierungsbüro eröffnet werden, das auch die Bürger mit einbeziehen will. "Daran arbeiten wir seit einigen Monaten dezernatsübergreifend", sagt Sicherheitsdezernentin Rinn. Nach und nach wird der Züricher Weg also doch ein Frankfurter Weg werden. Aber nicht umsonst: In der Schweiz kosten die Kümmerer umgerechnet mehr als vier Millionen Euro pro Jahr. (Sarah Bernhard)

Kommentare