Tierschutz

Frankfurt: Das Elend mit den Streunern

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Simone Faust und einer ihrer Schützlinge im Katzenhaus des Frankfurter Tierheims.
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Zu viele Katzen auf den Straßen, ständige Gefahr für Vögel: Tierschutzorganisationen fordern eine Kastrationspflicht.

Vorige Woche hat die Frankfurter Mauerseglerklinik eine seltene Patientin aufnehmen müssen: ein Ziegenmelkerweibchen, auch Nachtschwalbe genannt, rar in Deutschland, Bodenbrüter. Der Vogel hatte unzählige Katzenbisse im Bauch, sein Leben war nicht zu retten.

„Wir sind traurig und wütend“, klagt das Klinikpersonal um die Tierärztin Christiane Haupt, die in diesem Jahr schon wieder mehr als 100 verletzte Individuen der eigentlichen Zielgruppe behandelt hat: Mauersegler. Die haben auch ihre Probleme, aber der Klinik geht es in diesem Fall um alle Vögel: Millionen von ihnen fielen streunenden Katzen zum Opfer. Zumindest während der Brut- und Setzzeit sollten sie von ihren Besitzerinnen und Besitzern im Haus behalten werden, fordern Vogelschützer schon länger – und die schiere Zahl der Streuner gelte es durch Kastration zu begrenzen.

Letzterem stimmt Simone Faust zu, die stellvertretende Leiterin des Frankfurter Tierheims, auch wenn sie einschränkt, nicht nur Katzen seien schuld an der lebensbedrohlichen Lage für Vögel – Krähen, Eichhörnchen und Waschbären trügen als Nesträuber ihren Teil dazu bei.

Aber fest steht: Es gibt zu viele Katzen auf den Straßen. Das bedroht nicht nur die Vögel, es führt auch für unzählige Katzen selbst in die Not. Erst kürzlich berichteten mehrere Tierschutzvereine aus Frankfurt und Rhein-Main von „Streunerelend“ und einer alarmierenden Situation etwa in Kleingartenanlagen. Auf 18 000 werde die Zahl in Frankfurt der Streunerkatzen geschätzt. Das Ausmaß der Katzenpopulation sei schockierend, sagt Sirikit Treiling, die Vorsitzende des Vereins Felina Sicily, der für eine Katzenschutzverordnung eintritt: Wer seine Katze nach draußen lässt, muss sie kastrieren und registrieren lassen. Einige Städte und Gemeinden haben solche Verordnungen – Frankfurt nicht. Der Magistrat sprach sich mit dem Hinweis dagegen aus, eine solche Vorschrift bedeute „einen erheblichen Eingriff in die Grundrechte der Tierhalter“.

Davon kann Simone Faust ein Lied singen. Das Tierheimteam müsse sich bei jeder eingelieferten Streunerkatze absichern, ehe es eine Kastration einleite. Es komme vor, dass sich doch noch ein Halter melde und Strafanzeige stelle: wegen Körperverletzung zum Nachteil des Tieres.

135 Katzen hat das Frankfurter Tierheim in Fechenheim zurzeit an Bord. Das ist viel. Die Corona-Phase, in der einsame Menschen plötzlich einen schnurrenden Gefährten brauchten, ist vorbei, jetzt naht wieder die Haupturlaubszeit, und es gibt viel Katzennachwuchs. „Hinzu kommt, dass die Leute wenig Geld haben“, sagt Simone Faust. Oft scheuten sie sich, in ihrer finanziellen Lage ein Tier aufzunehmen – aus Angst, es nicht versorgen zu können.

Zur Situation in manchen Kleingärten sagt die Katzen-Abteilungsleiterin: „Es spricht sich bei Katzen herum, wenn da jemand tolles Futter hinstellt.“ Und in den Kleingartenvereinen komme es wiederum gut an, wenn da jemand die Mäuse fängt. „Aber ein unkastrierter Kater schleicht gern als King of the Ring durchs Revier“, sagt Faust, „und oft sind sie dann aggressiv zu den Artgenossen“. Auch in der Hinsicht helfe es, so viele freilaufende Katzen von der Fortpflanzung abzuhalten wie möglich. „Eine Katze kann schließlich mehr als zwei Mal im Jahr Junge kriegen“, sagt Faust. Sechs Kitten pro Wurf – kein Wunder, dass es Berechnungen gibt, wonach aus einem einzigen verliebten Katzenpaar binnen zehn Jahren viele Millionen Samtpfoten werden.

Eine Petition für eine Frankfurter Katzenschutzverordnung ist bisher allerdings wenig erfolgreich: Sie erhielt auf der Website frankfurterkatz.de bisher nur einen Bruchteil der angestrebten Stimmen.

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