Jahrestag

Frankfurt: Empathie für die Opfer des 7. Oktober

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Im Jüdischen Museum sind Interviews mit Angehörigen der Geiseln zu sehen.
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Das Jüdisches Museum in Frankfurt öffnet am Montag, 7. Oktober außerplanmäßig, den Opfern des Hamas-Terrorangriffs auf Israel zu gedenken. Es bietet Kurz-Talks und Führungen an.

Die meisten Jüdinnen und Juden wissen genau, was sie vor einem Jahr am 7. Oktober gemacht haben, als Hamas-Kämpfer in Israel Menschen quälten und töteten, Frauen vergewaltigten und 250 Israelinnen und Israelis als Geiseln in den Gazastreifen verschleppten. Zu tief schnitt das schlimmste Blutbad an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust in ihr Leben ein. „Für die meisten Jüdinnen und Juden gibt es ein Vor und ein Danach“, sagt Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt.

Um deutlich zu machen, wie stark die Gewalttaten der Hamas und der danach sprunghaft in Deutschland angestiegene Antisemitismus die jüdische Gemeinschaft in der Diaspora retraumatisiert und verunsichert haben, öffnet das Jüdische Museum ein Jahr nach dem Terrorangriff am Montag, 7. Oktober, außerplanmäßig seine Türen. Mit einem Gedenktag bei freiem Eintritt will das Haus am Bertha-Pappenheim-Platz Besucher:innen für diese Zäsur und deren psychosoziale Folgen für Jüdinnen und Juden sensibilisieren. „Die Raketen auf das ganze Land und das Massaker an Menschen, die in Kibbuzim lebten oder ein Tanzfestival besuchten, waren nicht nur ein Angriff von Hamas auf Israel. Sie waren ein Angriff einer islamistischen Terrororganisation auf die Form freien, gleichberechtigten und selbstbestimmten Lebens, die Israel und demokratische Gesellschaften westlicher Prägung auszeichnen“, sagt Wenzel.

Das Massaker der radikal-islamischen Hamas und deren Entführungen von 250 Frauen, Männern und Kindern haben auch Einfluss auf das Jüdische Museum gehabt. Seit Ende Oktober vergangenen Jahres erinnert eine Soundinstallation mit den Namen und dem Alter der Geiseln sowie die blau illuminierte Skulptur „Untitled“ des israelischen Künstlers Ariel Schlesinger auf dem Vorplatz des Museums daran, dass noch immer Menschen in Gaza verschleppt sind. In der Bibliothek des Hauses sind auf einem Bildschirm Interviews zu sehen, die der israelische Filmemacher Ari Folmann mit Angehörigen der Geiseln geführt hat. Mit diesen beiden Aktionen solidarisiert sich das Jüdische Museum mit der „Bring Them Home Now“-Bewegung der Geiselfamilien und den zivilgesellschaftlichen Protesten in Israel für eine Verhandlungslösung in Gaza.

Zudem hat das Jüdische Museum eine Bildungsinitiative gestartet, um dem Antisemitismus vor allem bei jungen Menschen zu begegnen. Der hat zugenommen, seit Israel militärisch gegen die Hamas im Gazastreifen und die Hisbollah im Libanon vorgeht. Das Museum bietet neu konzipierte Workshops auch am Gedenktag für Schüler:innen an. Alle, so Wenzel, seien in Windeseile ausgebucht gewesen. Viele Lehrer:innen wüssten nicht, wie sie den von Sozialen Medien wie TikTok gespeisten Vorstellungen begegnen sollten, wonach in einer Opfer-Täter-Umkehr die Hamas einen Befreiungskampf führe, während Israel Genozid am palästinensischen Volk begehe.

Programm

Wer am Gedenktag an die Opfer des Hamas-Angriffs auf Israel im Jüdischen Museum, Bertha-Pappenheim-Platz 1, in Frankfurt an den Gesprächen und Führungen teilnehmen möchte, wird gebeten, sich per E-Mail anzumelden. besuch.jmf@stadt-frankfurt.de

Ein Überblick über das gesamte Programm am Montag, 7. Oktober, findet sich auf der Webseite des Jüdischen Museums. Alle Veranstaltungen, auch der Besuch der Dauerausstellung, sind an diesem Tag kostenfrei. Für den Museumsbesuch selbst ist keine Voranmeldung notwendig.

Anlässlich des Jahrestags 7. Oktober lädt das Jüdische Museum für Mittwoch, 9. Oktober, 19 Uhr, zur Vorstellung zweier Bücher ein, die zur Buchmesse auf Deutsch erscheinen: Gisela Dachs (Hrsg) „7. Oktober. Stimmen aus Israel“ (Suhrkamp-Verlag) sowie Oded Wolkstein und Maayan Eitan (Hrsg.) „Schutzraum. Seit dem 7. Oktober“ (Hentrich & Hentrich). Karten können dafür unter veranstaltungen.jmf@stadt-frankfurt.de reserviert werden. Restkarten sind am Abend an der Museumskasse erhältlich. lad

www.jüdischesmuseum.de

Mit dem Gedenktag will das Jüdische Museum einen Beitrag dazu leisten, dass das Massaker am 7. Oktober nicht von dem derzeitigen Kriegsgeschehen in Libanon und Gaza überschrieben wird. Deshalb richtet es am Montag den Fokus auf Menschen, die direkt oder indirekt von dessen Folgen betroffen sind. Es setzt auf einen emotionalen Ansatz, der zur Empathie mit den Opfern einladen soll. Zum Angebot gehören zwei Führungen, von denen die eine sich mit dem Thema Antisemitismus beschäftigt, die andere mit der Frage, wie sich jüdisches Leben in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 verändert hat. Insbesondere aber können Besucher:innen Kurz-Gespräche mit vier jüdischen Persönlichkeiten verfolgen.

Zu den vier Gästen gehört der Rechtsanwalt Benjamin Graumann, Vorstandsmitglied der Frankfurter Jüdischen Gemeinde. Er ist Mitbegründer des Vereins „Frankfurter helfen“, der sich dafür einsetzt, dass die Überlebenden des Massakers sowie aus dem Grenzgebiet zum Libanon evakuierte Israelis finanzielle Hilfe und Hilfsgüter bekommen. Doron Kiesel, der wissenschaftliche Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland und künftige Leiter der Jüdischen Akademie, war am 7. Oktober in Israel. Sein Onkel wurde im Kibbuz Kfar Aza ermordet. Der Medizinstudent Noam Petri, Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, hat Familie in Israel. Er wird als dritter Gast über den Antisemitismus sprechen, mit dem er an seinem Studienort Berlin konfrontiert wird. Am späteren Nachmittag spricht die Fotografin und Medienkünstlerin Ruthe Zuntz, die sich zeitlebens für die israelisch-palästinensische Verständigung eingesetzt hat, etwa 2007 mit dem Kunst- und Friedensprojekt „Challenging Walls – Life beyond the Walls“. Sie versucht, die Ereignisse des 7. Oktober künstlerisch zu verarbeiten.

Der Krieg in Nahost wird an diesem Gedenktag nicht unmittelbar thematisiert werden. „Es gilt an diesem Tag, die Zäsur des 7. Oktober als solche zu thematisieren. Nur wenn wir das tun und uns die Folgen vergegenwärtigen, die der sogenannte ‚schwarze Schabbat‘ für Jüdinnen und Juden weltweit hat, und dann eine Pause einlegen, um zu erinnern und zu trauern, können wir uns auch der Frage zuwenden, ob die militärische Reaktion Israels auf den Terroranschlag verhältnismäßig ist“, sagt Wenzel.

Doron Kiesel, einer der vier Gäste, die im Jüdischen Museum sprechen, hat seinen Onkel verloren.

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