VonAndreas Hartmannschließen
„Four Frankfurt“ ist gerade eine von Europas größten Hochhaus-Baustellen – und bietet neue Blicke. Ein Spaziergang mit dem Stadtplaner Torsten Becker.
Frankfurt – Es ist ein Bild wie aus einem Hollywoodfilm, so einer, den man sicher schon mal gesehen hat im großen Kino. Gerade hat es einen Regenguss gegeben, nun sind die Straßen nass und reflektieren das Licht. An den Fassaden der Riesenbaustelle „Four Frankfurt“ leuchtet die Sonne wie ein greller Scheinwerfer auf den frisch eingesetzten Glasscheiben, Wolken und der benachbarte Commerzbank-Turm spiegeln sich in ihnen. Eindrucksvoller könnte man es kaum inszenieren.
Wir sind rund um das „Four“ unterwegs mit dem Frankfurter Architekten und Stadtplaner Torsten Becker. Der Vorsitzende des Frankfurter Städtebaubeirats hat ein scharfes Auge für die Qualitäten und Mängel der bereits bestehenden und der neu emporwachsenden Bebauung. Hier ist er sich sicher: „Das wird ein tolles Ensemble!“ Schon jetzt sei dies eine Ecke, wo Frankfurt so weltstädtisch wie nirgendwo sonst wirke.
Four Frankfurt: Vier Hochhäuser von bis zu 233 Metern Höhe entstehen
Das „Four Frankfurt“ besteht aus vier vom Architekten Ben van Berkel geplanten Türmen, die 100, 120, 173 und 233 Meter hoch werden, alle durch einen gemeinsamen Sockel verbunden. Die Baukosten liegen bei mehr als zwei Milliarden Euro. Die ersten Flächen können vielleicht schon dieses Jahr bezogen werden.
Der Frankfurter Projektentwickler Groß & Partner verspricht nicht weniger als „das neue Herz der Stadt“ – das ist vielleicht ein wenig dick aufgetragene Investoren-Lyrik, aber es sollen hier einmal mehr als 1000 Menschen in 600 Wohnungen, darunter 78 öffentlich geförderte, leben und bis zu 4000 arbeiten, in bislang sehr seltener Durchmischung von Wohn- und Arbeitsräumen.
Four Frankfurt: Wohnungen, Büros, Hotels, aber auch Gastronomie und Läden geplant
Jahrzehntelang war das eine Doktrin der Stadtplanung: hier Büroviertel, Einkaufen und Gewerbe, dort Schlafstadt, möglichst weit draußen. Im „Four“ sind Gastronomie und Geschäfte geplant, Arztpraxen und Fitnessstudios, öffentliche Plätze und Hotels.
„Das wird interessant, was das für die angrenzende Goethestraße bedeutet“, sagt Stadtplaner Becker. Werden künftig die Kundenströme einfach weiterfließen zum Four? Oder wird die teure Einkaufsstraße mit ihren Boutiquen veröden? Becker ist da ganz optimistisch. Selbst wenn es so wäre – wo Nischen entstünden, sei auch Platz für Neues.
Four Frankfurt: Stadtplaner hofft auf einzigartigen Platz zwischen den Türmen
Der niederländische Architekt Van Berkel hat schon aufsehenerregende Bauwerke errichtet, unter anderem 2015 den sehr schicken Hauptbahnhof von Arnheim mit einer schwerelos wirkenden Haupthalle und vor mehr als 30 Jahren die spektakuläre Rotterdamer Erasmusbrücke, heute ein Wahrzeichen der Hafenstadt.
Prominente Architekten (es sind fast ausschließlich Männer) haben hier in Frankfurt schon gebaut, das sage aber noch nicht viel, meint Becker. „Nicht zwangsläufig bedeuten große Namen auch gute Architektur.“ Und auch beim „Four“ müsse man die Fertigstellung abwarten, um sich ein endgültiges Urteil zu erlauben. Etwas befremdlich sind für ihn etwa die unmotiviert scheinenden Linien, die sich über die Fassade ziehen. Voller Lob ist er aber für den zwischen den vier Türmen entstehenden Platz. „Dieser Raum wird einzigartig!“
60315 Frankfurt am Main
Die Skyline ist eines der Wahrzeichen Frankfurts – und es gibt eine Besonderheit: Gleich vier der Hochhäuser besitzen eine eigene Postleitzahl. Es handelt sich nach Angaben der Stadtverwaltung um den Messeturm (60308), den Omniturm (60312), den Opernturm (60306) und den Taunusturm (60310), teilte die Stadt mit. Demnächst kommt in dem illustren Kreis noch ein fünfter Wolkenkratzer hinzu, der natürlich ebenfalls hier am Main steht – „Four Frankfurt“ wird dann die Postleitzahl 60315 haben, wie eine Sprecherin des Projektentwicklers Groß & Partner jetzt auf FR-Anfrage sagte.
Der Grund für die gesonderten Postleitzahlen sei die Auslieferungsmenge an Briefen und Paketen für die in den Hochhäusern ansässigen Firmen, erklärte ein Sprecher der DHL Group. Die erfordere ein eigenes Sortierkriterium. Nur das Schneefernerhaus auf der Zugspitze hat wegen seiner Alleinlage ebenfalls eine eigene Postleitzahl.
In der Frankfurter Skyline sind bisher insgesamt mehr als 30 Gebäude über 100 Meter hoch. Etwa die Hälfte davon misst sogar über 150 Meter, was im Allgemeinen als Definition von Wolkenkratzern gilt. Das aktuell höchste Haus bundesweit ist der Commerzbank-Tower (259 Meter), gefolgt vom Messeturm (256,5 Meter). (aph/dpa)
Wir laufen durch die Schluchten der Neuen Mainzer, der Junghof- und der Großen Gallusstraße – es ist eine der meistbefahrenen Ecken der Innenstadt – und versuchen uns gemeinsam zu erinnern, was hier noch vor wenigen Jahren stand, wie die Häuser aussahen, was hier auf dem früheren, 16.000 Quadratmeter großen Gelände der Deutschen Bank untergebracht war, wo jetzt die „Four“-Baustelle wächst. Ganze Straßenzüge wie die Alte Schlesingergasse, die Kleine Gallusstraße oder den Brüsseler Hof gibt es schon längst nicht mehr, sie wurden in den 1950er Jahren überbaut, so wie schon Anfang des 19. Jahrhunderts die Stadtmauern und Bastionen verschwanden.
Four Frankfurt: In der Nähe könnten das Schauspielhaus und weitere Türme entstehen
Hier wird noch einiges errichtet werden in den kommenden Jahren, möglicherweise auch das Schauspiel auf dem heutigen Areal der Frankfurter Sparkasse oder weitere Türme. Wie viele Hochhäuser verträgt eine Stadt? „Irgendwann ist Schluss“, meint Becker. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, in einer Stadt zu leben, die sich nicht verändert.“
Dass vor allem durch die Neue Mainzer Straße Auto an Auto braust, das wird wohl in den kommenden Jahren anders werden, da ist sich Becker sicher. Ganz werde der Verkehr sicher nicht verschwinden, aber „Lebensqualität bedeutet nicht, mit dem Porsche ins Büro fahren zu können.“ Doch noch rumpeln hier die Fahrzeuge an der Baustelle vorbei, es dürfte eine der gefährlichsten Stellen für Radfahrende in der ganzen Stadt sein.
Four Frankfurt: Wird der Hochhauskomplex einen Spitznamen bekommen?
Manch Sockelgeschoss, etwa beim noch sehr neuen Omniturm, wirkt so abweisend, dass kaum einer der Vorbeieilenden auf die Idee käme anzuhalten, geschweige denn einzutreten. „Das dunkle Glas ist so leblos, wer will denn da arbeiten“, meint Becker. Insgesamt schätzt er aber, was hier in den vergangenen Jahrzehnten gebaut worden ist. „Sehr gelungen finde ich, dass die Hochhäuser hier so schlank und hoch sind, dadurch wirken sie sehr elegant. Ich war gerade in London, wo wir bei einer Architekturexkursion die dortigen Wolkenkratzer angesehen haben. Vieles hat dort nicht dieselbe Qualität.“ Er zeigt als Beispiel auf seinem Handy ein Foto von „The Gherkin“, „Die Gewürzgurke“. So heißt das neue Londoner Wahrzeichen des britischen Architekten Norman Foster, der auch den Commerzbank-Turm gebaut hat, umgangssprachlich.
Was für einen Spitznamen wird das „Four“ wohl einmal bekommen? Frankfurter Hochhäuser haben das ja in der Regel nicht, das „Gerippte“ im Westhafen mag da die Ausnahme sein. Vielleicht sind solche Rufnamen einfach zu bieder, und mal ehrlich: Den „Volksmund“ gibt es so eigentlich gar nicht.
Four Frankfurt: Es ist ein vertikaler Stadtteil, der hier emporwächst
Das „Four“ jedenfalls ist eine Baustelle, die aus der Ferne kaum auffällt, obwohl sie doch so riesig ist. Dabei ergibt sich ein eigenartiger Effekt. Von den Mainbrücken aus wirken die neuen Türme etwa deutlich kleiner als bei einer Umrundung des Sockels. Weil die Hochhäuser hier so eng beieinander stehen, verdecken sie sich beim Blick aus der Ferne gegenseitig, und die Bild-Zeitung sorgte sich mit der Schlagzeile „Huch, der Maintower ist zugebaut!“ schon um die Skyline. Es ist tatsächlich ein vertikaler Stadtteil, der hier emporwächst.
1992 erschien in einer Fischer-Taschenbuch-Reihe, die Kunstwerke von der Kathedrale bis zum Picasso-Gemälde gut verständlich erklärte, auch ein Paperback mit dem Titel „Die Frankfurter Skyline. Eine Stadt gerät aus den Fugen und gewinnt an Gestalt“.
Inzwischen gebe es dank der fleißigen Hochhausbautätigkeit in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Ingenieurbüros, in Frankfurt und Umgebung, die seither ein großes, auch international gefragtes Fachwissen erworben hätten, sagt Stadtplaner Becker. „Hier gibt es eine unglaubliche Expertise im Hochhausbau. Das ist ein Exzellenzcluster, der weltweit seinesgleichen sucht.“ (aph)
Rubriklistenbild: © Monika Müller


