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Am Tag vor der Begegnung zwischen England und Dänemark stört nur der Regen ein wenig die Stimmung. Aber die Kontrahenten sind sowas ja gewohnt.
Das soll ein Sommermärchenwetter sein? Von bisherigen Sommermärchen sind wir gewohnt: sechs Wochen Sommer, und geregnet hat es hinterher. Andererseits: Für Menschen aus England ist das vielleicht ganz passend. Heimspielwetter sozusagen. Für Menschen aus Dänemark eventuell auch – und deren Teams spielen an diesem Donnerstag schließlich gegeneinander. Wir gehen sie schon mal suchen.
Die gute Nachricht zuerst: Das Schwert ist noch da. Am Mittwochmittag jedenfalls. Der Hessische Rundfunk berichtet am Vortag dieses Spiels darüber, dass das Schwert der Justitia im Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Römerberg seit dem Zweiten Weltkrieg neun Mal (9!) gestohlen wurde. Ein zehntes Mal bitte nicht – der Hinweis richtet sich speziell an die englische Fanschar. Die hat Nummer 9 beim Besuch 2006 mitgenommen. Diesmal möge man das Schwert lassen, wo es hingehört, zitiert der HR die Sprecherin des Kulturdezernats, Jana Kremin. Sonst: Anzeige.
Ob die Briten die Warnung kapiert haben: ungewiss. Sprachbarrieren, Alkoholpegel, dies, das. Wir fragen die Leute vor der „Alten Limpurg“ am Römer. „Hello, do you know the story about that fountain?“ – „What?“ Es ist laut in einer Kneipe mit englischen Fans. Weiterer Verlauf mit Übersetzung. „Wissen Sie, was es mit dem Brunnen auf sich hat? 2006 haben englische …“ – „Was?“ – „Das Schwert! Wollen Sie dieses Jahr auch wieder das Schwert …“ – „Was? Welches Schwert?“ Somit dürfte klar sein, dass das Schwert in diesem Jahr nicht gestohlen wird. Danke. Weitermachen.
Die Mainfähre „Maria Sibylla Merian“ ist voll. Am Eisernen Steg steigen Leute in roten Trikots aus. Na, aus Dänemark angereist? Mit der „Maria Sibylla“? Hanne lacht. „Was soll man sonst machen bei dem Wetter?“ Die Engländer auf dem Oberdeck fahren unverdrossen weiter, auch wenn es immer heftiger ins Bier regnet.
Die Fanmeile am Main sei mittags garantiert leer, haben alle Kollegen gesagt. Ist sie nicht. Im Gegenteil. Menschenmenge mit Schirmen. Und Oberbürgermeister Mike Josef spricht zu ihnen: „Zu meiner Zeit schien die Sonne, wenn wir gefeiert haben“, sagt er launig. Wieso „zu seiner Zeit“? Josef lobt Tourismuschef Thomas Feda, schon 200 000 Fans seien auf der Meile gewesen, dann kommt Planungsdezernent Marcus Gwechenberger und scherzt, man habe den Regen „und ein bisschen Drama“ für die Engländer bestellt. Jetzt dämmert’s: Das ist das Sommerfest des Planungsdezernats! Jemand erzählt Fußballwitze auf der Bühne. Nebenan liegen Puppen fürs Herz-Lungen-Wiederbelebungstraining. Aber die Gefahr, dass sich jemand totlacht, ist eher gering.
So. Wir wollten doch englische und dänische Fans suchen. Vielleicht bei der Fan-Botschaft an der Hauptwache. Da sind welche. Fragen nach Trikots, Stadtplänen und wo sie Fußball gucken können. Fragen sie auch nach Schirmen? „Die kommen in kurzen Hosen. Die brauchen keine Schirme“, sagt der Botschaftsmitarbeiter. Ansonsten: „Alles friedlich, Stimmung überragend.“
Fan-Botschafter aus anderen Ländern sind auch da. Apropos: Prinz William besucht das Spiel, das hat sich herumgesprochen. König Frederik auch. Aber nur das Spiel. Einen offiziellen Teil gibt es nicht, auch keinen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt.
Nun wird es Zeit, uns in die Gefahrenzone zu wagen: Bahnhofsviertel! (Dramatische Musik dazudenken.) Das britische Boulevardblatt „The Sun“ hatte vor 5000 Junkies und 300 Dealern im Frankfurter „Zombieland“ gewarnt. Die FR fragt englische Fans in einer der randvollen Kneipen an Kaiser- und Münchner Straße (wie halten die das bloß durch bis morgen Abend?): „Haben Sie Angst?“ Kenny: „Was?“ – „Ob Sie Angst haben. Gefährlich hier?“ – „Was?“ Tom: „Du weißt schon, Zombieland.“ Kenny: „Ich war in Südafrika, ich war in Seoul, in Russland – ich war in Manchester! Ich habe wirklich keine Angst vor Frankfurter Zombies.“
Wäre das geklärt. Einen Dänen fragen wir aber zur Sicherheit auch noch: Morten. Er lacht. „Ich fühle mich sicher. Wir kommen in Frieden.“ Das passt gut dazu, was uns Cæcilie Brøndgaard Jensen schon zuvor erzählt hat. „Dänen sind sehr entspannt“, also könne es gut sein, dass sie die Überraschung gegen England schaffen. „Aber vielleicht auch zu entspannt. Wenn wir dieses Spiel nicht gewinnen, wird es schwierig mit dem Weiterkommen.“ Die Dänisch-Lehrerin lehrt Menschen ihre Sprache und macht Stadtführungen in Mainz für Erwachsene wie für Kinder. Man entwickle ein bisschen mehr Nationalgefühl, wenn man im Ausland sei, sagt Brøndgaard Jensen. Besonders natürlich als Fan. Ihr Mann hat Tickets fürs Spiel bekommen und ist mit Freunden im Stadion. Sie selbst schaut auch mit Freunden – beim Winzer.

