VonKathrin Rosendorffschließen
Die Protestwoche der Landwirtschaft ist in Frankfurt angekommen . Das befürchtete Verkehrschaos bleibt aus, aber Querdenker mischen am Rand mit.
Frankfurt - Schon als die Landwirte in ihren Traktoren an der Bockenheimer Warte in Richtung Festhalle ohrenbetäubend hupend mit Schildern wie „Die Ampel erdrückt unser Land“ oder auch „Stirbt der Bauer, stirbt das Land“ vorbeifahren, bleiben die Menschen am Rand stehen. Viele filmen mit ihren Smartphones. Einige winken den Landwirten begeistert zu, applaudieren, als seien diese Filmstars. Die Aktionswoche der Bauern gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung ist am Donnerstagmittag auch in Frankfurt angekommen.
Laut Polizei sind es mehr als 600 Fahrzeuge: Traktoren, aber auch Lkws und Sattelschlepper. Das befürchtete Verkehrschaos in der Stadt sei ausgeblieben, bestätigt ein Polizeisprecher. „Es ist alles recht gesittet abgelaufen. Es gab nicht ganz so viel Autoverkehr wie sonst.“ Laut Organisator sind mehr als 2000 Traktoren auf den fünf Strecken „aus jeder Himmelsrichtung“ nach Frankfurt eingefahren. Auf jeden Fall sind es so viele, dass die Kundgebung vor der Festhalle über eine halbe Stunde verspätet anfängt; die Theodor-Heuss-Allee und die Autobahn 648 sind stadteinwärts gesperrt.
Am Rand der Demo halten Menschen aus der Querdenken-Szene Schilder hoch
Die Proteste der Landwirt:innen richten sich gegen geplante Subventionskürzungen der Bundesregierung. Schrittweise abgeschafft werden soll danach die Steuerbegünstigung auf Agrardiesel. Passend dazu hupt ein Landwirt das Lied „Gasolina“. Dass die Ampelkoalition einen Teil ihrer Kürzungspläne zurückgenommen hat, reicht dem Bundesbauernverband nicht.
Eine Offenbacherin ist zur Kundgebung gekommen, um, wie sie sagt, die „Bauern zu unterstützen“. Denn: „Den Bauern wird das Leben schwergemacht. Wer die Bauern nicht versteht, muss in Zukunft dann auch auf regionales Obst, Gemüse und Eier verzichten. Ich persönlich möchte kein genmanipuliertes Obst essen.“ Eine Frankfurterin beobachtet den Demozug mit Sorge. „Ich bin Historikerin und Schilder wie ‚Stirbt der Bauer, stirbt das Land‘ kommen aus der braunen Nazi-Ecke.‘“ Auch ansonsten, findet sie, beschwerten sich die Bauern auf hohem Niveau; sich über die Streichung der Steuerbegünstigung auf Agrardiesel zu beschweren, sei „absurd“.
Am Rand der Demo halten Menschen aus der Querdenken-Szene Schilder hoch wie „Unbeugsam. Bis jetzt habt ihr Römer geimpft, jetzt sind nur noch die Gallier da“. Eine Frau schwenkt ein Deutschlandfähnchen. Eine andere verteilt Zettel, auf denen steht: „Stoppt den Wettlauf der Stadt Frankfurt auf null CO2: Der CO2-Fußabdruck ist die Schlinge, die sie uns um den Hals legen.“ Daneben ist die Ampel am Galgen gezeichnet.
Landwirte protestieren: „Hallo, Frankfurt, eure Bauern sind hier“
Eine Frau von der Antifaschistischen Bildungsinitiative Friedberg hat, wie sie sagt, „Bauern in der Verwandtschaft, die erschreckende rechte Dinge am Tisch zu Hause sagten“. Sie ist hier, weil sie Fotos macht, um Schilder zu dokumentieren, die bei der Kundgebung hoch gehalten werden, wie: „Bauern sterben, Deutschland verreckt, weil ihr unser Geld ins Ausland steckt“. Ein Mann hält unweit der Bühne ein pinkes Schild hoch: „Deutschland und seine Bauern zuerst“.
Auf der Rednerbühne begrüßt die Vorsitzende des Regionalbauernverbands Wetterau und Büdinger FDP-Politikerin Andrea Rahn-Farr die Menge mit „Hallo, Frankfurt, eure Bauern sind hier.“ Von Frankfurt bis zum Vogelsberg seien die Landwirte und Landwirtinnen gekommen. „Weil es geht um unser Zukunft“. Die Kürzungspläne der Bundesregierung seien nun der Höhepunkt auf einer langen Liste von „Auflagen, Gängelungen und Verteuerungen“. Sie ruft: „Genug ist genug. So geht es nicht weiter.“
„So viele Traktoren hat Frankfurt noch nicht gesehen“
Die Bundesregierung sei in eine Sackgasse gefahren und müsse umdrehen. Die Menge applaudiert. Sie fordert Planbarkeit und Perspektive auch für die junge Generation der Bäuerinnen und Bauern. Die Subventionen blieben in der Regel nicht bei den Landwirt:innen, sondern dienten dazu, die Lebensmittelpreise für die Verbraucher kostengünstig zu halten. Der Frankfurter Kreislandwirt Matthias Mehl ruft: „So viele Traktoren hat Frankfurt noch nicht gesehen.“ Er betont: „Wir ernähren die Bevölkerung und niemand anderes.“ Die Bundesregierung lebe in einer Berliner Blase.
Den Grünen wirft er Besserwisserei und Arroganz vor; Bundeskanzler Olaf Scholz’ beste Entscheidung sei seine Augenklappe gewesen. Er sei froh, dass die neue Landesregierung nun Schwarz-Rot sei. Am Ende aber seien sie Demokraten: „Nächstes Jahr sind Bundestagswahlen; die Politiker müssen es sich dreimal überlegen, ob sie sich mit den Bauern anlegen.“
Die Aktionswoche soll in einer großen Demonstration mit 10 000 Teilnehmer:innen in Berlin gipfeln. „Am Montag geht es nach Berlin“, ruft Rahn-Farr. Hupend fahren die Landwirte aber erst mal nach Hause. Ein Landwirt hupt „The Final Countdown“. (Kathrin Rosendorff)
Rubriklistenbild: © Peter Juelich


