Die Frankfurter Sozialforscherin Yvonne Wilke spricht im FR-Interview über die negativen Auswirkungen von Einsamkeit auf ältere Menschen und betont die Bedeutung sozialer Kontakte
Frau Wilke, wie sieht die Arbeit des Kompetenznetzes Einsamkeit aus?
Das Kompetenznetz Einsamkeit ist am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik angesiedelt und dem Bereich Alter und Einsamkeit, den ich leite, zugeordnet. Das Projekt soll hinderliche und förderliche Faktoren zur Bekämpfung und Linderung von Einsamkeit über alle Altersgruppen hinweg sowohl wissenschaftlich als auch praxisorientiert untersuchen. Wir führen dazu selber qualitative und quantitative Forschung durch, erstellen das Einsamkeitsbarometer für das Bundesfamilienministerium und betreiben Netzwerkarbeit.
Sind ältere Menschen häufiger einsam als andere Altersgruppen?
Ja. Wir wissen, dass ältere Menschen insbesondere ab 75 Jahren sich einsamer fühlen als junge Menschen. Durch die Corona-Pandemie hat sich das Bild etwas gewandelt. Zuvor hatten sich ungefähr 14 Prozent der deutschen Bevölkerung einsam gefühlt. Bei den unter 30-Jährigen lag der Wert auch bei 14 Prozent, bei den 75-Jährigen bei knapp 17 Prozent. Durch die Pandemie hat sich das Einsamkeitsgefühl über alle Altersgruppen hinweg gesteigert. Bei Menschen unter 30 Jahren auf 48 Prozent, bei den älteren Menschen aber „nur“ auf 36 Prozent.
Woran liegt das vielleicht?
Wir wissen über jüngere Menschen beim Thema Einsamkeit noch nicht so viel wie über die älteren. Was wir wissen, ist, dass ältere Menschen häufig aufgrund der Lebenserfahrung schon so genannte Resilienzstrategien für sich entwickelt haben. Sie wissen also, wie sie sich etwa in Krisen schützen können, um sich nicht einsam zu fühlen. Sie sind aber natürlich nicht vollumfänglich davor geschützt.
Haben wir durch die Pandemie Menschen an die Einsamkeit verloren, die jetzt nicht wieder am sozialen Leben teilnehmen?
Ja, davon ist auszugehen. Es gibt zwar keine Zahlen dazu, aber man muss bedenken, dass während der Pandemie viele Angebote weggefallen sind. Diese sind zum Teil bis heute nicht wieder aufgelebt, oder in anderen Fällen sind die Menschen nicht mehr zu den Angeboten gekommen. Diese Menschen, die wir verloren haben, sind sehr schwer zu erreichen, weil sie sich nach so einem langen Zeitraum in einer chronischen Einsamkeitslage befinden, aus der viele nur sehr schwer selbst wieder rauskommen.
Wenn wir die Pandemie außen vor lassen, wieso fühlen sich ältere Menschen häufiger einsam?
Steigendes Alter führt nicht automatisch zu einem höheren Einsamkeitsempfinden. Viel eher ist es so, dass es häufiger zu Begleitfaktoren kommt. Das können beispielsweise Pflegebedürftigkeit, eingeschränkte Mobilität oder Armut sein. Auch wenn die sozialen Kontakte und Beziehungen um einen herum kleiner werden, etwa durch den Tod der Partnerin oder des Partners oder im Freundeskreis, fühlen Menschen sich einsamer. Ältere Menschen können diese Lebenslage dann nicht mehr so proaktiv verändern wie jüngere. Viele schämen sich dann auch dafür und geben sich selbst die Schuld an dem Einsamkeitsgefühl.
Was ist der Unterschied zwischen allein sein und einsam sein?
Allein sein bedeutet in der Regel, dass ich mich bewusst in das Alleinsein zurückziehe. Man kann sich natürlich auch mal ungewollt allein fühlen, das ist aber meist ein temporärer Zustand, etwa nach einem Umzug in eine andere Stadt. Bei der Einsamkeit gibt es zwar auch das bewusste Zurückziehen zum Beispiel bei Eremitinnen oder Eremiten. Bei der chronischen Einsamkeit, von der wir sprechen, geht es um das unerwünschte, negativ konnotierte, subjektive Gefühl des Einsamseins. Es kann sein, dass man empfindet, zu wenige soziale Beziehungen zu haben oder mit der Qualität der Beziehungen nicht zufrieden ist.
Das heißt, man kann sich einsam fühlen, obwohl man viel unter Leuten ist?
Ja. In der Wissenschaft nennt man das kollektive Einsamkeit. Also auch innerhalb einer Gruppe, das kann die Schulklasse, der Kollegenkreis, die Sportgruppe oder gar die Familie sein, kann man sich trotzdem einsam fühlen.
Was sind die Folgen von Einsamkeit für die Betroffenen?
Zur Person
Yvonne Wilke (48) ist Leiterin des Kompetenznetzes Einsamkeit in Frankfurt. Das Gremium ist im Jahr 2021 gegründet worden und wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Die Leiterin spricht am Mittwoch von 18 bis 19.30 Uhr im Frankfurter Bürgerinstitut über „Einsamkeit im Alter“. Der Vortrag ist kostenlos. Eine Anmeldung unter buergerinstitut.de/veranstaltungen ist möglich. Privat
Aus Studien wissen wir um gesundheitliche Auswirkungen. Es können sich bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln oder verstärken. Gleiches gilt für Diabetes-2-Erkrankungen, aber auch psychische Erkrankungen wie Angstzustände oder Depressionen. Auch bereits vorliegende Demenzerkrankungen können sich stark verschlechtern. Selbst durch kurze Einsamkeitsphasen kann sich, insbesondere bei älteren Menschen, der Gesundheitszustand verschlechtern.
Gibt es weitere Auswirkungen?
Es gibt auch die gesellschaftliche Ebene. Die einsamen Menschen erleben einen Vertrauensverlust in andere Menschen, aber auch in demokratische Werte und das politische System. Dazu kommt eine ökonomische Komponente, wenn die Menschen erkranken. Jüngere fehlen dann etwa im Job oder ältere Menschen beim Wahrnehmen von Ehrenämtern. Es wird also zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem.
Dann geht Einsamkeit eigentlich alle an?
Unbedingt. Es ist ein Thema, bei dem wir alle unsere Augen offen halten sollten. Sei es bei der Nachbarin, die schon seit Wochen nicht mehr das Haus verlassen hat, oder beim Arbeitskollegen, der wenig von sozialen Aktivitäten berichtet. Wir können noch so viele Projekte installieren – wenn wir selber kein Auge auf den Menschen neben uns haben, wird das relativ wenig nützen. Es ist eine Aufgabe, die wir alle gemeinsam mit umsetzen müssen, und bei der wir alle wachsam sein sollten.
Hilfsangebote
Auf der Internetseite des Kompetenznetzes unter www.kompetenznetz-einsamkeit.de gibt es eine Liste mit Angeboten für Betroffene.
Telefonische Hilfe bietet etwa die Telefonseelsorge Deutschland. Sie ist unter den Nummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 oder einfach der 116 123 erreichbar. Das Angebot ist kostenlos, anonym und jeden Tag rund um die Uhr verfügbar.
Der Krisenchat richtet sich eher an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren. Diese können rund um die Uhr auf krisenchat.de im Internet eine Unterhaltung starten.
Beim Silbernetz finden Menschen ab 60 Jahren täglich von 8 bis 22 Uhr unter 0800/4 70 80 90 ein offenes Ohr. Für einen tiefergehenden Kontakt gibt es die Silbernetz-Freundschaft: Senior:innen werden dabei mit Ehrenamtlichen vernetzt, die dann einmal pro Woche für ein persönliches Telefongespräch anrufen. mic
Wie kann man der Einsamkeit entgegentreten?
Das muss man auf drei Ebenen machen. Zunächst auf der politischen. Dort ist es wichtig, das Thema auf die politische Agenda zu setzen. Das hat das Familienministerium auch getan, indem es jetzt eine Strategie gegen Einsamkeit über alle Altersgruppen hinweg entwickelt und sich auch verschiedene Ministerien dran beteiligt haben. Auch die Bundesländer haben das Thema aufgegriffen.
Macht Hessen da schon genug?
Letztendlich sind es die Kommunen, die das Thema breit und vor Ort umsetzen. Das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt ist da sehr aktiv auf diesem Gebiet. Auch die Hessische Landesvereinigung für Gesundheitsförderung ist an dem Thema dran. Ich bin schon der Meinung, dass wir da auf einem guten Weg sind.
Was wäre die zweite Ebene, um der Einsamkeit entgegenzuwirken?
Das wäre die wissenschaftliche Ebene. Hier müssen wir weiter die verschiedenen Facetten von Einsamkeit über verschiedene Altersgruppen hinweg erforschen und damit mehr Erkenntnisse generieren, was Einsamkeit noch weiter beim Menschen und der Gesellschaft auslöst. In vielen Gruppen wissen wir noch zu wenig über die Ursachen und die Implikationen von Einsamkeit.
Und die dritte Ebene?
Ist die zivilgesellschaftliche. Das umfasst die ganzen Projekte, Initiativen und Vereine, die sich seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Angeboten an Menschen richten, die sich einsam fühlen. Das muss nicht immer so tituliert sein. Auch die Feuerwehr oder die Skat-Runde beugen der Einsamkeit vor. Direkte Projekte wie Besuchsdienste und niedrigschwellige Angebote sind ebenfalls wichtig, um soziale Kontakte zu verstärken. Um der Einsamkeit präventiv entgegenzutreten, hilft es, Resilienzstrategien zu entwickeln. Solche Angebote zu schaffen, die dann auch genutzt werden, sind eine gute Maßnahme.
Interview: Steven Micksch
