Weihnachten

Frankfurts Weihnachtsmarkt in Birmingham: Holzhütten mit LED-Werbung

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Oben der Schriftzug, darunter Werbung fürs Museum: Ein Torbogen auf dem Weihnachtsmarkt.
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Im englischen Birmingham öffnet der traditionelle Frankfurter Weihnachtsmarkt. Die Briten lieben das Spektakel, auch wenn der Brexit die Preise hochgetrieben hat.

Bunte Lichter leuchten auf den Hütten aus Holz. Aus den Boxen dröhnt Whams unverwüstlicher Klassiker „Last Christmas“ und selbst der Nieselregen scheint die Stimmung nicht drücken zu können. Dann ein Countdown: Drei, zwei, eins – und plötzlich leuchtet er, der große Baum, der weithin auf dem Weihnachtsmarkt zu sehen ist. Ist das schon der Frankfurter Weihnachtsmarkt? Ja und nein möchte man sagen, denn es ist Birminghams Frankfurter Christmasmarket.

Die große Eröffnung am Donnerstagabend war der Startschuss für die kommenden gut sieben Wochen. Bis zum Heiligen Abend wird der Weihnachtsmarkt täglich ab 11 Uhr geöffnet sein. Das Ganze ist und bleibt ein Phänomen. Gestartet 1997 mit gerade mal zwölf Ständen und als Idee, das besondere Brauchtum des deutschen Weihnachtsmarktes im Vereinigten Königreich zu präsentieren, ist der Markt heute kaum noch wegzudenken.

Der Vater des Erfolgs heißt Kurt Stroscher. Jahrelang war der 66-Jährige bei der Frankfurter Tourismus- und Congressgesellschaft (TCF) organisatorisch für jedwedes Volksfest verantwortlich. Mittlerweile ist er im Ruhestand und kümmert sich nur noch um das Fest in Birmingham. „Solange Sie leben, müssen Sie das machen“, sagt TCF-Geschäftsführer Thomas Feda beim Pressegespräch unumwunden. Stroscher lacht. Auszuschließen ist das bei „Mr. Christmasmarket“, wie man hier sagt, nicht.

Als Stroscher damals 1997 von Oberbürgermeisterin Petra Roth die Idee des Marktes präsentiert bekam, habe er „Schwachsinn“ gesagt – vielleicht eins der wenigen mal, wo der Mann sich geirrt hat. Denn die Briten lieben den Markt. Allen voran das Bier, in diesem Jahr Marke Hofbräu(7,50 für 0,57 Liter). Aber auch Glühwein (7 Euro), Ebbelwei und Punsch (4,60 Euro) werden zunehmend beliebter. Mittlerweile werde Hälfte-Hälfte konsumiert. Auch sonst ist nicht alles so, wie man es aus Frankfurt kennt. Es gibt Berliner mit den dollsten Füllungen, Lebkuchen in bunten Farben und wahlweise mit Chili. Und neben der good old german Bratwurst (7 Euro) gibt es eben auch Hot Dogs. Da gibt es das Frankfurter Würstchen im typischen Hot-Dog-Brötchen und oben ordentlich Mayo, Gurke, Zwiebel und noch mehr drauf.

Auch Stroscher findet, dass die Engländer sehr speziell sind. In diesem Jahr musste man Notausgangsschilder für die Beschäftigten im Inneren der Holzhütten anbringen, damit sie durch die einzige Tür auch im Notfall wieder raus finden. Wegen des Jugendschutzes darf nur ein Getränk pro Person verteilt werden. „Das kann man gar nicht kontrollieren“, sagt Stroscher.

Dass der Markt so lange dauert, sei auch eine Frage der Refinanzierung. Die sei seit dem Brexit schwieriger geworden. Gestiegene Preise und Energiekosten kommen 2023 dazu. Um Strom zu sparen, macht der Markt nun erst eine Stunde später auf. Wegen des Brexits ist die Zahl der britischen Aushilfen deutlich angestiegen. Üblicherweise kamen die deutschen Beschäftigten der Schausteller mit, doch der EU-Austritt hat dies deutlich verkompliziert. Auch die Zölle treiben die Preise.

Das Gesamtpaket habe einigen Betreibern das Genick gebrochen, resümiert Stroscher. 80 Stände sind es in diesem Jahr, es waren in der Vergangenheit schon mal mehr als 100. Trotzdem rechnet er nicht mit weniger Gästen. Um die fünf Millionen sind es. Sie kommen mit Bussen an den Wochenenden aus anderen Teilen Englands nach Birmingham. Letztlich verdient die Stadt etwa 30 Millionen Pfund durch die Effekte des Weihnachtsmarktes.

Geld, das die gut drei Autostunden von London entfernte Stadt gut gebrauchen kann. Denn Birmingham ist insolvent. In den nächsten Jahren wird an vielen Stellen der Rotstift angesetzt werden müssen. Auf den Weihnachtsmarkt soll das keine Auswirkungen haben, da er keine Finanzierung von der Stadt erhält.

Der Gang über den Markt ist ein Feuerwerk der Gegensätze. Knallharte Engländer:innen in kurzen Sachen bei Regen und acht Grad Celsius auf der einen, die weihnachtlichen Hütten mit Bratwurst und Glühwein auf der anderen Seite. Die Holzhütten mit teilweise beeindruckender Höhe und dann die großen LED-Werbebanden an deren Dächern oder direkt am Weihnachtsbaum.

„Viele der Stände würden auch bei uns funktionieren“, sagt Thomas Feda und meint damit nicht die Werbebanden,sondern eher die ansprechende Holzbauweise mit schöner Weihnachtsverzierung. Aber den Platz für die riesigen, teilweise für eine Million Pfund pro Stück hergestellten Hütten gebe es in Frankfurt gar nicht. Und dann fügt er noch hinzu: „Die Bauaufsicht würde bei den Dingern die Krise kriegen.“ Wenn Weihnachtsmann- und Schneemannfigur von der Dachschräge nach unten schauen, muss man schon Vertrauen haben, dass die Verankerung hält.

Bleibt noch die Frage nach der Ökologie. „Wenn man nur ökologisch leben will, dürfte es gar keine Weihnachtsmärkte geben“, sagt Stroscher. Mutmaßlich auch keine sonstigen Volksfeste. Im Rahmen des Möglichen versuche man jedoch alles ökologischer auszurichten. So gebe es nur noch LED-Beleuchtungen, das bekannte Mehrwegsystem bei den Tassen, nachhaltige Tragetaschen und möglichst plastikfreies Besteck und Schälchen.

Das ursprüngliche Ziel, das deutsche Brauchtum zu präsentieren, hat letztlich geklappt. Mehr als 1000 Weihnachtsmärkte gebe es mittlerweile im Vereinigten Königreich, so Stroscher. Aber keiner sei so authentisch wie der Frankfurter in Birmingham.

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