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Bei einer Gedenkstunde für Oskar Schindler ruft der Philosoph Michel Friedman zur Verteidigung der Demokratie auf – und kritisiert die AfD-
Wiesbaden – Es ist beileibe keine gewöhnliche Debatte, die an diesem Mittwochnachmittag im hessischen Landtag über die Bühne geht. Solche klaren Reden über Demokratie und Menschenwürde hat man im Rund des Plenarsaals lange nicht mehr gehört.
Landtag und Landesregierung haben zu einer Gedenkstunde zum 50. Todestag von Oskar Schindler geladen – zur Erinnerung an den Industriellen, der sich zunächst als Opportunist den Nationalsozialisten andiente, später aber etwa 1200 Jüdinnen und Juden vor Deportation und Tod rettete. Nach dem Krieg hatte Schindler zurückgezogen in Frankfurt gelebt. Seine Geschichte wurde erst 1993 durch Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ weltweit bekannt.
Boris Rhein ruft zur Solidarität mit Israel auf
Erst in den 1990er Jahren sei die deutsche Gesellschaft bereit gewesen, sich mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit und Menschen wie Schindler zu befassen, sagt Landtagspräsidentin Astrid Wallmann (CDU). Mit einem Mann also, „der anfangs kein Held war, aber sich zu einem entwickelte“. Schindler sei auch heute ein Vorbild „angesichts des wachsenden Antisemitismus in unserem Land“.
Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) fasst die Botschaft Schindlers so zusammen: „Es gibt immer eine Möglichkeit, das Richtige zu tun.“ Der Unternehmer habe Haltung gezeigt, „die auch heute wieder gefragt ist“. Gerade erst habe sich der 7. Oktober gejährt, als die „Mörderbande“ Hamas das größte antisemitische Massaker seit dem Holocaust begangen habe. Deutschland müsse klar an der Seite seines Wertepartners Israel stehen, fordert Rhein – und das iranische Konsulat in Frankfurt gehöre geschlossen. In Zeiten, in denen der jüdische Staat um seine Existenz kämpfe, sei „diese verdammte Gleichgültigkeit“ keine Option, betont Rhein.
„In der schlimmsten aller Zeiten“ Juden gerettet
Der frühere israelische Diplomat Avi Granot, ein Sohn sogenannter Schindlerjuden, dankt dem Landtag auf Englisch, dass er mit Schindler „Menschlichkeit und Mitgefühl“ feiere. Bis zu Spielbergs Film habe sich keiner für Schindlers Geschichte interessiert, der „in der schlimmsten aller Zeiten“ Juden gerettet habe.
Und dann spricht der Philosoph Michel Friedman, auch er Sohn von Schindlerjuden. Er verdanke Schindler seine Existenz, sagt der 68-Jährige. Als Kind habe er nie begriffen, dass ein Held wie er nach 1945 von Deutschen als „Judenfreund“ bespuckt worden sei. Später habe er verstanden, dass Schindler „die kollektive Lüge“ widerlegt habe, man habe gegen die Nazis nichts tun können.
Menschenhass und das Prinzip der Demokratie
Schindler habe gehandelt, sagte Friedman, und das müsse man auch heute tun – gegen jene, die Menschenhass verbreiteten und „die Demokratie zerstören wollen“. Nicht aus Solidarität mit Juden, sondern aus Sorge um ein freies Leben. Und dann richtet er sich direkt an die Fraktion der AfD, die er mehrfach „Partei des Hasses“ nennt. Die AfD verachte das Prinzip der Demokratie, weil sie glaube: „Die Würde einiger Menschen ist antastbar.“ Er schäme sich für den Landtag, sagt Friedman, „dass Menschen hier sitzen, die das Parlament eigentlich zerstören wollen“.
„Oskar Schindler würde Sie verachten“, ruft Friedman der AfD entgegen. „Er kannte die Originale Ihres Denkens, er kannte die Originale der Herrenmenschen.“ Er sei stolz, in einer Demokratie zu leben und in einem frei gewählten Parlament sprechen zu dürfen. Zur AfD: „Sie gehören in kein Parlament.“ (Hanning Voigts)
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