VonVolker Niesschließen
Die Zahl der Geflüchteten, die im Landkreis Fulda untergebracht werden, hat sich im ersten Halbjahr 2023 im Vergleich zu 2022 mehr als halbiert. Zugleich fällt es den Kommunen immer schwerer, noch freien Wohnraum für sie zu finden. Mehrere Gemeinden setzen auf Wohncontainer zur Unterbringung.
Fulda - Das Jahr 2022 brachte die Kommunen im Landkreis Fulda an die Belastungsgrenze:Sie mussten mehr geflüchtete Menschen aufnehmen als 2015 und 2016 zusammen – die beiden Jahre, in denen das Thema Flüchtlinge die Schlagzeilen bestimmte.
2022 kamen vor allem Ukrainer, die vor Putins Angriffskrieg flohen. 3382 von ihnen nahm der Landkreis damals auf. In diesem Jahr trafen im ersten Halbjahr noch 426 Menschen aus der Ukraine ein. Am Anfang kamen viele in Privathäusern unter. Mittlerweile ist das schwieriger geworden.
Fulda: Wohnraum für Geflüchtete fehlt - Gemeinden prüfen Wohncontainer-Kauf
„Wir sind mit Hochdruck dran, freie Wohnungen zu finden. Aber das wird immer schwieriger für uns“, sagt der Eichenzeller Bürgermeister Johannes Rothmund (CDU) und spricht damit für viele seiner Amtskollegen. Die Unterbringung ist so schwierig, dass im Landkreis bereits ein Bürgermeister zwei geflüchtete Menschen in seiner eigenen Wohnung unterbrachte.
Eichenzell und andere Kommunen im Landkreis setzen jetzt auf den Einsatz von Wohncontainern. Im November 2022 eröffneten der Landkreis und die Stadt Fulda hinter dem Mensagebäude der Hochschule Fulda ein erstes Containerdorf für bis zu 100 Menschen. In diesem Dorf befinden sich neben Wohnräumen auch Gemeinschafts- und Sanitärräume.
Die Gemeinde Neuhof und die Gemeinde Dipperz haben bereits Wohncontainer bestellt. In Neuhof stehen sie bereits am Festplatz in Rommerz. „Die Container sind schon von zehn Menschen aus der Ukraine bewohnt. Maximal 48 Plätze sind möglich“, sagt Bürgermeister Heiko Stolz (CDU).
Hintergrund: Herkunftsländer
Aufnahme im Landkreis Fulda 2022: Gesamtzahl 4371. Ukraine 77 Prozent, Afghanistan 7 Prozent, Syrien 5 Prozent Türkei 3 Prozent, Irak 1 Prozent, Sonstige 7 Prozent
Aufnahme im Landkreis Fulda 2023, bis 15. Juni: Gesamtzahl 825. Ukraine 52 Prozent, Afghanistan 18 Prozent, Türkei 10 Prozent, Syrien 7 Prozent, Nordmazededonien 2 Prozent, Algerien 1 Prozent, Somalia 1 Prozent, Georgien 1 Prozent, Albanien 1 Prozent, Eritrea 1 Prozent, Sonstige 6 Prozent
In Dipperz steht der Standort Wertstoffhof bereits fest. Dort befinden sich Strom-, Trinkwasser- und Abwasseranschlüsse. Bürgermeister Klaus-Dieter Vogler (parteilos) erklärt: „Sobald die Vereinbarung mit dem Landkreis unterzeichnet ist, wollen wir die Container für bis zu 48 Menschen aufstellen.“
Bei der Vereinbarung geht es unter anderem um Zuschüsse. „Der Landkreis Fulda will sich über drei Jahre hinweg an den Anschaffungs- und Herstellungskosten zu 80 Prozent beteiligen. Die späteren laufenden Unterhaltungskosten will der Landkreis zu 100 Prozent übernehmen“, kündigt Lisa Laibach, Sprecherin des Landkreises, an.
Jetzt bemühen sich weitere Gemeinden um die Anschaffung von Wohncontainern. Eichenzell, Dipperz, Petersberg, Großenlüder, Kalbach und Burghaun könnten folgen. Die Lieferzeit für Container beträgt 8 bis 16 Wochen. In Petersberg haben die Gemeindevertreter bereits 595.000 Euro für den Kauf von Wohncontainern freigegeben.
Am 20. Juli sollen die Gemeindevertreter den Beschluss über den Standort treffen. „In Marbach und Petersberg bestehen bereits Gemeinschaftsunterkünfte. Doch es kommen weitere geflüchtete Menschen. Der Wohnungsmarkt ist leergefegt. Bevor wir Bürgerhäuser schließen, bauen wir Container auf“, erklärt Sebastian Kircher, Sprecher der Gemeinde.
Bis zu 59 Menschen sollen untergebracht werden. Ab 60 Bewohnern gelten schärfere Bestimmungen für den Brandschutz. In Eichenzell sollen die Gemeindevertreter noch vor den Sommerferien entscheiden, wo die Container aufgestellt werden. „Wir werden diese Kapazitäten brauchen“, sagt Bürgermeister Rothmund.
„Der Druck ist groß. Wir haben schon 100 Geflüchtete gut untergebracht, aber wenn die Zahlen wieder steigen, kommen wir schnell an unsere Grenzen“, sagt Burghauns Bürgermeister Dieter Hornung (CDU). Auch seine Gemeinde prüft den Einsatz von Wohncontainern.
„Noch haben wir Luft, aber das kann sich schnell ändern.“ Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen – weder über den Kauf noch über den Standort. Auch in Kalbach ist noch keine Entscheidung gefallen, aber die Gemeinde muss nach dem mit dem Landkreis vereinbarten Schlüssel – die Städte und Gemeinden erklärten sich bereit, bis zu drei Prozent der Einwohnerzahl an Flüchtlingen unterzubringen – noch 90 Flüchtlinge unterbringen.
„Wir bevorzugen die Unterbringung in Wohnungen, weil hier die Integration in den Ort leichter ist. Aber wir müssen uns auf wieder steigende Zahlen vorbereiten. Dann sind Wohncontainer eine Option“, erklärt Bürgermeister Mark Bagus (parteilos). Ein möglicher Standort wäre der Festplatz mit seinen Strom- und Wasseranschlüssen. Entstehen würden 40 bis 59 Plätze.
Nach wie vor ist die Unterbringungssituation im Landkreis Fulda – wie in ganz Deutschland – sehr angespannt
In Großenlüder diskutieren die Gemeindevertreter am 22. Juni über das Thema Wohncontainer . Bis zu 59 Plätze sollen geschaffen werden. „Der Haupt- und Finanzausschuss hat dieser Lösung bereits zugestimmt“, berichtet Bürgermeister Florian Fritzsch (SPD). Den Gemeindevertretern will Fritzsch auch von seinem Vorschlag für einen Standort berichten.
Der Fuldaer Landrat Bernd Woide (CDU) erklärt: „Nach wie vor ist die Unterbringungssituation im Landkreis Fulda – wie in ganz Deutschland – sehr angespannt. Das bedeutet, dass wir zunehmend auf Not- und Gemeinschaftsunterkünfte angewiesen sein werden. Das ist alles andere als optimal. Die Situation ist aber allein den Zuweisungszahlen von Bund und Ländern geschuldet.“
Video: Hohe Flüchtlingszahlen - Städte wollen Unterkünfte vom Bund
„Eine Zuzugsbegrenzung innerhalb Europas und der Bundesrepublik hat aus meiner Sicht oberste Priorität. Die Kapazitäten in den Landkreisen und Kommunen sind lange ausgeschöpft. Dabei geht es nicht nur um die Unterbringung der Menschen, sondern auch um die ärztliche Versorgung und die Betreuung in Schulen und Kitas.“
Auch diese Thematik belaste die Kommunen erheblich. „In der Diskussion um einen EU-Asyl-Kompromiss habe ich viel von verschiedenen internationalen Abkommen gehört, aber viel zu wenig davon, wie man Kommunen effektiv entlasten kann“, sagt der Fuldaer Landrat.

