Frankfurter Gastronomen

Zur Not muss der Chef selbst an den Zapfhahn: Personal-Jonglage in der Gastronomie

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Fehlende Arbeitskräfte, steigende Kosten und sinkende Nachfrage bereiten Wirten Sorgen – gerade jetzt in der Hochsaison. Mehrere Hundert Arbeitnehmer fehlen.

Frankfurt – Im Oktober haben laut Arbeitsagentur in Hotels und Gastronomiebetrieben in Frankfurt 430 Mitarbeitende gefehlt. Viele Gastronom:innen suchen händeringend nach Arbeitskräften – und behelfen sich, so gut es geht. Viele greifen auf Personalagenturen zu. Doch auch bei diesen Zeitarbeitsfirmen sind Stellen offen. Dies geht aus dem aktuellen Jobangebot der Agentur für Arbeit hervor.

Wenn es eng wird, zapft er auch selber: Tim Döhring, Direktor im Blasky Hotel. Enrico Sauda

Betroffen sind große Gastronomiebetriebe genauso wie kleinere, aber die größeren können den Personalmangel leichter kompensieren. „Wir haben einen Vorteil durch die Größe“, sagt etwa Holger Schuster, Geschäftsführer der Accente Gastronomie Service GmbH, die neben der Gastronomie bei der Messe einen Catering-Service und Restaurants in der Stadt betreibt. „Von Oktober bis Dezember ist die Hoch-Zeit der Branche.“ Es gebe viele Messen und Veranstaltungen, dazu viele Firmen, die Weihnachtsfeiern ausrichten wollen: Da wird jede Hand gebraucht. Allein bei Accente fehlen rund zehn Mitarbeitende in Küche und Service. „Bis jetzt mussten wir aber noch keine Veranstaltung ablehnen“, so Schuster. Allerdings müsse man lange im Voraus planen: „Spontan am Mittwoch einen Saal mieten und am Freitag eine Veranstaltung ausrichten, das geht leider nicht mehr.“ Zu schwierig sei das Jonglieren mit dem Personal.

Personal heiß umkämpft – Chef steht zur Not selbst am Zapfhahn

Bei anderen Unternehmen behilft man sich mitunter anders. So versichert Tim Döhring, Direktor des Blasky Hotels im Ziegelhüttenweg in Sachsenhausen: „Wenn es eng wird, stelle ich mich mit den Abteilungsleitern an den Bierhahn. Wir lassen die Mitarbeiter im Restaurant nicht im Stich.“ Personal sei nicht erst seit gestern heiß umkämpft – aber angesichts der im Vergleich zu 2022 wieder gestiegenen Veranstaltungszahlen sei das Problem schwieriger zu bewältigen.

Die Wirt:innen reagierten unterschiedlich auf die Situation, weiß Michel van Goethem von der Initiative Gastronomie Frankfurt: „Manche haben kürzere Öffnungszeiten, andere erlauben keine Firmenfeiern mehr mit Open End. Sie schließen um Mitternacht.“ Dass solche Feiern abgelehnt werden müssen, hat er für Frankfurt noch nicht gehört. „Das gibt es eher im ländlichen Raum.“ Aber Wirt:innen müssten den Personaleinsatz genau planen.

Oft läuft es darauf hinaus, dass Mitarbeiter:innen in der Gastronomie Überstunden machen. So klagt die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten, dass im vergangenen Jahr alleine 310.000 Überstunden angefallen seien. Wolle man die Beschäftigten angesichts des hohen Arbeitsdrucks halten, müssten höhere Löhne her, mindestens 3000 Euro für Berufsanfänger:innen, fordert die Gewerkschaft.

Bedeuten die Mehrwertsteuerpläne das Aus für Gastronomen in Frankfurt?

Mit Personalnöten hat auch Daniel Arons, Geschäftsführer der Frankfurter Botschaft am Westhafen, zu kämpfen: „Mir fehlen mindestens zwei Mitarbeiter.“ Wenn große Veranstaltungen anstünden, bliebe ihm nichts anderes übrig, als auf Personaldienstleister zurückzugreifen. „Aber das ist teuer.“ Er könne die höheren Kosten nicht einfach an die Gäaste weitergeben. Dass die goldenen Zeiten vorbei zu sein scheinen, spürt auch Robert Mangold. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Tiger & Palmen Gruppe, zu der das Café Siesmayer, das Lafleur im Palmengarten und das Restaurant im Tigerpalast gehören. Und er ist Vorsitzender des Kreisverbands Frankfurt im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) und Vizepräsident des Dehoga Hessen.

„Den Mangel an Mitarbeitern, den meine Kollegen beschreiben, haben wir nicht“, sagt er, „aber die Nachfrage ist noch nicht wieder da. Wir sind noch nicht ausgebucht.“ Um rund 15 Prozent seien die Buchungen zurückgegangen, Stand Ende Oktober, verglichen mit 2019. „Es gibt eine Kaufzurückhaltung. Die Kunden schauen auf die Preise.“ Die Weihnachtsfeiern dürften nicht mehr so spendabel ausfallen wie vor der Corona-Krise.

Einige Gastronom:innen fürchten die Pläne der Bundesregierung, die Mehrwertsteuer für Speisen im Restaurant wieder auf 19 Prozent anzuheben. „Wenn das geschieht, werden viele Gastronomen aufgeben“, sagt einer, der nicht genannt werden will. „Wer die Preise nicht erhöht hat, kann es jetzt kaum noch tun. Dann fehlt die Marge, um die höhere Mehrwertsteuer zu zahlen.“ Das fürchtet auch Kerstin Junghans, Geschäftsführerin des Dehoga Frankfurt: „Die Mehrwertsteuer ist die größte Sorge der Branche.“ (Thomas Schmid)

Rubriklistenbild: © Enrico Sauda

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