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Die Frankfurter Rundschau beantwortet wichtige Fragen zu Glücksspiel und Sucht in Hessen.
Schulden, private Konflikte, Depressionen, Verlust des Arbeitsplatzes zählen zu den gravierenden Folgen von Spielsucht, die etwa bei Sportwetten, Poker, Online-Games oder Automaten auftreten kann. Der Staat fördert zwar die Fachberatung für Betroffene, profitiert aber auch durch Steuereinnahmen vom Glücksspiel. Die FR beantwortet wichtige Fragen zum Thema.
Wie viele Menschen sind von Glücksspielsucht betroffen?
Laut dem Glücksspielsurvey, einer bundesweiten Studie, und weiteren Berechnungen haben circa 100 000 erwachsene Hess:innen eine Glücksspielstörung; mehr als 240 000 zeigen ein riskantes Spielverhalten. Von den Fachberatungen wurden 2021 insgesamt 1061 Personen aufgrund der Problematik beraten, die meisten in Zusammenhang mit Automatenspiel. Das geht aus der jüngsten Statistik der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) hervor. Betroffene können über das Sperrsystem Oasis am Zocken in Spielhallen gehindert werden. Im vergangenen Jahr wurden in Hessen rund 20 000 Sperren, die selbst oder von Dritten beantragt werden können, gezählt.
Wo können pathologische Spieler:innen Hilfe bekommen?
Für sie gibt es in Hessen 15 spezialisierte Beratungsstellen, zum Beispiel im Suchthilfezentrum Wildhof in Dietzenbach, im Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe des Hochtaunuskreises in Bad Homburg oder im Caritas-Zentrum in Fulda. Eine Übersicht bietet die HLS auf ihrer Website (www.hls-online.org). Die Einrichtungen sind in der Regel in größere ambulante Anlaufstellen integriert. Sie bieten unter anderem Information, Beratungsgespräche, Selbsthilfegruppen an und vermitteln weitergehende Hilfen, auch für Angehörige.
Wie sieht der rechtliche Rahmen aus?
Diesen bilden der bundesweite Glücksspielstaatsvertrag und das hessische Glücksspiel- sowie das Spielhallengesetz. Sie enthalten etwa Abstands- und Einzahlungsregelungen. So muss der Abstand zwischen Schulen und Wettbüros mindestens 250 Meter betragen, zwischen zwei Spielhallen 300 Meter. Das individuelle Limit für Wetten beträgt 1000 Euro monatlich. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder in Halle soll die Einhaltung der Regeln prüfen. Hessen hat mittlerweile Online-Casinos mit Spielen wie Roulette erlaubt. Innenminister Peter Beuth (CDU) argumentierte vor allem damit, dass sich dem Verbot zum Trotz ein großer grenzüberschreitender Schwarzmarkt im Internet gebildet habe.
Was sagen Fachleute aus der Suchtberatung zur Gesetzeslage?
Expert:innen, etwa von der HLS, beklagen einen völlig unzureichenden gesetzlichen Schutz vor Spielsucht und eine nicht ausreichende Finanzierung der Präventions- und Beratungsangebote. Zu weiteren Kritikpunkten zählen der einfache Zugang zu Online-Angeboten, die wegen der hohen Frequenz und fehlenden sozialen Kontrolle ein besonders hohes Suchtpotenzial hätten, sowie zu hohe Einsatzlimits und mangelnde Kontrolle der Gesetze.
Inwiefern profitiert der Staat?
Das Land Hessen hat allein seit dem Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrags im Sommer 2021 bis Ende des Jahres bis zu 20 Millionen Euro an Steuern aus Glücksspielen im Internet eingenommen. Lotto Hessen – ein Beteiligungsunternehmen des Landes, das auch ein großes Angebot an Online-Spielen hat – zahlte in dem Jahr 120 Millionen Euro Lotteriesteuer. Zudem flossen 143,2 Millionen Euro für das Gemeinwesen an das Land. Das Geld soll laut Glücksspielgesetz zur Förderung von beispielsweise Sport, Kultur und Denkmalpflege verwendet werden.
Welche Bedeutung haben illegale Spielautomaten?
Allein die Polizei Gießen, bei der sich eine „Besondere Aufbauorganisation“ mit dem Thema befasst, hat seit 2020 mehr als 300 solcher Automaten sichergestellt. Polizei und Ordnungsbehörden versuchen, dem Problem – laut Schätzungen liegt die Zahl dieser Geräte in Hessen im fünfstelligen Bereich – mit Kontrollen entgegenzuwirken. Bei einer Aktion im Sommer 2023 etwa wurden 86 Wettbüros, Spielhallen und andere Lokale durchsucht. Die Bilanz: 21 Strafanzeigen, 78 Ordnungswidrigkeiten, sieben sichergestellte Automaten.
Zusammengestellt von Gregor Haschnik
